08.10.2021

Lebensmitteleinzelhandel und Schlachter setzen immer stärker auf Tierwohl und Regionalität

Aktionswerbung mit Preisbetonung auf der einen und Tierwohlziele auf der anderen Seite – kein Widerspruch!

Aktionswerbung mit Preisbetonung auf der einen und Tierwohlziele auf der anderen Seite – kein Widerspruch!

Die Schweinehalter kämpfen angesichts der aktuellen Preismisere um das betriebliche Überleben. Verschiedene Lebensmitteleinzelhändler kommen den Forderungen nach einer Ausweitung der Werbeaktionen inzwischen nach, um den Absatz von deutschem Schweinefleisch anzukurbeln. Auf der anderen Seite haben in den vergangenen Wochen und Monaten verschiedene Lebensmittelhändler weiter klare Ziele für die Erzeugung des von ihnen vermarkteten (Frisch)fleisches gesteckt. Die Haltungsstufen spielen dabei in Zukunft eine zentrale Bedeutung. Einige Ankündigungen werden bereits umgesetzt, wie aktuelle Meldungen einzelner Händler und auch Schlachtunternehmen zeigen.

ISN: Aktionswerbung mit Preisbetonung auf der einen und Tierwohlziele auf der anderen Seite – ein Widerspruch? Mitnichten, denn die Werbung für Schweinefleisch ist als Akutmaßnahme jetzt wichtig, um endlich wieder Luft für Preissteigerungen zu schaffen. Die Tierwohlziele zeichnen dagegen die zukünftige Ausrichtung der Schweinehaltung nach der Krise vor. Jetzt muss es aber erst einmal um das Überleben der Betriebe gehen!   

 

 

Händler und Schlachtunternehmen positionieren sich Richtung Tierwohl und Herkunft

 

Aldi (Nord und Süd) hat Ende Juni mit seiner Ankündigung zur zukünftigen Ausrichtung des Frischfleischsegments eine Lawine ins Rollen gebracht. Ab 2030 soll nur noch Frischfleisch der Haltungsformen 3 und 4 vermarktet werden, bereits ab 2025 nur noch Stufe 2. Weitere Lebensmittelhändler zogen bereits kurz darauf mit entsprechenden Erklärungen nach. Inzwischen haben die vier größten Unternehmen (EDEKA, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi), die nach Angaben von Statista im vergangenen Jahr einen Marktanteil von 75,5 % vereinten, klare Zielvorgaben veröffentlicht und setzen zum Teil bereits jetzt erste Ankündigungen in die Tat um.

 

EDEKA und Kaufland melden Umsetzung

EDEKA Minden-Hannover hat in dieser Woche bekannt gegeben, dass seit Anfang Oktober alle Schweinefleischprodukte mindestens den Kriterien der Haltungsform 2 entsprechen, und zwar sowohl Fleisch von der Bedientheke als auch SB-Fleisch. Darüber hinaus würden alle Artikel unter der Marke Bauerngut aus Fleisch von Tieren aus deutscher Aufzucht hergestellt. Kaufland erklärte ebenfalls diese Woche, dass ab sofort an ausgewählten Bedientheken in Nordrhein-Westfalen Wurstwaren von Strohschweinen angeboten würden. Die Tiere sollen von regionalen Lieferanten aus Haltungsform Stufe 3 Außenklima stammen und auf Stroh gehalten werden. Damit wolle das Unternehmen es seinen Kunden noch einfacher machen, sich für mehr Tierwohl zu entscheiden, so Kaufland.

 

Müller will Regionalität und Tierwohl

Auch die Schlachtunternehmen gehen den gleichen Weg und machen mit Bekenntnissen zur regionalen Produktion und höheren Tierwohlstandards Nägel mit Köpfen. Die Müller Gruppe aus Süddeutschland hat in dieser Woche  vermeldet, ein neues Vertragsmodell mit Regional- und Haltungszuschlägen als Grundlage für zukünftige Lieferketten entwickelt zu haben und bekannte sich zur deutschen Herkunft mit 5xD. So würden nach Unternehmensangaben in den Betrieben der Müller Gruppe ausschließlich Schweine mit deutscher Ferkelherkunft geschlachtet. Der eingeschlagene Weg ist weder für die Müller Gruppe noch für anderen Schlachtunternehmen neu. Bei fast allen größeren Schlachtunternehmen bis hin zum Branchenprimus gibt es Entwicklungen zur Bildung von regionalen Ketten, in denen sie auf Herkunft und Tierwohl setzen.  

 

Lieferverträge sorgfältig prüfen!

Unabhängig davon, auf welchen Vermarktungspartner und auf welches Programm sich der einzelne Schweinehalter festlegt, ist eine weitere Erkenntnis wichtig: Je stärker der Weg in Richtung der höheren Haltungsstufen gegangen wird, desto mehr müssen Schweinehalter investieren und desto mehr Planungssicherheit benötigen sie. Das heißt, feste Lieferverträge mit klar festgelegten und langfristigen Preismodellen gewinnen an Bedeutung. Dazu rät ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack: Entscheidend ist, dass jeder Schweinehalter, der einen Liefervertrag abschließt, sich im Klaren ist, mit wem er welche Rechte und Pflichten vereinbart. Prüfen Sie also sehr sorgfältig alle Vertragsdetails, bevor Sie sich länger binden. Nutzen Sie dazu auch unsere Informationen und die Checkliste im Mitgliederbereich des www.schweine.net.

 

Die ISN meint:

Es scheint paradox, auf der einen Seite läuft der Schweinemarkt katastrophal schlecht, die schweinehaltenden Betriebe rutschen immer weiter in eine finanzielle Notsituation und immer mehr Sauenhalter und Schweinemäster steigen aus. Der Absatz für Schweinefleisch reicht nicht aus, trotz der bereits erheblich reduzierten hiesigen Schweinebestände. Somit ist klar: Damit sich der Preis endlich erholen kann braucht es absatzfördernde Werbeaktionen für deutsches Schweinefleisch im deutschen Lebensmitteleinzel- und -großhandel. Auf der anderen Seite wird immer deutlicher, dass die Haltungs- und Herkunftsbedingungen der Schweine bzw. des Schweinefleisches eine immer größere Rolle spielen. Viele stellen sich die Frage, wie absatzfördernde Werbung auf der einen – und immer höhere Haltungsanforderungen auf der anderen Seite zusammen passen, so ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack und erläutert: Das passt zusammen, weil wir die absatzfördernden Verkaufsmaßnahmen im Lebensmittelhandel als Akutmaßnahme unbedingt brauchen, damit der Absatz deutlich steigt, die Lagerbestände abgebaut werden und damit es endlich wieder Luft für auskömmliche Schweinepreise gibt. Jetzt geht es also erst einmal darum, dass die Schweinehalter die Preiskrise überstehen und wieder Geld mit den Schweinen verdienen. Denn nur wenn das gegeben ist, bleiben die Betriebe für die Herkunft D und mehr Tierwohl in den Ställen erhalten.  Staack erläutert weiter: Die Lebensmittelhändler zeichnen den Weg zu höheren Haltungsstufen deutlich vor. Wichtig ist, dass dies in Deutschland  auch umsetzbar ist, sonst kommt das Fleisch zukünftig aus anderen Herkunftsländern. Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass auch die Herkunft D an Bedeutung gewinnt.