Therapie oder Nottötung? – Den richtigen Zeitpunkt zur Entscheidung finden!
Welche Kriterien begründen eine veterinärmedizinisch und ethisch verantwortbare Festlegung des Zeitpunktes der Nottötung? Das war die Kernfrage des inzwischen weitestgehend abgeschlossenen Projektes Care-Pig, welches an dieser Stelle vorgestellt werden soll.
Der Umgang mit kranken und verletzten Tieren und die damit verbundene Entscheidung ein Tier notzutöten oder weiter zu therapieren, ist eines der sensibelsten Themen in der Tierhaltung. Wird ein Tier zu spät notgetötet, wird es unnötig Schmerzen und Leiden ausgesetzt – das ist tierschutzrelevant. Problematisch ist aber auch, wenn ein Tier zu früh notgetötet wird, also wenn eine Therapie noch sinnvoll und erfolgversprechend ist. Besonders schwierig ist die Entscheidung im Grenzbereich, denn diese Entscheidungsgrenzen sind oft nicht scharf, so dass die Beurteilung dessen, ob ein Tier zu früh, rechtzeitig oder zu spät notgetötet wurde, in diesem Fall von Person zu Person unterschiedlich ausfällt. Für Landwirte und Tierärzte ist das eine äußerst schwierige Situation, denn sie stehen hier in der rechtlichen Verantwortung
, ordnet Dr. Karl-Heinz Tölle, Geschäftsführer der ISN-Projekt GmbH die Ausgangslage ein und erläutert: Genau deshalb soll das inzwischen weitestgehend abgeschlossene Projekt Care-Pig, dass wir gemeinsam mit der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover durchgeführt haben, zumindest ein Stück mehr Klarheit für alle Seiten bringen. Die Untersuchung dieser wichtigen Fragestellung wurde dankenswerter Weise aus Bundesmitteln gefördert.
Mehr Klarheit durch Care-Pig
Ziel des Projektes Care-Pig
war die Festlegung von Kriterien, die Schweinhaltern und Tierärzten helfen, schwer erkrankte/verletzte Schweine rechtzeitig zu euthanasieren. Die Kriterien beziehen auf klinische Symptome, deren Auftreten im Verlauf einer Erkrankung die Notwendigkeit der Euthanasie bzw. Nottötung anzeigen. Um die Kriterien zu identifizieren, wurden über 18 Monate insgesamt 615 Schweine aus fünf Schweinebeständen ab Krankheitsbeginn bis zur Heilung oder Euthanasie untersucht. Insgesamt konnten so über 3000 klinische Untersuchungen in die statistischen Auswertungen der Krankheitsverläufe einbezogen werden. Zudem wurde der Faktor Mensch
untersucht, d.h. wie z.B. fehlende Kenntnisse, mentaler Stress oder ethische Fragestellungen, die Entscheidungsprozesse beeinflussen. Diese Untersuchungen umfassten Online-Umfragen und Interviews mit Schweinhaltern und Tierärzten.
Workshops für ISN-Mitglieder
Die Projektergebnisse sind bereits in diversen – meist wissenschaftlichen – Vorträgen und Publikationen vorgestellt worden. Über den Forschungszeitraum hinaus sollen Sie nun aber insbesondere denjenigen nahegebracht werden, die mit dieser komplexen Fragestellung des richtigen Zeitpunktes zur Nottötung in der Praxis umgehen müssen. Aktuell wird noch an den auf den Ergebnissen aufbauenden Fortbildungskonzepten für Schweinehalter und Tierärzte gefeilt. Für ISN-Mitglieder sind Workshops mit praktischen Übungen im Frühjahr 2026 geplant
, so Dr. Tölle: Wir werden Sie über die Workshop-Termine rechtzeitig informieren.
