04.11.2015rss_feed

Aufbruchstimmung am deutschen Bio-Schweinemarkt?

Bio-Schweinehaltertagung: Rund 150 Landwirte, Berater und Vermarkter aus ganz Deutschland und den Nachbarländern diskutierten vergangene Woche über die aktuellen Entwicklungen am Bio-Schweinemarkt.

Ausrichter der zweitägigen Veranstaltung auf Haus Düsse war das Aktionsbündnis der Bioschweinehalter Deutschlands (ABD) dem Bundesfachverband für die ökologische Schweinehaltung. Mitveranstalter waren die Landwirtschaftskammer NRW und die Landesvereinigung Ökologischer Landbau NRW.

Die ISN hat dem ABD-Vorsitzenden und Bioland-Schweinehalter Heinrich Rülfing aus Rhede im Kreis Borken Fragen zur Situation im Bioschweinesektor gestellt:  

Heinrich Rülfing, Vorsitzender des  Aktionsbündnis der Bioschweinehalter Deutschlands

Heinrich Rülfing, Vorsitzender des Aktionsbündnis der Bioschweinehalter Deutschlands

Herr Rülfing, Bioschweine werden händeringend gesucht. Insbesondere Bioferkel sind knapp. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?
Rülfing: Der Umstand, dass der LEH auf breiter Front auch in die Biofleischvermarktung einsteigt, führt zu einer starken und nachhaltigen Nachfrage. Der Absatz im Handel steigt. Auch würden viele Unternehmen gern neue Produkte entwickeln und in den Markt bringen, aber es fehlt der Rohstoff.

 

Schweinehalter sind offen für Neues, wenn sich hieraus eine nachhaltige Marktchance ergibt? Warum steigt der Anteil von Bioschweinefleischerzeuger nur so schleppend?
Rülfing: Sie sagen es, zur Zeit liegen die Bioschweine mit einem 0,6 % Anteil in einer Nische. In vielen Ländern ist der Anteil größer, aber auch der herkömmliche Schweinebestand geringer. Da ist viel Luft nach oben. Bislang war der Gewinn je Bioferkel und Schwein im Verhältnis zum geldlichen Aufwand eher bescheiden. Nun bieten einige Firmen feste Verträge zu auskömmlichen Preisen über fünf Jahre an. Eine Chance für Betriebe, die den Wachstumsprozess der letzten Jahre nicht folgen konnten und nicht wollten. Ein Problem ist auch: Bei den hohen Pachten, ist es einfacher zu verpachten als sich in einen ganz neuen Bereich einzuarbeiten.

 

Oder sehen Sie eher mentale oder politische Hürden? 
Rülfing: Ja, dazu kommt die mentale Einstellung. Verbände und Presseorgane haben immer das Wachsen propagiert – Export und Kostenführerschaft waren die Schlagworte. Deutschland ist ein Qualitätsführer in Sachen Schweinefleischerzeugung, aber leider kein Kostenführer. Der ordnungsgemäße Umgang mit der Umwelt und gerechten Löhnen machen die Erzeugung  zunehmend wesentlich teurer als in anderen Regionen der Welt. Deutsche Bauernvertretungen wären m. E. sehr gut beraten, gemeinsam mit dem Handel eine Marke Made in Germany zu entwickeln. Es geht darum einen gerechten Preis für das hochwertige Lebensmittel Schweinefleisch zu erwirken, damit die Bauern leben können. Das hat Einfluss auf die ganze Struktur auf dem Lande.

 

Und wie soll das gehen?
Rülfing: Bärenmarke macht es vor. Sie ist preislich höher angesiedelt als eine Biokondensmilch - Warum? Ideen und eine gute Kommunikation zum Verbraucher sind hier gefragt. Jeder Schweinehalter muss sich selber fragen, wie er zukünftig erzeugen will. Politisch sind wir frei in Deutschland. Aber der Verbraucher bestimmt, wie Tiere gehalten werden müssen. Das geht auch aus allen Expertisen für die Zukunft hervor.

 

Laufen wir Gefahr, dass das Biofleisch zukünftig noch stärker importiert wird? Welche Chancen sehen Sie, die deutsche Biofleischerzeugung auszuweiten?  
Rülfing: Ein Blick in die Zukunft ist da schwer. Aber ich denke diese aktuell guten und festen Verträge tragen dazu bei, dass die Erzeugung und der Absatz für Bioschweinefleisch deutlich steigt. Wer es in Europa erzeugen wird, dazu wage ich keine Prognose.

 

Immer wieder ist bei Bioschweinen von höheren Tierverlusten und vermehrten Auffälligkeiten am Schlachtkörper die Rede. Wie sehen Sie die Situation?
Rülfing: Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Eine Studie in Dänemark hat aufgrund eines aus meiner Sicht tendenziösen Artikels in einer Fachzeitschrift für Irritation gesorgt. Dort wurden die Schwanzverletzungen bei Freiland- und Bioschweinen direkt in den Kontext zu kupierten Schweinen aus der herkömmlichen Erzeugung gesetzt. Fakt ist, dass wir Bioschweinehalter geringere aufgezogene Ferkel je Sau und deutlich mehr Organbefunde haben. Daran arbeiten wir. Selbstkritisch müssen wir sagen: Sie werden auch manchmal von uns nicht richtig ernst genommen, weil es ja den im Stroh tobenden Schwein vermeintlich gut geht. Leistungen werden oft nicht ausreichend nachgehalten. Da gibt’s deutlich Luft nach oben für uns alle.

 

Wie gehen Sie im Bio Bereich mit der betäubungslosen Kastration um? Welche Alternativen kommen für Sie in Frage?  
Rülfing: Bei Bioland betäuben wir nun seit Jahren unsere Ferkel mit Stresnil und Ketamin, andere  betäuben mit Isofluran und Ketamin. Wie ich finde, eine sehr gute Lösung. Der Vater meines Ferkelerzeugers sagt immer, so ruhig wie jetzt im Stall bei der Kastration - kein Ferkel quiekt - habe er es früher nie gehabt. Soll heißen,  auch die Arbeitsqualität des Bauern steigt bei der Kastration mit Betäubung. Auf unserer Tagung wurde herausgearbeitet, dass die Ebermast auch Riesenprobleme aufwirft: Verletzungen z. B. durch Bißverletzungen am Penis bis hin zu den geruchsauffälligen Tieren. Auch zeigte sich, dass Direktvermarkter gar nicht mit Eberfleisch umgehen können. Denn bei einem sehr hochpreisigen Produkt kann eine Reklamation den guten Ruf kosten. Das kann sich niemand, auch nicht die normale Metzgerei, erlauben. Auch bei der Immunokastration benötigt man Detektion und Aufklärung dem Verbraucher gegenüber. Ist das wirklich leistbar?

 

Und was bleibt für Sie dann an Lösungen in der Kastrationsfrage?
Rülfing: Spermasexing wäre wohl die beste Lösung - aber das ist Zukunftsmusik. So ist jetzt die beste Lösung die Kastration unter Betäubung und Schmerzausschaltung. Der Verbraucher wird zukünftig nichts anderes akzeptieren, gleich  ob herkömmlich oder ökologisch erzeugt. Insgesamt braucht der Markt in dieser Thematik in Europa und Deutschland mehrere Lösungswege – je nach Absatzweg. Das wurde auf unserer Tagung recht deutlich heraus gearbeitet.

 

Wir bedanken uns für die klaren Worte!


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