02.07.2021

Zahl der Schweine haltenden Betriebe seit 2010 halbiert – ISN: Planungssicherheit und auskömmliche Preise müssen dringend her

Landwirtschaftszählung: Entwicklung der schweinehaltenden Betriebe und Schweinebestände in Deutschland 2010-2020 (Quelle: Destatis, https://www.giscloud.nrw.de)

Landwirtschaftszählung: Entwicklung der schweinehaltenden Betriebe und Schweinebestände in Deutschland 2010-2020 (Quelle: Destatis, https://www.giscloud.nrw.de)

Die endgültigen Ergebnisse der Landwirtschaftszählung 2020 zeigen den Strukturwandel in der Schweinehaltung wieder einmal besonders deutlich. Innerhalb der letzten zehn Jahre halbierte sich nahezu die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung. Der Tierbestand schrumpfte um ca. 5 %.
ISN: Dramatische Zahlen, die sich sogar noch verstärken werden, wenn die Schweinehalter nicht endlich eine Planungssicherheit und Perspektive bekommen. Immer höhere Auflagen, fehlende Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und dazu noch ruinöse Preise sind eine giftige Mischung, die wie ein Brennglas den Ausstieg vieler Betriebe aus der Schweinehaltung verstärkt. Hier muss sich schnell etwas ändern, damit das in Deutschland verzehrte Fleisch auch zukünftig noch aus dem eigenen Land kommt – als erstes sind höhere Schweinepreise dringend notwendig.

 

In der Landwirtschaftszählung 2020 wurden 31.900 Schweine haltende Betriebe mit knapp 26,3 Mio. Schweinen gezählt. Bei der Zählung im Jahr 2010 sind es noch etwa 60.1000 Betriebe mit rund 27,6 Mio. Schweinen gewesen. Innerhalb von zehn Jahren verringerte sich die Zahl der Betriebe mit Schweinhaltung damit um 47 %. Der Schweinebestand nahm um 5 % ab. Die durchschnittliche Betriebsgröße stieg so von 459 auf 826 Schweine. Mehr als die Hälfte der Schweine steht in den beiden Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.


Preiskurve KW26

Hinweis: Abweichende Zahlen zwischen Landwirtschaftszählung und Viehbestandserhebung

Die Ergebnisse der Landwirtschaftszählung, die alle zehn Jahre stattfindet, weichen von den Zahlen der Viehbestandserhebung ab, die halbjährlich jeweils zum 03.05. und 03.11. stattfindet. Die Landwirtschaftszählung erfasst nämlich auch kleinere Betriebe, während bei der halbjährlichen Viehbestandserhebung lediglich Betriebe ab einer Größe von mindestens 50 Schweinen bzw. mindestens 10 Zuchtsauen gezählt werden. Zudem ist der Stichtag der Landwirtschaftszählung der 01.03. Aus diesem Grund sind bei der letzten Landwirtschaftszählung am 01.03.2020 die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des ASP-Ausbruchs in Deutschland noch nicht enthalten. Die neuesten Ergebnisse der Viehbestandserhebung vom 03.05.2021 hingegen zeigen schon einen zusätzlich beschleunigten Strukturwandel durch Corona und ASP (siehe Meldung vom 25.06.2021).

 

Die ISN meint:

Fast die Hälfte der Schweine haltenden Betriebe hat innerhalb der letzten zehn Jahre die Schweinehaltung aufgegeben – über 28.000 Betriebe, hinter denen Existenzen und Bauernfamilien stehen. Das ist eine dramatische Entwicklung, die leider wenig überraschend ist. Denn allzu sehr sind die Schweinehalter durch immer neue Auflagen von Seiten der Politik und Behörden gegängelt worden. Wenn dann auch noch eine derart lange Phase ruinöser Preise hinzu kommt, wie wir das aktuell erleben, dann geben immer mehr Betriebe die Schweinehaltung auf. Genau das passiert und genau das werden wir leider auch in den nächsten Viehzählungen deutlich sehen.

Bei immer höheren Kosten und Auflagen müssen die Schweinehalter ihre Erzeugnisse zu Preisen verkaufen, die in keiner Weise tragbar sind. Ein Blick auf die aktuelle Preissituation genügt: Mit 1,48 €/kg SG für Mastschweine und 42,00 € für Ferkel bei stark gestiegenen Kosten, insbesondere für Futtermittel, aber auch für Energie oder Löhne sind Mäster und Ferkelerzeuger weit davon entfernt, kostendeckend arbeiten zu können – geschweige denn Gewinne zu erzielen, die zur Existenz und zur Weiterentwicklung der Betriebe bitternotwendig sind. An eine Gewinnerzielung, wie bei Unternehmen in allen Branchen üblich, ist aktuell gar nicht zu denken. Zu allem Überfluss üben die führenden Schlachtunternehmen aktuell mit ihren Hauspreisen weiteren Druck auf die Schweinepreisnotierung aus. In diesem Zusammenhang rät ISW-Geschäftsführer Matthias Quaing übrigens: Für die Erzeuger gibt es derzeit wenig Gründe, sich auf diese Hauspreise einzulassen, denn freie Schweine können momentan problemlos auf anderen Wegen vermarktet werden

Aber auch von einigen Lebensmitteleinzelhändlern und Fleischverarbeitern werden die Schweinehalter gnadenlos im Stich gelassen. Deren aggressive Preispolitik steht im krassen Widerspruch zur medial dargestellten partnerschaftlichen Beziehung zur deutschen Landwirtschaft. Wenn dies nicht nur eine Marketingstrategie, sondern ernst gemeint wäre, wäre auch eine respektvollere Preispolitik folgerichtig. Aber wenn der Preis stimmt, haben viele dieser Unternehmen keine Hemmungen, günstig in anderen Ländern einzukaufen. Deshalb ist ein klares Bekenntnis zur deutschen Herkunft inklusive der Geburt des Ferkels nötig wie nie zuvor – und das darf dann kein Lippenbekenntnis sein und muss konsequent gelebt werden. Und zwar nicht nur im Bereich Frischfleisch, sondern auch bei verarbeiteten und gefrorenen Produkten. Es ist geradezu ein Vertrauensbruch, wenn hochwertige deutsche Produkte im Handumdrehen von ausländischer Ware ersetzt werden, die zu niedrigeren Standards in anderen Ländern kostengünstiger produziert werden. Aktuell wird genau das besonders deutlich, da ausländisches Fleisch z. B. aus Spanien auf den deutschen Markt drängt. Vor dem Hintergrund, dass die großen deutschen Lebensmitteleinzelhändler jüngst eine Umstellung des Sortiments auf die Haltungsstufen 3 und 4 angekündigt haben, brauchen die deutschen Schweinehalter deren Unterstützung mehr denn je. Nicht nur die Haltung, sondern auch die Herkunft muss gekennzeichnet werden – natürlich mit Einbeziehung der Ferkelerzeugung. Wenn die Schweinehalter hierzulande ihre Betriebe erst aufgegeben haben, können sich die Lebensmitteleinzelhändler abschminken, ihre Ziele mit heimischer Ware zu erreichen. Damit die Schweinehalter die notwendigen Investitionen zu den höheren Haltungsstufen überhaupt schaffen können, müssen sie erst einmal wieder Geld verdienen und auch Gewinne erzielen. Ohne die entsprechende Unterstützung und Planungssicherheit werden nur wenige dieses große Risiko eingehen können.

In diesem Zusammenhang ist gleichzeitig auch die Politik gefragt, die endlich dafür sorgen muss, die entsprechenden Voraussetzungen für eine Durchführung der entsprechenden Umbaumaßnahmen zu schaffen. Die derzeitigen Vorgaben verhindern eine Weiterentwicklung der Betriebe nämlich geradezu vorsätzlich. Hier muss die Stallbaubremse endlich gelöst werden.