26.08.2021

Herausforderungen für die Schweinezucht

Fragen an Dr. Irena Czycholl, PIC Produktentwicklung, und Dr. Craig Lewis, PIC Genetic Services


PD Dr. Irena Czycholl verstärkt das Team der PIC Dr. Craig Lewis, PIC

Wir nehmen die Tatsache, dass seit Kurzem Dr. Irena Czycholl, Fachtierärztin für Verhaltenskunde, das globale PIC-Team verstärkt, zum Anlass, mit ihr und mit Dr. Craig Lewis, verantwortlich für das Genetic Service Team in Europa, über aktuelle Herausforderungen in der Schweinezucht zu sprechen.


Dr. Czycholl, Sie haben sich in der Vergangenheit bereits intensiv mit dem komplexen Thema Tierwohl und 
-verhalten auseinandergesetzt. Welche wesentlichen Erkenntnisse sollten aus Ihrer Sicht in erster Linie Eingang in die Zucht finden?

IC: Wichtig ist, sich immer vor Augen zu führen: Wir können nur verbessern, was wir auch objektiv und korrekt messen können. Da werden uns künstliche Intelligenz, Machine Learning, Automatisierung und andere neue Technologien ein ganzes Stück schneller voranbringen. Gerade für den Bereich Verhalten brauchen wir umfangreiche Daten.
Die Körpersprache, wie zum Beispiel Ohren- und Schwanzhaltung, ist ein wichtiges Signal unserer Tiere. Und insbesondere ziemlich komplex. Für mich besonders interessant sind die sogenannten
Eisbergindikatoren, als die sich die Schwanz- und Ohrenhaltung herausgestellt haben. Eisbergindikatoren sind Indikatoren, die für sich genommen, ein größeres zugrundeliegendes Tierwohlproblem aufdecken können.
Und nicht zuletzt wichtig ist auch, denke ich, dass wir nicht das
unerwünschte Verhalten allein als den Maßstab sehen, sondern den oder die Auslöser hierfür. Verhaltensstörungen jeglicher Art sind immer ein Zeichen der Überforderung der Tiere in ihrer Anpassungsfähigkeit. Und Überforderung – das kennen wir von uns selber – ist nicht wirklich angenehm, man spricht auch beim Menschen davon, dass jemand unter Überforderung leidet. Genauso hat sich dieser Begriff auch in der Verhaltensforschung etabliert. Wir unterscheiden also zwischen Leiden durch körperlichen Schmerz und Leiden aufgrund von Überforderung. So wollen wir bei der Problematik des Schwanzbeißens ja auch in erster Linie herausfinden, was dieses Verhalten auslöst, also was den Täter überfordert, und ihn gar nicht erst zum Täter werden lassen. Der Fokus liegt also eher auf der Sozialarbeit als der Kriminologie und der Verurteilung des Täters, obwohl es schon eines gewissen kriminalistischen Spürsinns bedarf, die Zusammenhänge zu erforschen …


Dr. Lewis, Tierwohl, das soziale Schwein, Begriffe, die wir derzeit immer wieder hören. Inwieweit beschäftigt PIC sich mit diesen Themen?

CL: Animal Welfare ist kein wirklich neues Thema. Aus verschiedenen Gründen ist es allerdings mehr und mehr in den Fokus gerückt. Bei PIC beschäftigen wir uns schon seit langem mit diversen Aspekten, denn wir sind davon überzeugt, dass es nicht reicht, das Schwein mit den besten Zunahmen, dem meisten Fleisch, den meisten Ferkel etc. zu züchten. Vielmehr ist das Gesamtpaket entscheidend. Aber wie Irena schon sagte, messbar muss es sein, um erfolgreich zu sein. Beispiel freie Abferkelung, hier wollen wir vitale Ferkel mit gutem Geburtsgewicht, die in der Lage sind, eigenständig das Gesäuge zu finden, und sich aus dem Gefahrenbereich ihrer sich ablegenden Mutter zu bewegen. Und hier brauchen wir agile Sauen mit gutem Fundament und ausreichend Strichen. All diese Aspekte fließen bereits seit langem in PIC’s Zuchtwertschätzung ein, und die Erfolge sind deutlich messbar und sichtbar bei den Ferkelerzeugern.


Genetische rTrend für Wurfgröße und Geburtsgewicht - PIC Elite Betriebe

Dr. Czycholl, Ihr Kollege nennt einige Produktionsmerkmale. Wie steht es aber um direkte Verhaltensmerkmale?

IC: Zum einen sind sicherlich solche Produktionsmerkmale wichtig und können bereits seit längerem erfolgreich bearbeitet werden. Andererseits benötigen wir auch für solche Merkmale zusätzliches Wissen. Nehmen wir zum Beispiel die Überlebensfähigkeit der Ferkel, hier unterscheiden die Züchter zwischen einer Ferkel- und eine Sauenkomponente. Als sogenannte Mütterlichkeit ist die Sauenkomponente bereits im Selektionsindex enthalten. Aber wir müssen auch noch ein besseres Verständnis für den Verhaltensaspekt entwickeln. Was ist eine gute Mutter? In der Natur ist es die, die ihre Ferkel beschützt, was zu Konfliktpotential in der Nutztierhaltung führt, Stichwort Tier-Mensch-Aggression.

PIC war und ist an zahlreichen Projekten beteiligt, um Indikatoren zu finden, die in die Zuchtwertschätzung einfließen zu können. Dabei geht es z.B. um maternale Eigenschaften, Tier-Tier Aggression oder Tier-Mensch-Aggression.


Entwicklung der Strichanzahl bei PIC Camborough Jungsauen

Dr. Lewis, Dr. Czycholl, über welchen Zeithorizont reden wir?

CL: Als Zuchtunternehmen müssen wir laufend die Marktentwicklungen und die sich ändernden Anforderungen an Produktionssysteme oder Wünsche seitens der Verbraucher beobachten, einschätzen und entsprechend in unsere züchterischen Entscheidungen einfließen lassen. Denn die Entscheidungen, die wir heute treffen, stellen die Weichen für die nächsten vier bis fünf Jahre. So lange braucht es, um den Zuchtfortschritt aus der obersten Zuchtstufe zum Landwirt zu bringen.

IC: Das heißt, auch wenn wir sicherlich schon einiges an Wissen angesammelt haben, und künstliche Intelligenz, Kameras, leistungsstarke Computerkapazitäten und andere Technologien uns schneller voranbringen als noch vor fünf oder zehn Jahren, wird es noch eine Weile dauern, dies verlässlich und wiederholbar in die Ferkelerzeugerstufe zu bringen. Wer anderes behauptet, ist eher auf den kurzfristigen Erfolg ohne Nachhaltigkeit aus.

CL: Aber wir halten es mit der Philosophie von: Never Stop Improving. Dieses Motto hat uns in den vergangenen 60 Jahren zu dem weltweit führenden Schweinezucht-Unternehmen gemacht, das wir heute sind.

IC: Oder, um einen bekannten ehemaligen deutschen Nationaltorhüter zu zitieren: ‘Weiter, immer weiter …’


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