22.07.2016rss_feed

Der Handel macht Agrarpolitik – Ein Gastkommentar von Dirk Lenders, Lebensmittel Zeitung

Dirk Lenders, Lebensmittel Zeitung

Dirk Lenders, Lebensmittel Zeitung

Lidl will ein gentechnikfreies Molkerei-Sortiment, Rewe ungekürzte Schnäbel bei Legehennen und Edeka kein Fleisch mehr von betäubungslos kastrierten Schweinen. Das sind nur einige Beispiele dafür, wie deutsche Einzelhandelskonzerne aktuell Forderungen von NGO und vermeintliche Bürgerwünsche umsetzen. Was auf den ersten Blick nach einer Differenzierungs- oder Marketingstrategie aussieht, ist tatsächlich knallharte Agrarpolitik.

 

Vor allem Themen, bei denen sich die echten Agrarpolitiker, allen voran Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, eher zögerlich verhalten, packt der Handel an. Er ändert seine Einkaufsrichtlinien, setzt Bauern, Molkereien und Fleischindustrie klare Fristen – wohl wissend, dass sich ohne diesen Druck so schnell nichts ändern wird.

 

Mit dieser Einschätzung liegen die Händler sicher richtig. Doch ihr Vorgehen birgt auch die Gefahr des Aktionismus. Denn häufig fehlt eine ordentliche Folgenabschätzung für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette, mit der Gefahr, dass ganze Branchen gespalten werden. Denn die Bauern und die Verarbeiter landwirtschaftlicher Produkte stehen vor dem Problem, dass sich der Handel in vielen Punkten nicht einig ist. Sie wissen dann nicht, auf wen sie ihre Produktion ausrichten sollen, eher auf Kaufland oder doch lieber auf Aldi? Hinzu kommt, dass ihnen häufig riesige Absatzmärkte verloren gehen – das vom deutschen Handel gewünschte Eberfleisch beispielsweise kann man nur in wenigen Ländern verkaufen und für Tierwohl bekommt man außerhalb Nordwesteuropas keinen Cent.

 

Wenn der deutsche Handel also Agrarpolitik betreibt und damit nachhaltig die Landwirtschaft in Deutschland verändert, muss er auch die Verantwortung übernehmen. Eine Konsequenz wäre dann die Einbindung in eine geschlossene, vertikale Kette, wie es kürzlich Ludger Breloh von Rewe gesagt hat. Dann müsste der Handel seinen Lieferanten den Mehrwert auch ordentlich vergüten und nicht nur einen knappen Kostenausgleich bezahlen. Vor allem aber muss er das Lieferanten-Hopping je nach Preislage beenden. So könnte der Handel mehr für Umwelt, Bauer, Tier, Verarbeiter und Verbraucher erreichen als so mancher Agrargipfel.

 

Dieser Kommentar erschien in der Lebensmittel Zeitung, Nr. 28 vom 15. Juli 2016

 

Die ISN hat vor wenigen Tagen die aktuellen Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmengruppen ALDI Nord und ALDI SÜD kommentiert. Auch wir haben uns dabei die Frage gestelllt, wer denn nun mehr Agrarpolitik macht: der Lebensmitteleinzelhandel oder die Politik?

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