06.09.2021

Branchengipfel Schwein: ISN fordert sofortiges Maßnahmenbündel

©Canva, ISN, ML/Jaworr

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Bei einem digitalen Branchengipfel diskutierte heute die niedersächsische Landwirtschaftsministerin mit Erzeugern, Handel, Verarbeitung und Verbänden über die extrem angespannte Situation am Schweinemarkt. Die ISN forderte dabei schnelle Hilfe für die Schweinehalter, bevor den Betrieben die Luft ausgeht. Ganz kurzfristig müsse von politischer Seite die Überbrückungshilfe in angepasstem Rahmen her – beispielsweise muss auch die Deckelung angehoben werden. Wirtschaftsseitig müsse Absatzförderung durch umfangreiche Werbung dafür sorgen, dass die Mengen abfließen können.

 

Angesichts der angespannten Situation am Schweinemarkt hatte Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast heute Vertreter der Landwirtschaft, der Schlachtbranche und des Handels zu einem digitalen Branchengipfel Schwein eingeladen, darunter auch die ISN.

Jeder muss seinen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten, lautete Otte-Kinasts Appell an die Marktpartner. In einer Pressemitteilung des Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bekräftigte Otte- Kinast im Nachgang des Gipfels ihre Forderung: Wir brauchen ein klares Bekenntnis des Handels zur deutschen Produktion. Dies muss dringend auch die Stufe der Sauenhalter beinhalten. Wer den Verbrauchern regionale Produkte oder ausschließlich Ware aus den Haltungsstufen 3 und 4 verspricht, muss den Bauern Planungssicherheit durch langfristige Verträge geben. Aber auch die Landwirtschaft ist gefordert. Das Angebot ist immer noch zu groß. Inzwischen muss doch klar sein: Wenn die Nachfrage nicht da ist, dann benötigen wir auch weniger Schweine.

 

Otte-Kinast: Wir brauchen zwingend Hilfe von der Bundespolitik

Otte-Kinast drängte beim Branchengipfel auf eine zügige Implementierung des Konzepts der Borchert-Kommission, um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Nutztierhaltung abzusichern. Weiterhin erklärte die Agrarministerin, dass Niedersachsen bei der Agrarministerkonferenz einen Antrag einbringen werde, um zwischen Bund und Ländern ein abgestimmtes Vorgehen gegen die Strukturkrise zu erreichen.

Da die Zeit dränge und die Not der Schweinehalter täglich wachse, werde zwingend Hilfe von der Bundespolitik benötigt, so Otte-Kinast. Dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit müsse mit zwei Maßnahmen entgegengesteuert werden:

  1. Höhere deutsche Tierwohl-Standards werden durch geeignete Finanzierungsmodelle flankiert, wie dies die Borchert-Kommission vorgeschlagen hat. Mehr Platz für die Tiere in den Ställen bedeutet dann auch weniger Schweine.
  2. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) wird mittelfristig so angepasst, dass die Erbringung höherer Tierwohl- und Umweltstandards alternative Einkommensmöglichkeiten für Landwirte eröffnet.

 

Die ISN meint:

Die von der Ministerin vorgeschlagenen Maßnahmen wirken mittel- und langfristig. Für die Schweinehalter geht es aber momentan darum, den Existenzkampf der nächsten Monate zu überstehen. Denn nur dann werden sie überhaupt in der Lage sein, zukünftig höhere Tierwohlstandards o.ä. umsetzen zu können – ob sie es angesichts des Vertrauensverlusts auch in die Politik denn überhaupt noch wollen. Denn mit jedem Tag, den die aktuell ruinöse Lage anhält, steigen noch mehr Ferkelerzeuger wie auch Schweinemäster aus. Das Maßnahmenbündel, welches wir fordern ist deshalb ein anderes und viel kurzfristiger als das der Ministerin. Schließlich bestand in der heutigen Runde ja auch Einigkeit darüber, dass die Situation in der Schweinehaltung katastrophal ist und man auf einen Kahlschlag auf landwirtschaftlicher Seite zuläuft, wenn nicht schnell eingegriffen wird.

Deshalb müssen jetzt ganz kurzfristig von politischer Seite die Überbrückungshilfen in einem angepassten Rahmen fortgeschrieben werden. Das darf auch im Wahlkampf nicht liegenbleiben – dafür ist keine Zeit. Warum sind beispielsweise die maximalen Überbrückungshilfen überhaupt jenseits der 200.000 € für Schweinehalter gedeckelt? Hier handelt es sich schließlich um landwirtschaftliche Unternehmer, die erhebliche Verluste durch Corona einfahren mussten und müssen. Wo ist der Unterschied zu Unternehmen in anderen  Wirtschaftszweigen, wo die Hilfen teilweise bis über 2 Mio. € reichen, fasst ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack die erste wichtige Forderung zusammen.

Darüber hinaus liegt der Schlüssel aus Sicht der ISN im Absatz. Die großen Mengen in den Kühllägern müssen weg. Viele der beteiligten Handelsunternehmen haben heute zugesagt, in Richtung Absatzförderung und Werbung für deutsches Schweinefleisch einiges tun zu wollen. Das begrüßen wir ausdrücklich! erläutert Staack nach dem Branchengipfel weiter. Insgesamt gebe es eben nicht die eine Maßnahme, um aus der Krise herauszukommen, sondern es bedarf eines ganzen Maßnahmenbündels – aber erst einmal ein kurzfristig umzusetzendes. Wirtschaftsseitig fordern wir deshalb eine Absatzförderung, damit die Mengen abfließen können. Hier können alle Lebensmitteleinzelhändler durch Absatzwerbung für deutsches Schweinefleisch mit Nachdruck mithelfen. Das können aber auch die 'Schwesterunternehmen' im Großhandel, welche u.a. die Kantinen und Restaurants beliefern.  Hier müssen alle Vertriebswege für deutsches Fleisch voll genutzt werden. Deshalb fordern wir insbesondere auch vom Großhandel, Außer-Haus-Verzehr und Fleischverarbeitung zu reagieren und konsequent auf die deutsche Herkunft und die Einhaltung der hiesigen Standards beim Schweinefleisch setzen. Hier dürfen wir nicht locker lassen, so Staack.

Entschieden zurückweisen müssen wir den Unterton, wo den Schweinehaltern vorgeworfen wird, sie würden ihre Erzeugung nicht genug herunterfahren. So auch heute von der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast. Hier muss man nur auf die nackten Zahlen schauen, dann sieht man sehr deutlich die bereits erfolgte erhebliche Drosselung – sehr oft verbunden mit dem bitteren Weg vieler Schweinehalter, den Schlüssel ganz umzudrehen. Allein in der bisherigen Corona-Pandemie haben wir über 10 % der Sauenhalter verloren! Und der Blick in die nahe Zukunft macht klar, dass sich der massive Ausstieg der Betriebe noch erheblich steigern wird. Natürlich haben auch sehr viele Landwirte durch die hohe Teilnahmebereitschaft an Tierwohlprogrammen auf Erzeugung verzichtet – auch das macht sich bei den Angebotsmengen bemerkbar. Allein an dem niedrigsten Stand der Schlachtzahlen seit 2007 wird der Rückgang sehr deutlich.