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Schwache Schweinepreise trotz Grillsaison – Was sind die Gründe?

Enttäuschung zum Start der Grillsaison: Trotz knappen Angebots blieb der - typische Preisanstieg im Mai in diesem Jahr aus ©ISN nach VEZG

Enttäuschung zum Start der Grillsaison: Trotz knappen Angebots blieb der typische Preisanstieg im Mai in diesem Jahr aus ©ISN nach VEZG

Ende Mai und Anfang Juni sind die Erwartungen am Schweinemarkt traditionell hoch: Das Angebot an Schlachtschweinen sinkt saisonal, während die Nachfrage mit dem Start der Grillsaison anzieht. Beide Effekte zeigen sich auch in diesem Jahr. Dennoch stehen die Erzeugerpreise aktuell unter Druck – und das, obwohl sie ohnehin schon weit unterhalb der Kostendeckung liegen. Für die Schweinehalter ist das eine katastrophale Entwicklung, die große Sorgen bereitet. Warum entwickelt sich der Schweinemarkt trotz sonnigen Grillwetters in den vergangenen Wochen und eines überschaubaren Lebendangebots so enttäuschend? Ein Gespräch mit dem ISN-Marktanalysten Klaus Kessing über die aktuelle Marktlage.

 

Herr Kessing, das Grillgeschäft ist in Schwung gekommen und das Angebot an Schlachtschweinen ist saisonal rückläufig. Dennoch gab es im Vorfeld der gestrigen VEZG-Notierung Preisdruck der Schlachthöfe. Die Notierung blieb zwar bei 1,60 €/kg SG stabil, ist für die Erzeuger aber unzureichend. Warum kommt keine positive Dynamik auf?

Klaus Kessing: Im Vorfeld der gestrigen Notierungsfindung gab es große Befürchtungen, dass der Preis von 1,60 €/kg SG noch weiter absacken könnte. Immerhin konnte dieses Szenario abgewendet werden – das ist aber auch nur ein Teilerfolg auf niedrigem Niveau. Dass wir in der eigentlich besten Jahreszeit für den Schweinemarkt so einen enormen Druck erleben, und das bei ohnehin schon sehr niedrigen Preisen, ist zutiefst beunruhigend. Die klassischen saisonalen Marktmechanismen von geringem Angebot und Nachfrageimpulsen durch das Grillgeschäft greifen zwar im Inland, werden jedoch von externen Faktoren stark überlagert. Wir können den deutschen Markt nicht isoliert betrachten. Die Ursachen für die aktuelle Preisschwäche liegen tiefer: Sie sind in einer strukturellen Überversorgung des EU-Binnenmarktes und in globalen Handelshemmnissen begründet, die wie eine massive Bremse auf das heimische Preisgefüge wirken und den Schlachtkonzernen die Argumente für ihren harten Kurs liefern.

 

Sie sprechen die Überversorgung im EU-Binnenmarkt an. Wie kann der Markt überladen sein, wenn das Angebot hierzulande saisonal so knapp ist?

Klaus Kessing: Das liegt vor allem an den Verschiebungen der Warenströme innerhalb Europas. Ein wesentlicher Treiber sind die durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) bedingten Handelseinschränkungen für spanische Exporte. Da Spanien weite Teile seiner Produktion nicht mehr in Drittländer ausführen darf, drängen diese riesigen Fleischmengen nun in den ohnehin dicht besetzten europäischen Binnenmarkt. Das trifft Deutschland besonders hart, da wir rund 80 Prozent unserer Schweinefleischexporte EU-intern absetzen. Die europäischen Importländer greifen derzeit bevorzugt zum günstigeren Teilstückangebot aus Spanien, was unsere gewohnten Exportkanäle verstopft.


In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurde weniger Schweinefleisch aus der EU in Drittländer exportiert als in den Vorjahren ©ISN nach EU-Kommission

In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurde weniger Schweinefleisch aus der EU in Drittländer exportiert als in den Vorjahren ©ISN nach EU-Kommission

Erschwert die globale Konkurrenz diese Situation zusätzlich?

Klaus Kessing: Absolut. Auf den verbliebenen Drittlandsmärkten stehen europäische Exporteure in einem extrem harten Wettbewerb mit kostengünstigeren Anbietern aus den USA und Brasilien. Gleichzeitig ist die Nachfrage aus Asien – insbesondere aus unserem ehemaligen Hauptabnehmerland China – weiterhin sehr schwach. Marktöffnungen in anderen Ländern setzen zwar punktuell wichtige Impulse, können die aktuelle europäische Überversorgung im Moment aber einfach nicht kompensieren. Das drückt das gesamte Preisgefüge mitten in der eigentlichen Hochsaison.

 

Abseits der Grillpartys hakt es auch im Inland. Wie läuft das Geschäft im Außer-Haus-Verzehr?

Klaus Kessing: Ein wesentlicher Bremsfaktor ist der schwache Außer-Haus-Verzehr. Während der Absatz im Lebensmitteleinzelhandel vergleichsweise stabil läuft, dämpft die anhaltende Flaute in der Gastronomie die Inlandsnachfrage spürbar. Das Gastgewerbe leidet unter real rückläufigen Umsätzen und agiert beim Wareneinkauf entsprechend defensiv. Damit ist ausgerechnet im Sommer ein wichtiger Absatzkanal eingeschränkt, der üblicherweise für die nötige Dynamik sorgt.

 

Im Juni 2025 lagen wir unter ähnlichen Bedingungen noch bei einem Schweinepreis von 2,10 €/kg SG – heute sind es 50 Cent weniger. Was muss sich ändern, um wieder auf ein kostendeckendes Niveau zu kommen?

Klaus Kessing: Vor dem Hintergrund unserer hohen Abhängigkeit vom EU-Binnenmarkt sind die Bemühungen von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer bezüglich der Drittlandsexporte von großer Bedeutung. Der drastische Preisunterschied zum Vorjahr zeigt, wie instabil das System ohne funktionierende Ventile ist. Wir brauchen dringend weitere Wiederöffnungen von Drittlandsmärkten. Ohne diese zusätzlichen Absatzkanäle bleibt der Druck auf dem europäischen Binnenmarkt mittelfristig zu hoch, weil die überschüssigen Fleischmengen am EU-Markt schlicht nicht abfließen können.

Zusätzlich benötigen wir dringend positive Impulse auf der Nachfrageseite im Inland: Ein anhaltend gutes Grillwetter und zusätzliche Events wie die bevorstehende Fußball-WM könnten hier für den nötigen Schwung sorgen. Auf der Angebotsseite gibt es zumindest mittelfristig ein Signal der Entlastung, da die EU-Kommission von einem abnehmenden Schweinefleischangebot in der EU um rund ein Prozent ausgeht.

 

Insbesondere in letzter Zeit war spürbar, dass die Schlachtunternehmen den Marktdruck überdeutlich direkt an die Landwirte weitergeben. Wie bewerten Sie das?

Klaus Kessing: Das ist eine gefährliche Strategie. Die wirtschaftliche Situation auf den schweinehaltenden Betrieben ist ohnehin schon seit langem dramatisch angespannt. Durch das aktuelle Preistief verzeichnen die Betriebe in der Summe aus Ferkelerzeugung und Schweinemast einen massiven Verlust von rund 50 Euro pro Schwein. Das ist ein tiefrotes, absolut defizitäres Ergebnis, das kein Betrieb auf Dauer durchhalten kann.

Wenn die Fleischwirtschaft in einer solchen Existenzkrise versucht, ihre eigenen Margenprobleme und den Druck des Lebensmitteleinzelhandels einseitig auf das schwächste Glied der Kette abzuwälzen, löst das keine strukturellen Probleme. Im Gegenteil: Sie treibt damit die heimische Erzeugerbasis sehenden Auges in den Ruin. Irgendwann fehlt den Schlachtunternehmen dann langfristig schlichtweg der Rohstoff für ihre eigenen Werke.


Diese und weitere Themen, die für die Weiterentwicklung der schweinehaltenden Betriebe in Deutschland entscheidend sind, wollen wir auf unserer Mitgliederversammlung unter dem TOP-Thema: Spezialisiert, integriert oder globalisiert – Wohin entwickelt sich die deutsche Schweinehaltung? erörtern und diskutieren! Kommen Sie vorbei und diskutieren Sie mit – auch Nicht-Mitglieder sind herzlich willkommen!

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