10.12.2020rss_feed

Schweinestau wieder gewachsen – Wiederöffnung der Exportmärkte dringend notwendig

Schweinestau wieder gewachsen – Wiederöffnung der Exportmärkte dringend notwendig

Der Schweinestau wächst weiter. War vor wenigen Wochen noch eine Trendwende zu erkennen, hat sich die Lage aufgrund von erneuten Corona-Geschehen an Schlachthöfen und dadurch bedingte Einschränkungen der Schlachtkapazitäten wieder verschärft. So wurde in der vergangenen Woche ein Überhang von nunmehr 680.000 schlachtreifen Schweinen erreicht.

Eine zentrale Schlüsselrolle zur Entlastung des deutschen Schweinemarktes liegt in der Wiederöffnung der Exportmärkte in Drittländer. Die Anerkennung des Regionalisierungskonzepts für den Export von deutschem Schweinefleisch in Drittländer ist für viele bedeutende Exportnationen bis dato nicht umgesetzt worden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft berichtet nun von ersten Fortschritten.


Die Landwirte befinden sich momentan in einer absoluten Notlage. Die Preise für Schweinefleisch sind seit Monaten auf einem extrem niedrigen Niveau. Die Schweinehalter machen hohe Verluste, bei vielen geht es mittlerweile um die Existenz. Um auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen, haben bundesweit Landwirte verschiedene Zentrallager der vier großen deutschen Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen blockiert und gegen die Billigpreispolitik der Discounter und Supermärkte demonstriert. Sie fordern ein klares Bekenntnis zur deutschen Lebensmittelerzeugung.

Es geht um Wertschätzung und Wertschöpfung, da ist etwas vollkommen aus dem Lot geraten. Wertschätzung in Bezug auf ein akzeptables Preisniveau und Wertschöpfung in Bezug auf die Verteilung dieser Erlöse. Bei den Bauern kommt da viel zu wenig an. Während die Erzeugerpreise im vergangenen Halbjahr stark gesunken sind, sind die Verbraucherpreise stark gestiegen. Da passt doch was nicht zusammen! fasst ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack die Lage zusammen Wenn man sich dann noch von Seiten des LEH in Bezug auf die UTP-Richtlinie hochnäsig bei der Kanzlerin beschwert und Begrifflichkeiten wie ehrabschneidend verwendet, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Bauern so antworten, wie sie es jetzt tun! so Staack weiter. Es ist insofern vollkommen logisch und richtig, dass die Diskussion über die Wertschätzung von landwirtschaftlichen Produkten mit dem LEH geführt wird. Aber wir haben in der Schweinehaltung momentan ein noch viel größeres Problem mahnt Staack. Immer wieder flackern Corona-Infektionsgeschehen in Schlachtbetrieben auf und fordern durch die dadurch bedingten Einschränkungen bei den Schlachtkapazitäten ihren Tribut. Obwohl vor wenigen Wochen noch eine Trendwende beim Schweinestau erkennbar war, wächst er nun weiter an. Aktuell kratzen die Überhänge an der 700.000er Marke. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten. Und das, obwohl eine Menge Maßnahmen, die zur Auflösung des Schweinestaus eingeleitet werden konnten, bereits auf dem Weg sind.

Die Entwicklung des Überhangs bis Weihnachten ist schwer einzuschätzen. Wir gehen jedoch davon aus, dass über die Feiertage die nächste Eskalationsstufe droht, schätzt Marktanalyst Klaus Kessing die Lage ein. Es müssen nun alle in Frage kommenden Maßnahmen genutzt werden, um die Schlachtkapazitäten zu steigern. Wir steuern sonst auf einen Überhang bis zum Jahresende von über 1 Mio. schlachtreifen Schweinen zu.

 

Zentrale Schlüsselrolle liegt in Wiederöffnung der Exportmärkte

Der Hauptgrund für den Schweinestau sind nach wie vor die eingeschränkten Schlachtkapazitäten wegen Corona, die vor allem durch die Engpässe in der Feinzerlegung zustande kommen. Daneben tritt allerdings noch ein zweites Problem auf - und zwar im Absatz von Schweinefleisch. Erstens ist wegen Corona der Außer-Haus-Bereich nahezu vollständig eingebrochen. Hier ist auch keine Besserung abzusehen, denn dieser wird durch den geplanten Lockdown auch in den nächsten Wochen nahe Null bleiben. Zweitens können nach der Feststellung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen wichtige Drittländer nicht mehr mit Schweinefleischexporten bedient werden. Bei der Auflösung des Schweinestaus kommt den Drittlandsexporten jedoch eine besondere Bedeutung zu, da sie viel Schweinefleisch abnehmen können, das nicht durch das Nadelöhr der Feinzerlegung hindurch muss und grob zerlegt exportiert werden kann. Zudem ist zu erwarten, dass durch die Öffnung der Drittlandsexportmärkte auch die Absatzmöglichkeiten für manche mittelständische Schlachtunternehmen erhöht werden, die jetzt darunter leiden, dass die großen Schlachtunternehmen ihre Produkte auf verstärkt im Inland und in der EU unterbringen müssen. Insgesamt sollten die gesteigerten Absatzmöglichkeiten somit auch dafür sorgen, dass wirklich alle verfügbaren Schlachthaken genutzt werden. Staack fasst daher zusammen: Die Wiederöffnung der Exportmärkte ist eine der zentralen Stellschrauben bei der Lösung des Schweinestaus. Deshalb besteht dringender Handlungsbedarf von Seiten der Bundesregierung, mit der Anerkennung des Regionalisierungskonzepts den Export von deutschem Schweinefleisch in Drittländer aus ASP-freien Regionen wieder zu ermöglichen.

 

Regionalisierungsabkommen kommt nur langsam voran

Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf Nachfrage der ISN mitteilte, wurde kürzlich ein umfassender Fragenkatalog des chinesischen Landwirtschaftsministeriums beantwortet. Darin wurden unter anderem die ergriffenen Maßnahmen im Kampf gegen eine weitere Verbreitung der ASP und von Neueinträgen nach Deutschland dargestellt, sowie die Strategie Deutschlands zur Früherkennung von Ausbrüchen der Tierseuchen in der Wild- und Hausschweinpopulation. Eine Reaktion Chinas stehe bislang aus.

Einen ersten Erfolg konnte die Staatssekretärin im BMEL, Beate Kasch, erringen. In den zuletzt geführten Gesprächen mit der chinesischen Hauptzollbehörde (GACC) und dem chinesischen Landwirtschaftsministerium (MARA) habe sie erreichen können, dass die chinesische Seite bereit sei, die Gespräche auf Fachebene fortzusetzen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stehe die Anerkennung des Regionalisierungskonzeptes.

Es ist ein wichtiges Signal, dass man scheinbar ein wenig vorankommt, kommentiert Dr. Torsten Staack die Nachricht aus dem BMEL. Jetzt darf nicht nachgelassen werden, denn der Schweinestau wächst weiter. Die Absatzventile werden dringend gebraucht, um für Entlastung zu sorgen. Sonst droht die Situation zu eskalieren. Sollten unsere aktuellen Schätzungen eintreffen und am Jahresende über eine Million Schweine in der Warteschlange stehen, wäre das eine Katastrophe!


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