Schwanzbeißen im Bestand: Erkennen, handeln, vorbeugen – der Notfallplan für die Praxis
Schwanzbeißen gehört zu den größten Herausforderungen in der Schweinehaltung, insbesondere im Kontext des zunehmend geforderten Kupierverzichts. Das Netzwerk Fokus Tierwohl hat auf Basis von Praxisleitfäden, Beraterempfehlungen und Praxiserfahrungen einen umfassenden Notfallplan entwickelt, der Schweinehaltern konkrete Werkzeuge an die Hand gibt, um bei einem akuten Ausbruchsgeschehen schnell und gezielt zu handeln.
Schwanzbeißen ist ein multifaktorielles Geschehen, das in allen Haltungsformen auftreten kann. Die Ursachen sind vielfältig und betreffen Haltung, Fütterung, Management und Tiergesundheit gleichermaßen. Hinzu kommt der wachsende politische und gesellschaftliche Druck hin zum Kupierverzicht, der die Anforderungen an das betriebliche Management weiter erhöht. Der nachfolgende Überblick fasst die sechs Kernmodule des Notfallplans zusammen und gibt praxisnahe Empfehlungen für den Ernstfall.
Modul 1: Bestandsaufnahme
Wer ein Schwanzbeißgeschehen frühzeitig eindämmen möchte, muss zunächst wissen, was im Stall passiert. Grundlage ist eine strukturierte und regelmäßige Tierbeobachtung, möglichst unbemerkt vom Gang aus, bevor der Betreuer in das Abteil geht. Da Schweine in den Nachmittags- und frühen Abendstunden besonders aktiv sind, häufen sich Beißvorfälle zu diesen Zeiten.
Beißende Tiere lassen sich an typischen Merkmalen erkennen:
- Blut an der Rüsselscheibe ist ein starkes Indiz für Beißaktivität.
- Beißende Schweine sind häufig leichter als der Durchschnitt, haben ein längeres Haarkleid und sind überdurchschnittlich häufig weiblich.
- Sie laufen unruhig suchend umher, wedeln mit dem Schwanz oder klemmen ihn ein.
Ist das beißende Tier identifiziert, muss es sofort separiert werden. Ein gut geführtes Informationssystem mit Buchtenkarten und einem farblichen Ampelsystem (grün, gelb, rot) erleichtert die Kommunikation bei mehreren Mitarbeitenden und ermöglicht eine schnelle Reaktion auf Auffälligkeiten.
Modul 2: Sofortmaßnahme Ablenkung
Nach der Separation der beißenden Tiere ist die Gabe von zusätzlichem Beschäftigungsmaterial die wichtigste Sofortmaßnahme. Sie schafft ein Zeitfenster, um Ursachen zu analysieren und abzustellen. In der Praxis haben sich folgende Materialien bewährt:
- Raufutter: Grassilage, Stroh, Maissilage, Luzerne, Luzernepellets
- Organisches Material: Hackschnitzel (trocken), Kauseile aus Hanf oder Baumwolle, Jutesäcke, frische Äste, unbedruckte Papiersäcke
- Sonstiges: Bite-Rite, Spieligel, Spielketten
Entscheidend ist auch die Art der Darbietung: Bodennah und von allen Seiten zugänglich kommt die Gabe dem natürlichen Wühlverhalten am nächsten und ermöglicht möglichst vielen Tieren gleichzeitigen Zugang. Das Material sollte attraktiv, frisch und in ausreichender Menge vorhanden sein. Einstreupulver aus Gesteinsmehlen können zusätzlich den Blutgeruch reduzieren, feuchtigkeitsabsorbierend wirken und den Keimdruck mindern.
Modul 3: Behandlung gebissener Schweine
Die frühzeitige Erkennung von Schwanzläsionen ist entscheidend. Sobald erste Anzeichen sichtbar sind, sollte die Kontrollfrequenz im Stall deutlich erhöht werden. Fiebermessen hilft, den Schweregrad einer Verletzung einzuschätzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, von der Behandlung bis hin zur Beurteilung der Schlacht- und Transportfähigkeit oder einer Nottötung.
Das Vorgehen richtet sich nach dem Verletzungsgrad:
- Geringgradige Verletzung: Tier markieren, zugelassenes Vergrämungsmittel auftragen, Rücksprache mit dem Tierarzt halten.
- Mittelgradige Verletzung: Tier markieren, Vergrämungsmittel aufbringen, ggf. absondern, Tierarzt einbeziehen.
- Hochgradige Verletzung: Tier sofort absondern, unverzügliche tierärztliche Behandlung.
- Schwanzentzündung oder Nekrose mit fortschreitender Infektion: Nottötung erforderlich.
Primär sollte stets das beißende Tier separiert werden. Genesungsbuchten müssen dauerhaft einsatzbereit sein und für mindestens 2,5 bis 3 Prozent der Tierplätze in der Mast vorgehalten werden. Bei unkupierten Schweinen sind mindestens 5 Prozent, häufig mehr, erforderlich. Die Wundbehandlung und Schmerztherapie sind stets in Absprache mit dem betreuenden Tierarzt durchzuführen und zu dokumentieren.
Modul 4: Ursachen erkennen und abstellen
Schwanzbeißen ist in der Regel eine Überforderungsreaktion der Tiere. Die Ursachensuche erfordert eine systematische Betrachtung der wichtigsten Risikobereiche:
- Beschäftigung und Buchtenstrukturierung
- Stallklima und Lüftung
- Gesundheit und Fitness der Tiere
- Wettbewerb um Ressourcen (Futter, Wasser, Liegeplätze)
- Fütterung (Fasergehalt, Vermahlungsgrad, Aminosäurenversorgung, Hygiene)
- Mykotoxine in Futter oder Einstreu
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bereich Fütterung: Ein Mangel an Faserstoffen kann zu Magengeschwüren, Störungen des Darmmikrobioms und einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmbarriere führen. Für Aufzuchtferkel empfiehlt sich ein Rohfasergehalt von mindestens 4 Prozent, für Mastschweine von über 5 Prozent. Klimatische Probleme wie Zugluft, Temperaturschwankungen oder zu hohe Schadgaskonzentrationen können ebenfalls ursächlich sein. Auch genetische Faktoren, Besatzdichte und Beleuchtungsverhältnisse spielen eine Rolle.
Modul 5: Warnsignale frühzeitig erkennen
Häufig konzentriert sich ein Schwanzbeißgeschehen nicht auf eine einzelne Bucht. Daher sollten auch scheinbar nicht betroffene Tiere aktiv beobachtet werden. Zu den wichtigsten Frühwarnsignalen zählen:
- Intensives Manipulieren der Buchteneinrichtung oder der Artgenossen
- Stark wedelnde oder eingeklemmte bzw. hängende Schwänze als Ausdruck von Unbehagen
- Unruhiges, nervöses Verhalten, verstärktes Wühlen, vermehrtes Sitzen oder Knien
- Fieber als frühes Anzeichen einer drohenden Erkrankung oder eines bevorstehenden Ausbruchs
- Leere Bäuche und eingefallene Flanken als Hinweis auf Verdauungsprobleme
- Blanke, haarlose Schwanz- oder Ohrspitzen als Zeichen einer beginnenden Nekrose (SINS)
- Intensives Kauverhalten oder Zähneknirschen, das auf Rohfasermangel hinweist
- Belly Nosing, Besaugen oder Beknabbern anderer Schweine
Spätestens wenn Blut austritt, ist das Geschehen nur noch schwer zu kontrollieren. Frühzeitiges Eingreifen ist daher unabdingbar.
Modul 6: Der Notfallkoffer
für den Ernstfall
Wer unkupierte Schweine hält, sollte stets vorbereitet sein, auch an Wochenenden und Feiertagen. Ein betrieblicher Notfallkoffer
sollte folgende Bestandteile umfassen:
- Ausreichende Genesungsbuchten (mindestens 5 Prozent der Tierplätze bei unkupierten Tieren)
- Zusätzliche Tränkemöglichkeiten, insbesondere in Hitzephasen
- Raufutter auf Vorrat (Heu, Stroh, Gras- oder Maissilage guter Qualität)
- Organisches Beschäftigungsmaterial (Strohhäcksel, Holzspäne, Luzernepellets, Baumwollstricke)
- Futterergänzer (Eiweißkomponenten, Mineralstoffe, Natriumbicarbonat, Magnesiumverbindungen)
- Toxinbinder auf Basis von Tonmineralien (nur zugelassene Produkte)
- Zugelassene Vergrämungsmittel (Sprays oder Puder)
- Hygienepulver zur Feuchtigkeitsbindung und Keimreduktion im Stall
Der regelmäßige Wechsel des Beschäftigungsmaterials erhält dessen Attraktivität. Futterergänzer sollten im Ernstfall parallel und ohne Zeitverlust eingesetzt werden, Wechselwirkungen zwischen den Einzelkomponenten sind jedoch zu beachten.
Fazit
Schwanzbeißen lässt sich im Bestand mit unkupierten Schweinen nicht vollständig ausschließen, aber mit dem richtigen Wissen und einer guten Vorbereitung erheblich eindämmen. Der Notfallplan von Fokus Tierwohl liefert dafür eine strukturierte, praxiserprobte Grundlage: von der Ursachenanalyse über die Früherkennung bis zur konkreten Behandlung. Entscheidend ist, frühzeitig zu handeln, denn sobald Blut fließt, eskaliert das Geschehen schnell.
Den vollständigen Notfallplan inklusive aller Schulungsmodule, ergänzenden Informationen und Poster zum Download finden Sie kostenlos unter fokus-tierwohl.de.
