Hitzestress im Deckzentrum: So sichern Sie den Besamungserfolg an heißen Tagen
Der Sommer stellt Sauenhalter regelmäßig vor große Herausforderungen. Besonders im Deckzentrum reagieren Sauen sehr sensibel auf hohe Temperaturen. Wie sich Hitzestress auf die Fruchtbarkeit von Sauen auswirkt, welche Stellschrauben im täglichen Management entscheidend sind und wie der sensible Umgang mit dem Sperma gelingt, erklärt Gerd Vahrenhorst, Spezialist für Fruchtbarkeitsmanagement der GFS – Genossenschaft zur Förderung der Schweinehaltung eG – im Interview.
Der Sommer gilt in vielen Sauenbetrieben als kritische Phase für die Fruchtbarkeit und die biologischen Leistungen. Warum macht Hitze den Sauen im Deckzentrum so stark zu schaffen, und wie äußert sich das?
Gerd Vahrenhorst: Das Problem beginnt meistens nicht erst im Deckzentrum, sondern hat seine Ursachen oft schon im Abferkelstall. Durch Hitzestress in der Abferkelbucht sinkt die Futteraufnahme der säugenden Sauen drastisch. Kommt in dieser Phase noch eine unzureichende Wasserversorgung hinzu, so ist dies der Leistungsfähigkeit nicht förderlich. Daher sollte stets auf ausreichende Durchflussraten an den Tränken geachtet werden, wobei Durchflussmesser eine wertvolle Unterstützung bei der Kontrolle bieten. Grundsätzlich gilt: Wasser ist gleich Kühlung! Die von uns angestrebten 40 bis 60 Liter Wasser pro Sau und Tag im Abferkelbereich müssen auch an heißen Tag erreicht werden können. Ist dies nicht der Fall, verlieren die Sauen durch den Stress und Energiemangel an Körpersubstanz. Kommen die Sauen dann mit einer schlechteren körperlichen Verfassung in das Deckzentrum, belastet dies die Fruchtbarkeitsergebnisse enorm.
Wirkt sich Hitzestress auch auf das Verhalten der Sauen im Deckzentrum aus und wie kann das tägliche Management bei der Rauschekontrolle und Besamung daran angepasst werden?
Gerd Vahrenhorst: Ja, absolut. Die Rauschesymptome können unter Hitzestress deutlich schwächer ausfallen oder verzögert eintreffen. Daher lautet die wichtigste Empfehlung: Ab dem ersten Absetztag muss eine frühzeitige und sehr intensive Stimulation mit mehreren Ebern erfolgen. Und das am besten zweimal täglich. Ganz entscheidend ist hierbei die Wahl der Uhrzeit. Solche Arbeiten sollten keinesfalls in die heißen Nachmittagsstunden gelegt werden. Besser ist es, die Rauschekontrolle und Besamung sehr früh am Morgen und ein zweites Mal gegen Mittag durchzuführen. Danach müssen die Tiere unbedingt Ruhe haben, um sich nicht weiter aufzuheizen.
Zusätzlich helfen im Deckzentrum technische Hilfsmittel wie kleine Brausen oder andere Kühlungsmöglichkeiten. Auch offene Wasserstellen wie Trogfluter oder Einzeltrogsysteme bieten den Sauen die Möglichkeit, sich bei Bedarf selbst zu kühlen.
Wer bereits die Gruppenhaltung im Deckzentrum umsetzt, hat es hier oft etwas leichter, da sich die Tiere im Raum selbst kühlere Zonen suchen können. Stehen die Sauen hingegen fest im Kastenstand, stellt das hohe Anforderungen an eine optimal funktionierende Lüftung und Kühlung, insbesondere eine gute Nasenbelüftung.
Was können Sauenhalter im Bereich der Besamung machen, um den Besamungserfolg auch im Hochsommer zu sichern?
Gerd Vahrenhorst: Hier greifen mehrere kurzfristige und mittelfristige Maßnahmen ineinander. Ein wichtiger Punkt ist die Hygiene. Bei fixierten Tieren sollte zweimal am Tag der Kot abgezogen und entfernt – keinesfalls untergeschoben – werden. Der Einsatz von Hygienepulver hilft zusätzlich, feuchte Stellen im Liegebereich schnell abzutrocknen und zu desinfizieren.
Einige Betriebe waschen die Sauen mittlerweile nicht nur beim Einstallen in den Abferkelstall, sondern auch beim Ausstallen oder am zweiten bis dritten Tag nach dem Absetzen noch einmal. So spült man Keime und Milchreste effektiv ab. Bei passendem Wetter kann man auch täglich kurz mit dem Wasserschlauch über die Sauen gehen. Wichtig ist aber: Das Wasser am Boden muss sofort abfließen können und der Stall muss schnell wieder abtrocknen, damit die Luftfeuchtigkeit nicht ansteigt und es nicht zu hygienischen Problemen kommt.
Außerdem müssen wir im Deckzentrum penibel auf die Wasserversorgung der Sauen achten. Wir wollen auch hier Durchflussmengen von mindestens 3 - 5 Litern pro Minute an den Tränken sehen, was ebenfalls regelmäßig mit dem Messbecher überprüft werden sollte. Unterstützend können Rausche-fördernde Maßnahmen ergriffen werden: Fütterungsbezogen über Zucker, auch in Kombination mit Spurenelementen und Vitaminen oder hormonell, um stille
Rauschen nicht zu verpassen – besonders bei Erstlingssauen.
Wie kann der Ablauf rund um die Rauschkontrolle und das Belegen an heißen Tagen am besten organisiert werden?
Gerd Vahrenhorst: Eine gute Arbeitsorganisation ist im Sommer extrem wichtig. Ich empfehle dringend, die routinemäßige Stallarbeit und die Besamung komplett in die frühen Morgenstunden zu verlegen. Dann ist es im Stall noch kühl und erträglich. Alles, was danach an Außenwirtschaft, Erntearbeiten oder sonstigen stressigen Aufgaben anfällt, läuft dann später am Tag. Wenn man im Stall früh durch ist, entlastet das Mensch und Tier.
Was die Belegungsabstände angeht: Wir empfehlen standardmäßig, die Besamung am ersten Tag etwa nach der Mittagszeit zu starten und die Folgebesamungen im Abstand von 18 bis 20 Stunden durchzuführen. Dadurch rutscht man ab der zweiten Belegung automatisch in die kühleren Vormittagsstunden. Ganz wichtig ist zudem eine lückenlose Dokumentation von Duldungsbeginn bis Duldungsende. Am besten bereitet man sich schon im Frühjahr intensiv vor und geht die Schwachstellen des Vorjahres gezielt an, z.B. mit Unterstützung durch die Besamungsmanagement-Analyse der GFS.
Und ganz pragmatisch: Reparieren Sie im Vorfeld Kleinigkeiten, die im Alltag nerven, wie klemmende Tore oder defekte Buchtenverschlüsse. In stressigen Hitzephasen raubt so etwas nur unnötig Motivation, die wichtig ist für einen guten Besamungserfolg. Nicht zu vernachlässigen ist dabei auch das Thema Fliegenbekämpfung. Gerade in den Sommermonaten, wenn es feucht-warm wird, explodieren die Fliegenpopulationen häufig. Hier muss sofort mit Akutmitteln reagiert werden, um den Fliegendruck zu senken und die Sauen nicht zusätzlich zu belasten.
Welche Fehler gilt es im Sommer beim Umgang mit dem Sperma zu vermeiden? Wie schützt man die sensiblen Tuben außerhalb des Klimaschranks und wie viele Portionen sollte man maximal gleichzeitig mit in das Abteil nehmen?
Gerd Vahrenhorst: Die Kühlkette darf unter keinen Umständen unterbrochen werden. Das beginnt schon bei der Lagerung: Ich plädiere für deutlich größere Thermoschränke im Betrieb. Wir benötigen im Schrank mindestens ein Drittel freien Luftraum, damit die Umluft gut zirkulieren kann und die Tuben gleichmäßig temperiert bleiben. Größere Schränke sind im Stromverbrauch und im Preis-Leistungs-Verhältnis oft ohnehin günstiger. Hier also lieber eine Nummer größer wählen.
Für den Transport aus dem Thermoschrank in den Stall reicht eine gut isolierte Campingbox oder Styroporbox völlig aus. Man sollte immer nur so viele Portionen mit ins Abteil nehmen, wie man in kurzer Zeit auch wirklich verarbeiten kann. Sollten Tuben im Stall übrig bleiben und nicht verwendet worden sein, müssen diese unbedingt markiert und bei der nächsten Belegung vorrangig aufgebraucht werden. Pipetten sollten aus hygienischen Gründen grundsätzlich außerhalb des Stalls gelagert und erst direkt zur Besamung mitgenommen werden.
Auch nach der Besamung ist das Risiko noch nicht vorbei. Wie können die Sauen in den ersten Wochen der Trächtigkeit unterstützt werden, um hitzebedingte Verluste (wie Umrauscher) zu minimieren?
Gerd Vahrenhorst: Nach dem Belegen gilt es, Stress tunlichst zu vermeiden. Bei der Gruppenbildung haben Betriebe zwei gute Optionen: Entweder man arbeitet man in einem kurzen Deckzentrum und startet die Gruppenbildung direkt am Ende der Belegwoche. Damit kommt man noch vor die sensible Phase der Einnistung. Oder man fixiert die Sauen über mindestens vier Wochen, was sich aufgrund der neuen gesetzlichen Vorgaben in naher Zukunft ohnehin erledigt hat. Die frühzeitige Gruppenbildung direkt nach dem Belegen ist daher klar zu favorisieren.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Umrauscherkontrolle. Diese sollte ab dem 19. oder 20. Trächtigkeitstag sehr gewissenhaft gestartet werden. Um die Sauen in dieser sensiblen Phase nicht unnötig zu stressen, empfehle ich, primär mit moderner Ultraschall-Scantechnik zu arbeiten. Nur bei fraglichen Sauen sollte dann eine gezielte Rauschekontrolle mit Eberkontakt stattfinden. Betrieben, die Hilfe bei der Trächtigkeitskontrolle benötigen, stehen unsere spezialisierten Scannerdienste gerne fachlich zur Seite. Ebenso bietet die GFS praxisnahe Schulungen zur Eigenbestandsbesamung und Ultraschalldiagnostik an.
Und ganz wichtig: Vergessen Sie die Eber nicht! An heißen Tagen sind auch die Sucheber schnell erschöpft und 'platt'. Daher gelten die Grundsätze an die Wasserversorgung und Kühlungsmöglichkeiten auch für die Eber. Spitzenbetriebe halten im Sommer oft mindestens vier verschiedene Sucheber vor, um durch regelmäßige Abwechslung eine konstant gute Stimulation der Sauen abzusichern und Ausfälle flexibel kompensieren zu können. Das Zusammenspiel zwischen Sau und Eber muss einfach passen.

