28.04.2026rss_feed

ISN-Umfrage zur Nämlichkeit bei der Initiative Tierwohl - Das sind die Ergebnisse

Header Umfrageergebnisse ITW Nämlichkeit ISN

Ab 2027 soll die sogenannte Nämlichkeit zur zentralen Voraussetzung für die Teilnahme an der Initiative Tierwohl (ITW) werden. Das heißt, Schweinemäster können nur teilnehmen, wenn sie Ferkel aus Betrieben beziehen, wo die Ferkelerzeuger bzw. -aufzüchter ebenfalls bei der ITW dabei sind und umgekehrt. Diese Anforderung stellt viele Betriebe und Vermarktungsbeziehungen vor erhebliche Herausforderungen – der Ruf nach einer Übergangslösung ist laut. Um die Diskussion darüber besser mit Daten und Fakten untermauern zu können, hat die ISN hierzu im März 2026 eine Umfrage unter Schweinehaltern durchgeführt und gefragt: Wie sind Ferkelerzeuger und Schweinemäster hinsichtlich der Nämlichkeit aktuell aufgestellt und wohin entwickeln sich die Betriebe diesbezüglich? Was sind die Gründe, die aus Sicht der Schweinehalter gegen eine Teilnahme bei der ITW sprechen?


Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

  • Mit 591 Mastbetrieben sowie 312 Sauenhaltern zeichnet die personalisierte ISN-Umfrage ein belastbares Bild von der Situation. In diesen Betrieben werden ca. 10% der deutschen Mastschweine gehalten und 11,5% der deutschen Sauen.

  • Ungefähr die Hälfte der Sauenplätze aus der Befragung ist aktuell ITW-zertifiziert, die Hälfte davon ist nämlich, so dass ein Viertel der Sauenplätze insgesamt ITW-nämlich sind.

  • In der Schweinemast sind ca. drei Viertel der Mastplätze ITW-zertifiziert, nur gut ein Drittel davon ist nämlich, so dass 28,3 % der Mastplätze ITW-nämlich sind.

  • Während die ITW-Plätze in der Sauenhaltung je nach den weiteren Rahmenbedingungen ab 2027 trotz Nämlichkeit gehalten werden könnten, droht eine Halbierung der ITW-Mastplätze

  • Wesentliche Gründe für die Nichtteilnahme an der ITW bzw. der Nämlichkeit sind Belastungen durch Audits, fehlende Fensterfläche, ein ungünstiges Timing vor dem Umbau der Sauenhaltung und auch ökonomische Gründe

  • Bei der Schweinemast spielt die Verfügbarkeit von ITW-Ferkeln eine wichtige Rolle, wobei langjährige Lieferbeziehungen oft nicht in Frage gestellt werden.

Fazit: Die Umfrage liefert einen guten Einblick und eine gute Prognose dafür, was ab 2027 durch die Einführung der verpflichtenden Nämlichkeit passieren wird. Alle Beteiligten kennen die Bedeutung der Initiative Tierwohl und wissen, was auf dem Spiel steht. Auf dieser Basis geht es nun darum, Lösungen zu finden, die es den Betrieben ermöglichen, auch weiterhin an der ITW teilnehmen zu können und die somit den Fortbestand der Initiative Tierwohl sichern.


Im Folgenden nun die ausführliche Darstellung der Ergebnisse:

 

Umfrage trifft einen Nerv

Dass die Umfrage einen Nerv getroffen hat, zeigt die rege Teilnahme der Betriebe. So konnten am Ende 672 personalisierte Fragebögen ausgewertet werden. Diese umfassen 312 Betriebe mit Sauenhaltung, 342 Betriebe mit Ferkelaufzucht und 591 Betriebe mit Schweinemast. Mit durchschnittlich 526 Sauen, 2237 Mastplätzen und 2398 Aufzuchtplätzen sind die teilnehmenden Betriebe deutlich größer als der Bundesdurchschnitt. Bezogen auf die Sauenhaltung deckt die Umfrage gut 11,5 % des deutschen Sauenbestandes ab, bei den Mastplätzen liegt der Anteil bei knapp 10 %. Die Betriebe stammen aus verschiedenen Bundesländern mit dem Schwerpunkt im Nord-Westen und bilden damit ein breites Bild der deutschen Schweineproduktion ab.

 

Sauen: Aktuell ca. ein Viertel nämlich

In den befragten Sauenhaltungsbetrieben ist knapp die Hälfte (47,5 %) der Sauenplätze ITW-zertifiziert. Davon wiederum sind aktuell gut die Hälfte (52,5 %) der Plätze durchgängig nämlich. Daraus ergibt sich, dass bezogen auf alle Sauenplätze aktuell genau ein Viertel die durchgehende Nämlichkeit hat. Zu berücksichtigen ist aber, dass Ferkelerzeugerbetriebe, die nicht durchgängig nämlich sind, ggf. trotzdem einen Teil ihrer Ferkel an ITW-Mäster liefern. Somit hat ein Teil der Betriebe in dieser Kategorie bereits eine Teilnämlichkeit. Ähnlich sieht die Verteilung in der Ferkelaufzucht aus. Das ist wenig verwunderlich, ist doch der Hauptteil der Ferkelaufzucht direkt an die Sauenhaltung gekoppelt. Konkret liegt der Anteil der durchgehend nämlichen Ferkelaufzuchtplätze (ohne Berücksichtigung der Teilnämlichkeit) bei 27,7 %.

 

Mast: Mehr ITW, weniger Nämlichkeit

Auch die Schweinemast bewegt sich mit 28,3 % nämlicher ITW-Plätze im vergleichbaren Rahmen zur Sauenhaltung. Allerdings ist das Zustandekommen dieses Anteils anders gelagert. So liegt der Anteil der ITW-Mastplätze der befragten Betriebe mit 77 % deutlich höher, jedoch sind nur gut ein Drittel der ITW-Plätze auch nämlich. Die Ursache für diesen Unterschied dürfte in der Zugangsbeschränkung der Ferkelaufzucht und damit auch der Ferkelerzeugung zum Ferkelfonds liegen. Zudem ist der Zugang zum Fonds seit einigen Jahren an die Nämlichkeit gekoppelt.


Aktuelle und künftige Verteilung (ab 2027) der Sauenplätze an der ISN-Umfrage teilnehmender Betriebe (312 Betriebe) ©ISN

Sauenhalter streben Nämlichkeit an

Spannend ist natürlich die Frage, wie es mit der ITW und der Nämlichkeit weitergeht. Betriebe konnten u.a. angeben, ob sie ab 2027 in die ITW einsteigen oder aussteigen und ob sie die Nämlichkeit schon erreicht haben oder diese anstreben. Die auf der Basis der Antworten prognostizierten Wanderungsbewegungen führen zum Ergebnis, dass der Anteil der ITW-Sauen trotz der Nämlichkeitsvorgabe sogar noch auf 51,8 % - also um ca. 4 Prozentpunkte – steigt. Zum einen strebt ein Großteil der Sauenhalter ohne Nämlichkeit bzw. mit einer noch nicht vollständigen Nämlichkeit letztere an. Zum anderen ist aber auch zu erkennen, dass ein Teil der Sauenhalter ohne ITW ab 2027 teilnehmen will. Hier spiegelt sich der insbesondere in den vergangenen Monaten aufgebaute Druck in den Erzeugerketten wider.

 


ITW Umfrage Nämlichkeit Ferkelaufzucht

Die Prognose stützt sich aber im Wesentlichen darauf, dass Betriebe angegeben haben, die ITW mit Nämlichkeit ab 2027 anzustreben. Damit ist sie jedoch längst noch nicht umgesetzt. Der Anteil könnte sich in Abhängigkeit von weiteren Abstimmungsprozessen und Diskussionen (z.B. über den Kostenausgleich) noch erheblich reduzieren. Für die Ferkelaufzucht zeigt die Umfrage ein nahezu deckungsgleiches Bild.


Aktuelle und künftige Verteilung (ab 2027) der Mastplätze an der ISN-Umfrage teilnehmender Betriebe (591 Betriebe) ©ISN

Deutlicher Einbruch in der Mast

Anders als in der Sauenhaltung steigt nach den Aussagen der an der Umfrage teilnehmenden Schweinemäster mit der Nämlichkeits-Vorgabe ab 2027 ein deutlicher Anteil aus der ITW-Mast aus. Die Wanderungsbewegungen zeigen auch hier Mäster, die ihre ITW-Teilnahme in die Nämlichkeit bringen und auch Mäster, die ganz neu in die ITW einsteigen - insgesamt kann aber den Angaben der Betriebe zufolge der hohe Anteil der aktuell nicht nämlichen ITW-Schweine nur zu ca.11 % zur Nämlichkeit überführt werden. Damit würde sich die Zahl der ITW-Schweine um über die Hälfte reduzieren und nur noch einen Anteil der Mastplätze von 34,6 % erreichen. Die Erwartungen bezüglich der ITW-Teilnahme mit Nämlichkeit sind also bei den Schweinemästern deutlich pessimistischer als bei den Sauenhaltern.


ISN-Umfrage 2026: Die 10 meistgenannten Gründe für den Nichteinstieg in die ITW oder die Nämlichkeit lt. ISN-Umfrage für Ferkelerzeuger ©ISN

Problem: Kontrolldichte und gleichzeitiger Umbau Sauenhaltung

Auch bei den Gründen für einen Nichteinstieg in die ITW bzw. die Nämlichkeit zeigt sich ein unterschiedliches Bild zwischen den Ferkelerzeugern und Schweinemästern. So werden von den Ferkelerzeugern die Belastungen durch zusätzliche Audits und durch unangekündigte Audits mit deutlichem Abstand als Hauptgründe gegen die ITW-Teilnahme genannt. Auch bei den Mästern rangieren diese beiden Gründe im oberen Bereich der Negativliste. Bei den Sauenhaltern spielt zudem die fehlende Fensterfläche und der anstehende Umbau des Deckzentrums eine wichtige Rolle.


ISN-Umfrage 2026: Die 10 meistgenannten Gründe für den Nichteinstieg in die ITW oder die Nämlichkeit lt. ISN-Umfrage für Schweinemäster ©ISN

Mäster schauen auf die Ferkel

Auch wenn sie nicht ganz vorne in der Liste erscheinen, so sind ökonomische Gründe und Kostenpositionen sowohl bei den Sauenhaltern als auch bei den Schweinemästern wichtige Gründe gegen die ITW-Teilnahme. Gleiches gilt für zusätzliche Dokumentations- und Meldepflichten.
Besonders auffällig ist, dass bei den Schweinemästern unter den ersten 11 Gründen gegen die ITW-Teilnahme mit Nämlichkeit 5 Gründe mit dem Ferkelbezug zu tun haben. Ganz vorne rangiert, dass der Ferkelerzeuger nicht an der ITW teilnimmt, gefolgt davon, dass man den langjährigen Ferkelbezug nicht aufs Spiel setzen will.


Fazit

Die Umfrage zeigt sehr deutlich, dass mit der verpflichtenden Nämlichkeit ab 2027 ein erheblicher Umbruch bei der Initiative Tierwohl bevorsteht. Insbesondere in der Schweinemast droht dann eine Halbierung der Anzahl von ITW-Mastschweinen. Viele Schweinemäster finden nicht ihre passenden ITW-Ferkelerzeuger und sind auch nicht bereit, für die ITW ihre langjährige Lieferbeziehung mit ihrem Ferkelerzeuger aufzugeben. Dabei ist in der Ferkelerzeugung in einem gewissen Umfang der Wille durchaus vorhanden, weiter bei der ITW teilzunehmen oder gar einzusteigen. Potenzial, Ferkelerzeuger und Schweinemäster ins ITW-Boot zu holen, gibt es durch eine Reduzierung der Kontrollbelastung und der damit verbundenen Kosten. Auch bei der fehlenden Fensterfläche wäre ein Ansatzpunkt gegeben. Zudem kollidiert die Umstellung auf die Nämlichkeit zeitlich mit dem gesetzlich geforderten Umbau der Sauenhaltung.
Die Daten und Fakten liegen nun auf dem Tisch. Alle Beteiligten kennen die Bedeutung der Initiative Tierwohl und wissen, was auf dem Spiel steht. Auf dieser Basis geht es nun darum, Lösungen zu finden, die es den Betrieben ermöglichen, auch weiterhin an der ITW teilnehmen zu können und die somit den Fortbestand der Initiative Tierwohl sichern.



arrow_upward