20.05.2021

Ernährungsreport 2021: Tierwohl gewinnt an Bedeutung - ISN: Mehrkosten müssen auch getragen werden

"Deutschland, wie es isst", der BMEL-Ernährungsreport 2021 ©BMEL

"Deutschland, wie es isst", der BMEL-Ernährungsreport 2021 ©BMEL

Der diesjährige Ernährungsreport Deutschland, wie es isst zeigt: der Fleischkonsum in Deutschland geht weiter zurück. In den Fokus der Verbraucher rücken beim Lebensmitteleinkauf zunehmend Produktsiegel. Insbesondere das Tierwohllabel gewinnt an Bedeutung, berichtet AgE.

ISN: Worte und Taten laufen oft dann auseinander, wenn es ums Geld geht. Eines ist klar: Tierwohl kostet mehr und die Mehrkosten müssen auch getragen werden. Zudem darf mehr Tierwohl nicht nur gefordert, sondern muss auch ermöglicht werden. Hier muss die Politik handeln und die bestehende Stallbaubremse lösen.

 

Produktsiegel werden beim Lebensmitteleinkauf immer wichtiger. Das zeigt der diesjährige Ernährungsreport Deutschland, wie es isst, den Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gestern in Berlin vorgestellt hat. Demnach ist der Anteil der Befragten, die häufig oder sehr häufig mit Siegeln gekennzeichnete Produkte kaufen, 2021 im Vorjahresvergleich um 15 Prozentpunkte auf 66 % gestiegen. Jeweils etwa zwei Drittel orientieren sich derzeit am Regionalfenster und am Biosiegel, weitere 55 % am Tierwohllabel. Das vom Bundeslandwirtschaftsministerium geplante Tierwohlsiegel ist 86 % der Befragten wichtig oder sogar sehr wichtig.

 

Geschmack bleibt beim Kauf am wichtigsten

Das wichtigste Merkmal bei der Kaufentscheidung bleibt dem Report zufolge der Geschmack. Ganze 96 % der Befragten sehen ihn als wichtiges Kriterium an. Für 82 % der Deutschen ist die regionale Herkunft wichtig, für 78 % die Saisonalität, für 54% die Produktinformation und für 48 % der Preis. Beim Einkauf von Fertigprodukten haben 59 % bereits bewusst zu zucker- und weitere 52 % zu fettreduzierten Waren gegriffen.

 

Deutsche essen weniger Fleisch

Wie aus dem Bericht außerdem hervorgeht, ist der Anteil von Vegetariern in der Bevölkerung 2021 im Vorjahresvergleich von 5 % auf 10 % gestiegen, der Anteil von Veganern von 1 % auf 2 %. Insgesamt legen 30 % der Befragten vegetarische oder vegane Produkte öfter mal in den Einkaufswagen. Mit 47 % besonders groß ist der Anteil in der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen. Etwa 71 % aller Befragten gaben als Grund für den Einkauf von Ersatzprodukten Neugier an, 59 % Tierschutzgründe und jeweils 13 % den Geschmack, den Klima- und den Umweltweltschutz.

 

Vertrauen in heimische Lebensmittel ist groß

Das Vertrauen in Lebensmittel ist laut den Umfrageergebnissen 2021 auf hohem Niveau gestiegen. Insgesamt 83 % der Deutschen vertrauen voll und ganz oder eher in die Sicherheit der hierzulande angebotenen Lebensmittel; im Vorjahr waren es 74 %. Deutlich erhöht haben sich 2021 auch die Ansprüche an die Landwirtschaft. So sind 73 % der Befragten eine artgerechte Haltung der Tiere wichtig; das sind 7 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Faire Löhne halten 69 % der Befragten für zentral, den Umweltschutz 57 % und den Emissionsschutz 54 %.
Für den Report wurden im Januar und Februar dieses Jahres insgesamt rund 1.000 Personen ab 14 Jahren telefonisch befragt.


Die ISN meint:

Die Ergebnisse der Befragung scheinen eindeutig: Tierwohl gewinnt bei den Deutschen deutlich an Bedeutung. Die Ansprüche an die Landwirtschaft steigen und dem Großteil der Deutschen ist eine artgerechte Tierhaltung beim Lebensmitteleinkauf wichtig. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Worte und Taten oft dann auseinanderlaufen, wenn es ums Geld geht. Auch wenn viele Verbraucher mehr Tierwohl fordern, ist ein Großteil trotzdem nicht bereit, die Mehrkosten freiwillig an der Ladenkasse zu tragen.

Es muss jedoch klar sein: Mehr Tierwohl kostet auch mehr. Dass die Mehrkosten für höhere Tierwohlstandards getragen werden, muss also eine Selbstverständlichkeit sein. Klar sein muss aber auch: Die Betriebe agieren auch mit neuen Haltungskonzepten weiterhin am Markt und müssen über diesen auch Gewinne erzielen. Von der Erstattung der Mehrkosten kann kein Unternehmen überleben, geschweige denn sich weiterentwickeln. Es kommt also darauf an, dass diese beiden Enden aus Mehrkostenerstattung und Markterlös tatsächlich praxisnah zusammengebunden werden können. 


©ISN/2lead

©ISN/2lead

Zudem offenbart sich für die Schweinehalter ein weiteres Problem. Auf der einen Seite wird sowohl von Gesellschaft als auch Politik mehr Tierwohl gefordert, auf der anderen Seite wird der Umbau von Ställen hin zu mehr Tierwohl ausgebremst. Baugenehmigungen werden entweder gar nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand erteilt, wichtige Rahmenbedingungen sind nach wie vor nicht geklärt. Die Politik muss hier dringend handeln, wenn sie es ehrlich mit der Weiterentwicklung der Tierhaltung in Richtung Tierwohl meint. Nur wenn die einzelnen Puzzleteile  ineinandergreifen,  wird sich ein Gesamtbild für die Tierhalter ergeben, auf dessen Grundlage sie in neue Ställe investieren können.

Auf diese Problematik weisen wir auch in unserer neuen Kampagne Betriebsentwicklung ermöglichen - Stallbaubremse lösen hin und wollen dazu Tierhalter, landwirtschaftliche Organisationen und Unternehmen vernetzen, um die Politik – insbesondere im Wahlkampf - daran zu erinnern, wo der Schuh drückt.


Hier geht’s zur Kampagne „Betriebsentwicklung ermöglichen - Stallbaubremse lösen“

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