22.12.2021

Viehzählungsergebnisse: Niedrigster Schweinebestand seit 25 Jahren – Corona-Pandemie befeuert Ausstieg

Die Viehzählungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes zeigen eine dramatische Entwicklung in der Schweinehaltung auf. ©ISN nach Destatis, Stand 03. November 2021

Die Viehzählungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes zeigen eine dramatische Entwicklung in der Schweinehaltung auf. ©ISN nach Destatis, Stand 03. November 2021

Worauf die ersten Viehzählungsergebnisse der einzelnen Bundesländer bereits in den letzten Tagen einen Vorgeschmack lieferten, wurde jetzt durch die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigt: der Schweinebestand in Deutschland ist weiter und noch deutlicher gesunken und auch die Anzahl der schweinehaltenden Betriebe geht dramatisch zurück. Zum Stichtag 03. November 2021 wurden 10,9 Mio. Mastschweine gehalten, 3,2 % weniger als noch im Mai diesen Jahres. Einen noch stärkeren Rückgang verzeichnet der Ferkelbestand, dieser nahm im gleichen Zeitraum um 5,7 % auf 6,9 Mio. Tiere ab. Der Schweinebestand in Deutschland ist damit auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren.

 

ISN: Die Viehzählungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes zeigen eine dramatische Entwicklung in der Schweinehaltung auf. Besonders erschreckend ist der deutliche Anstieg der Betriebsaufgaben während der vergangenen zwei Jahre – also während der Corona-Pandemie! Die neue Bundesregierung steht nun in der Verantwortung schnell für Hilfsmaßnahmen und die Umsetzung eines Gesamtkonzeptes für die Schweinehaltung zu sorgen, das den noch aktiven Betrieben wieder eine Perspektive gibt. Denn wenn jetzt nicht schnell reagiert wird, werden morgen in Deutschland keine schweinehaltenden Betriebe mehr da sein, die den gesellschaftlich gewollten Wandel in der Schweinehaltung umsetzen.   

 

Nach den heute vom Statistischen Bundesamt (Destatis) vorgelegten vorläufigen Ergebnisse der Erhebung über die Schweinebestände ist der Schweinebestand in Deutschland zum Stichtag 03. November 2021 erneut deutlich gesunken und befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 1996. Insgesamt werden derzeit 23,6 Mio. Schweine gehalten, das entspricht einem Rückgang von 2.450.300 Tieren bzw. 9,4 % zum Vorjahr. Aufgrund des Schweinestaus Ende 2020 und den dadurch verschobenen Schweinebeständen lohnt sich auch ein Blick auf die Novemberzählung im Jahr 2019. Auch hier bestätigt sich der bis heute drastische Rückgang der Schweinehaltung.

 

Rückgänge in allen Kategorien

In der heute veröffentlichten Pressemitteilung von Destatis zeichnet sich für die einzelnen Tierkategorien beziehungsweise Gewichtsklassen folgendes Bild: Zum Stichtag 3. November 2021 wurden 10,9 Millionen Mastschweine in Deutschland gehalten, das waren 3,2 % beziehungsweise 359.600 Tiere weniger als ein halbes Jahr zuvor. Ein Rückgang war dabei insbesondere bei den Mastschweinen mit 50 bis unter 80 Kilogramm Lebendgewicht zu verzeichnen, hier sank der Bestand um 8,1 % oder 422.800 auf 4,8 Millionen Tiere. Die Zahl der Mastschweine in der oberen Gewichtsklasse ab 110 Kilogramm Lebendgewicht stieg hingegen um 7,1 % oder 90.500 auf 1,4 Millionen Tiere. Der Bestand an Mastschweinen mit 80 bis unter 110 Kilogramm Lebendgewicht blieb mit 4,7 Millionen Tieren nahezu konstant (-0,6 % oder – 27.300 Tiere). Die Ferkelbestände verringerten sich im Vergleich zu Mai 2021 ebenfalls um 5,7 % beziehungsweise 418.300 auf 6,9 Millionen Tiere.

 

Immer mehr Schweinehalter geben auf

Neben den Beständen ist auch die Zahl der schweinehaltenden Betriebe rückläufig. Zum 3. November 2021 gab es 18.800 schweinehaltende Betriebe. Das waren 7,8 % oder 1.600 Betriebe weniger als noch im November 2020. Im Vergleich zu 2019 liegt der Rückgang bei deutlichen 11,3 % (- 2.400 Betriebe). Unter anderem nennt Destatis die aufgrund der geringen Nachfrage im Handel und Export weiter fallenden Schweinefleischpreise als Grund für die sinkenden Betriebszahlen.

Auch im Zehnjahresvergleich ging sowohl die Zahl der gehaltenen Schweine als auch die Zahl der Betriebe zurück: Die Zahl der Schweine sank seit 2011 um 13,8 % oder 3,8 Millionen Tiere, während die Zahl der Betriebe um 39,1 % (-12.100 Betriebe) abnahm. Da die Zahl der Betriebe stärker abnahm als die Zahl der gehaltenen Schweine, erhöhte sich der durchschnittliche Schweinebestand in den vergangenen zehn Jahren von 886 auf 1.254 Schweine je Betrieb.

 

Noch mehr Aufgaben durch Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden Preisverfall am Schweinemarkt hat den Ausstieg der schweinehaltenden Betriebe noch einmal deutlich befeuert. Während zwischen 2011 und 2019 jährlich knapp 4 % der Schweinehalter aufgegeben haben, waren es zwischen den Novemberzählungen in 2019 und 2021 sogar gut 11,3 % also fast 5,7 % je Jahr.

 

Die ISN meint:

Die Viehzählungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes zeigen eine dramatische Entwicklung in der Schweinehaltung auf: Bundesweit gibt es immer weniger Zuchtsauen, weniger Ferkel, weniger Mastschweine und auch deutlich weniger Schweinehalter. Besonders erschreckend ist der Rückgang während der vergangenen zwei Jahre – also während der Corona-Pandemie! Das ist wenig verwunderlich, denn durch Schweinestau und Absatzstau am Fleischmarkt, die aufgrund der Corona-Pandemie entstanden sind, fahren die Schweinehalter seitdem insbesondere aufgrund des massiven Preisverfalls bei gleichzeitig steigenden Kosten finanzielle Verluste in einem bisher nicht gekanntem Ausmaß ein. Und dazu bleiben als Hauptausstiegsgründe die fehlende Planungssicherheit und Perspektive, wie unsere Umfrage im Sommer sehr eindrücklich gezeigt hat. Um die schwierige Situation der deutschen Schweinehalter besser einordnen zu können, muss man bedenken, dass in gleicher Zeit in anderen Staaten – z.B. Spanien – die Erzeugung im gleichen Ausmaß ausgebaut wurde.

Die amtlichen Ergebnisse der Novemberviehzählung sprechen wie schon unsere Umfrage im Sommer eine deutliche Sprache. Die im Wesentlichen durch die Corona-Pandemie hervorgerufene Krise am Schweinemarkt, aber auch die Summe an Auflagen und der fehlende politische Rückhalt haben bereits jetzt zu einem immensen Ausstieg von Ferkelerzeugern und Schweinemästern geführt. Mit jedem Tag, den die Preiskrise anhält, steigen mehr Betriebe aus, so ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. Kurzfristig sind die Überbrückungshilfen enorm wichtig, um das betriebliche Überleben trotz der Corona-bedingten Verluste zu sichern. Keine Zeit zu verlieren ist aber auch bei den Hauptausstiegsgründen der fehlenden Planungssicherheit und Perspektive. Man darf nicht vergessen, hinter jedem aufgebendem Betrieb stehen die persönlichen Schicksale der Landwirte und Ihrer Familien, führt Staack weiter aus. Hier steht die neue Bundesregierung in der Verantwortung schnell für Lösungen zu sorgen und für Planungssicherheit und insbesondere eine Perspektive für Schweinehalter zu sorgen! Das geht nicht mit noch mehr Ordnungsrecht, sondern nur mit einem Gesamtkonzept, wie es durch die Borchert-Kommission auf den Tisch gelegt wurde. An der Umsetzung muss nun schnell weitergearbeitet werden, um den noch aktiven Betrieben wieder eine Perspektive zu geben. Denn wenn jetzt nicht schnell reagiert wird, werden morgen in Deutschland keine schweinehaltenden Betriebe mehr da ein, die den gesellschaftlich gewollten Wandel in der Schweinehaltung umsetzen. Die Verlagerung der Erzeugung ist schon heute im vollen Gange.   

Klar ist jedoch, dass all diese denkbaren Lösungen erst langfristig wirken können. Um die Betriebe bis dahin überhaupt retten zu können, sind daher kurzfristig finanzielle Hilfen zur Überbrückung dieser Zeit dringend notwendig, um den finanziellen Flurschaden, den die Corona-Pandemie auf den schweinehaltenden Betrieben anrichtet, wenigstens etwas abzufedern.