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Schweinemarkt: Preissturz in Europa

Schweinemarkt: Preissturz in Europa - Interview mit ISN-Marktreferent Matthias Quaing

Ferkelerzeuger und Schweinemäster kämpfen seit fast zwei Jahren mit Preisen, die die immer weiter steigenden Kosten nicht decken. Wir haben mit Matthias Quaing, ISN-Marktreferent, über die Hintergründe des aktuellen Preisverfalls gesprochen.


Matthias Quaing im Interview

Matthias Quaing im Interview

Herr Quaing, die Preise für Schlachtschweine sind in den vergangenen drei Wochen um 12 Cent gefallen. Eigentlich hätte das vorweihnachtliche Geschäft den Preisen doch Auftrieb geben sollen?

Das war auch unsere Hoffnung. Insbesondere Wursthersteller und Fleischverarbeiter haben in den Wochen vor Weihnachten eigentlich die umsatzstärkste Jahreszeit. Allerdings ist das Angebot an Schweinen EU-weit zuletzt deutlich angestiegen. Allein in Spanien sind etwa 8 % mehr Schweine geschlachtet worden als noch im Jahr zuvor. Zudem schlug in der Branche die Warnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor Fleisch europaweit ein wie eine Bombe. Viele Konsumenten lassen sich zwar ihren Appetit auf Wurst und Fleisch grundsätzlich nicht verderben, der negative Einfluss auf die Verbrauchernachfrage war in der vergangenen Woche dennoch spürbar.

 

Ist spanisches Fleisch bei allen Diskussionen um Regionalität, Herkunft und Tierwohl denn ernsthaft eine Konkurrenz zu Fleisch aus Deutschland?

Leider ja. Viele Diskussionen in Deutschland zu diesen Themen sind mehr als scheinheilig. Nach außen wird immer mehr vom Landwirt gefordert, am Ende entscheidet jedoch der Preis und nicht die Herkunft. Gerade in verarbeiteten Produkten sieht der Verbraucher meist nicht, woher das Tier bzw. das Fleisch stammt.



EU-Schweineschlachtungen Vergleich 2014 zu 2015

EU-Schweineschlachtungen Vergleich 2014 zu 2015

Sie nehmen die deutschen Schlachtunternehmen also in Schutz?

Keineswegs. Es stellt sich in dieser Marktphase aber die Frage, wer den Preissturz denn am meisten antreibt. Die Schlachter oder der Lebensmitteleinzelhandel. Wir haben ein zu großes Angebot an Schweinen – ohne Frage. Durch Hauspreise und Hauspreisdrohungen haben insbesondere die vier großen Schlachtunternehmen Tönnies, Vion, Westfleisch und Danish Crown eine Abwärtsspirale der Preise kräftig befeuert.

Auf der anderen Seite hätten gerade die genannten Unternehmen eine Größe, mit der sie dem Lebensmitteleinzelhandel Paroli bieten könnten. Scheinbar ist es für die LEHler nach wie vor zu leicht, den Lieferanten zu wechseln, wenn der sich nicht auf jede noch so unverschämte Preisforderung einlässt. Irgendwer geht immer auf das beschämende Niveau runter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei einem insgesamt so niedrigen Preisniveau noch merkliche Absatzimpulse gibt, wenn man den Preis erneut um über 40% senkt.

 

Ein Beispiel: In der letzten Woche verramschte Netto gemischtes Hackfleisch für 1,99 EUR je kg. Es ist nicht das erste Mal, dass Netto sich besonders negativ hervortut. Zuletzt hatte die ISN im August die schizophrene Preispolitik von Netto kritisiert. Auch der Lebensmittelhändler real ist mit dieser irrsinnigen Tiefpreispolitik mal wieder ganz vorne dabei.

 

Preispolitik von Netto kritisiert


Neue Ramschpreise bei Netto

Neue Ramschpreise bei Netto

Sehen Sie einen Ausweg aus der aktuellen Misere?   

Die Strukturen in der Schlachtbranche sind wie sie sind. Dennoch haben es Landwirte durch die Auswahl ihrer Vermarktungspartner selbst in der Hand, den Wettbewerb unter den verbliebenen Schlachtunternehmen zu erhalten.

Was das Angebot betrifft, ist kurzfristig nicht mit einer spürbaren Verringerung zu rechnen. Angesichts der Nachrichtenlage ist auch von einer anziehenden Verbrauchernachfrage im Inland leider nicht auszugehen. Es bleibt also der Export. Ich denke hier insbesondere an China, wo der Schweinebestand innerhalb von einem Jahr um 25 % gesunken ist, was zu einem hohen Importbedarf geführt hat. Die Exporte Deutschlands nach China haben im laufenden Jahr zwar um über 80 % gegenüber dem Vorjahr zugelegt, leider sind jedoch bislang noch zu wenige Unternehmen für den Chinaexport zugelassen. Auch bei anderen Ländermärkten hakt es gewaltig. Der fehlende Russlandexport trägt erheblich zur Preismisere bei. Um von den Handelsvorteilen stärker profitieren zu können, verlangen wir noch deutlich mehr Engagement aus dem Bundeslandwirtschafts­ministerium in Berlin.

 

Wie kann eine langfristige Strategie aussehen?

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis – und nicht die Kosten. So ist das nun mal. Trotzdem müssen die Kostensteigerungen auf den landwirtschaftlichen Betrieben im Rahmen bleiben und dürfen nicht weiter ausufern. Da ist vor allem der Gesetzgeber gefragt, nicht weiter nachzulegen.

Die Nachfrage muss rauf. Im Inland schaffen wir das nur, wenn wir die Verbraucher noch stärker von den Vorzügen der heimischen Produkte überzeugen. Allein über den Preis werden wir den Konkurrenzkampf nicht gewinnen.

Gleichzeitig muss das Angebot runter, aber eine zentrale Steuerung des Angebotes an Ferkeln und Schweinen wird es im freien Schweinemarkt in Europa nicht geben. Einen Markteingriff von außen, z.B. durch die Politik sehen wir eindeutig nicht als Ausweg aus der Krise. Dennoch hat jeder Landwirt es selbst in der Hand, seine Produktion entsprechend der Nachfrage freiwillig anzupassen. Auch wenn die Produktionszyklen deutlich länger sind und eine Abstockung der Sauenherde nicht so einfach ist, gilt das auch für Ferkelerzeuger. Es wäre in der aktuellen Situation ökonomisch sinnvoll, wenn alle Schweinehalter mit den vorhandenen Ställen etwas weniger produzieren würden.


Werden Sie Tiefpreismelder und helfen Sie uns aufzudecken, wenn Schweinefleisch im Lebensmitteleinzelhandel wieder einmal verramscht wird!

Fotografieren Sie dazu einfach die Werbeanzeige, das Preisetikett bzw. das Preisschild am Regal. Dabei geht es uns nicht um moderate Preissenkungen von 10 oder 20%, sondern Preisreduzierungen um 40% oder mehr.
Mailen Sie uns das Foto dann mit einer kurzen erläuternden Angabe zu Ort, Unternehmen und Tag der Aufnahme an die E-Mail-Adresse isn@schweine.net
Gut wäre, wenn auf dem Foto direkt zu erkennen ist, um welches Unternehmen es sich dabei handelt.


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