27.11.2020

Krisengipfel der Agrarminister zum Schweinestau: ISN fordert schnelle Nothilfe und abgestimmtes Vorgehen

Damme, 27. November 2020. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat die Agrarminister der Bundesländer zum heutigen digitalen Krisengipfel zum Thema Schweinestau eingeladen. Dort soll über Nothilfe-Maßnahmen für die Schweinehalter beraten werden.

Hintergrund ist die akute Notlage, in der sich die deutschen Schweine­halter aufgrund der Corona-Pandemie befinden.

Die ISN fordert schnelle und unbürokratische Corona-Nothilfen für Schweinehalter analog zu anderen Wirtschaftsbereichen sowie eine Abstimmung der Maßnahmen zur Lösung des Schweinestaus.


ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack erläutert dazu:

  • Die heutige Abstimmung der deutschen Agrarminister ist richtig und wichtig. Es ist allerhöchste Eisenbahn! Für die deutschen Schweine­halter ist die aktuelle Lage ruinös und existenzbedrohend. Denn sie haben bereits heute schon Erlöseinbußen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, allein durch die Corona-Pandemie, zu verzeichnen.
  • In diesem Jahr kam es hauptsächlich durch die Bekämpfungsmaßnahmen der Corona-Pandemie, aber auch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland für die deutschen Schweinehalter knüppeldick. Die Schweinehalter sind durch den entstandenen Schweinestau und die Absatzprobleme beim Schweinefleisch unverschuldet in die katastrophale Notlage geraten.
  • In den einzelnen Bundesländern ist in den vergangenen Wochen viel passiert und viel möglich gemacht worden, um die Lösung des Schweinstaus voranzutreiben. Für die Schweinehalter ist es enorm wichtig, dass die Maßnahmen nun weiter verzahnt werden und einheitlich zur Anwendung kommen.
  • In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder auf die Notlage der Schweinehalter aufmerksam gemacht und Unterstützung gefordert. Es ist allerhöchste Zeit, dass nun kurzfristig auch Corona-Nothilfen für Schweinehalter analog zu anderen Wirtschaftsbereichen auf den Weg gebracht werden.
  • Eine Förderung der Privaten Lagerhaltung (PLH), wie sie aktuell auch diskutiert wird, ist hingegen nicht sinnvoll, weil diese zu keiner schnellen finanziellen Entlastung der Schweinehalter führt – im Gegenteil, Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass die PLH eine Markterholung sogar verzögert.

 

Hintergründe zum Schweinestau und dem Preisverfall

  • Neben dem extremen Schweinestau mit aktuell ca. 610.000 Schweinen und der dadurch entstehenden Notsituation in den Ställen wird inzwischen auch die finanzielle Lage der Schweinehalter immer bedrohlicher. Die Mast­schweine­preise sind seit Anfang März von über 2 Euro je kg Schlachtgewicht auf inzwischen 1,19 Euro je kg Schlachtgewicht gefallen, die Ferkelpreise im gleichen Zeitraum von ca. 80 Euro auf 22 Euro. Die Schweinehalter machen aktuell einen Verlust von ca. 60 Euro an jedem einzelnen Schwein. Es droht ein erheblicher Strukturbruch in der Schweinehaltung.
  • Legt man die seit März bis heute etwa 30 Millionen vermarkteten Schweine zugrunde, gehen nach Kalkulation der ISN bei den deutschen Schweinehaltern Erlöseinbußen in Höhe von ca. 1,3 Milliarden Euro auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zurück. Nimmt man die weiteren Erlöseinbußen, die durch das Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland zustande gekommen sind, hinzu, so liegt der Gesamtschaden für die Schweine­halter sogar schon bei fast 1,5 Milliarden Euro.
  • Bereits mit der Zuspitzung der Corona-Situation in Deutschland und Europa im März wurden die Schweinefleischmärkte durcheinander­gewirbelt. Europäische Märkte, z.B. in Italien sind weggebrochen, aber auch innerdeutsche Märkte durch den Lockdown im März sowie aktuell. Dadurch ist der Außer-Haus-Verzehr nahezu vollkommen zum Erliegen gekommen. Dieser Absatzmarkt machte vor den Corona-Zeiten für Schweinefleisch mengenmäßig immerhin ein Drittel des innerdeutschen Marktes aus. Nur ein Teil davon konnte durch den Lebensmitteleinzelhandel und Lieferservices aufgefangen werden.
  • Aufgrund von behördlichen Maßnahmen (u.a. zum Infektionsschutz) an deutschen Schlachthöfen waren diese erheblich in ihrer Auslastung eingeschränkt. In der Folge hat sich ein extremer Schweinestau gebildet – mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf den Schweinepreis. Auch wenn verschiedene größere Schlachtstandorte betroffen waren, hatte besonders die über 20 Wochen andauernde Einschränkung von Europas größtem Schlachtbetrieb, Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, eine Schlüssel­rolle.
  • Die derzeit diskutierte Bezuschussung der privaten Lagerhaltung (PLH) von Schweinefleisch ist nicht zielführend. Zum einen kommt das Geld nicht direkt bei den Schweinehaltern an und zum anderen wird dem Markt die Möglichkeit auf eine schnelle Erholung nach der Krise genommen. Beispielsweise wurde im März und April 2015 die Private Lagerhaltung von ca. 67.200 t Schweinefleisch in der EU gefördert, was bei der Auslagerung von Juni bis September die Preise stark belastete. Entgegen dem saisonalen Trend gaben die Preise während der Auslagerungsphase um bis zu 15 Cent/kg SG bzw. 10 % nach. Die Stabilisierung des Marktes nach der Maßnahme zur Förderung der privaten Lagerhaltung zu Beginn des Jahres 2016 hingegen war nicht dieser Marktstützung geschuldet, sondern der rückläufigen Schweinebestände in der Europäischen Union, verbunden mit einer anziehenden Nachfrage in Drittländern nach Schweinefleisch.

 


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