30.04.2014 rss_feed

Fall Neuland: Landwirtschaftsminister Meyer mit Tunnelblick?

Headlines zum "Fall Neuland"

Headlines zum "Fall Neuland"

Beim Fleisch-Gütesiegel Neuland gibt es derzeit Ungereimtheiten. In den eigenen Reihen der Organisation ist u.a. von einem Betrugsfall die Rede. Konventionelle Masthühner wurden mutmaßlich als deutlich teurere Neuland-Tiere verkauft. Ob das tatsächlich so ist und ob es sich um einen Einzelfall handelt, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen – u.a. die der Staatsanwaltschaft.

 

Erstaunlich: Obwohl die Nachforschungen gerade erst richtig anlaufen, hat sich neben verschiedenen Neuland-Gesellschaftern auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer sofort hinter Neuland gestellt und den Vorgang als Einzelfall deklariert.

Besonders brisant: Neuland wird von Minister Meyer immer wieder als Leitmodell seiner sanften Agrarwende hervorgehoben. Zu Recht?


Niedersächsischer Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne)

Niedersächsischer Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne)

Meyer misst mit zweierlei Maß

Meyer gab in einer ersten Stellungnahme gegenüber dem NDR bekannt: Ich bin entsetzt, wenn sich das so herausstellt, ist das Betrug eines einzigen Landwirts, so Meyer. Man dürfe aus dem Einzelfall aber keinen Rückschluss auf eine ganze Branche ziehen und müsse prüfen, welche Vergehen möglicherweise vorliegen, wird Meyer weiter zitiert.

Kopfschütteln ruft dieser Tunnelblick bei Heinrich Dierkes, Schweinehalter aus Niedersachsen und Vorsitzender der ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V., hervor: Wenn es nicht Meyers Lieblingsorganisationen betreffen würde, hätte er genau andersherum argumentiert und - wie in der Vergangenheit bereits mehrfach geschehen -sofort die Systemfrage gestellt!

 

Aus Sicht des ISN-Vorsitzenden besteht allerdings auch für konventionelle Tierhalter kein Grund zur Schadenfreude, denn die Unregelmäßigkeiten bei Neuland führen nicht nur zu einem sehr hohen Vertrauensverlust für Neuland, sondern haben letztendlich auch einen Imageschaden für die gesamte Landwirtschaft zur Folge.

 


Schweinehalter und ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes

Schweinehalter und ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes

Fakten müssen endlich auf den Tisch!

Die ISN fordert von Neuland und deren Gremien eine schnelle und gründliche Aufklärung sowie klare Konsequenzen, die nicht nur auf Bauernopfer beschränkt sind. Anstatt die Schuld jetzt allein auf die Führungsriege der betreffenden Vertriebsgesellschaft zu schieben, muss das ganze System auf den Prüfstand - sachlich und von Grund auf, sowohl aus organisatorischer Sicht als auch mit Blick auf die umzusetzenden Kriterien.

Die Antworten darauf sind gerade deswegen so wichtig, weil kürzlich Agrarminister Meyer bei einem Besuch auf einem Neulandbetrieb diese Bewirtschaftungsform als Leitmodell genannt hat. Er folgerte daraus, dass man bei Schweinen auf das Kupieren der Schwänze auch in allen konventionellen Ställen ab 2017 verzichten könne.

Funktioniert Meyers Leitsystem Neuland denn überhaupt aus Tierschutzsicht? Nach Informationen der ISN gibt es auch in Neulandbetrieben Probleme mit Schwanzbeißen. Und kann ein Familienbetrieb bei Umsetzung der Neuland-Kriterien langfristig von der Tierhaltung überleben, wenn keine Nebeneinkünfte aus anderen Betriebszweigen vorliegen? Der kürzlich besichtigte Hof zumindest hat weitere Betriebszweige z.B. im Bereich Biogas.

 

Bei aller Wertschätzung gegenüber dem Betrieb und auch Neuland müssen auch hier alle Fakten auf den Tisch. Bislang sind diese Mangelware. Selbst von den wenigen (ca. 40) Neuland-Betrieben – die nach dem Willen Meyers als Maßstab für die insgesamt ca. 6.400 schweinehaltenden Betriebe in Niedersachsen gelten sollen – liegen kaum fundierte und zum Vergleich geeignete Informationen vor.

 

Antworten auf die offenen Fragen der AbL? Bislang Fehlanzeige!

Eckehard Niemann, u.a. Pressesprecher der niedersächsischen Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), deren Bundesorganisation Gesellschafterin von Neuland ist, hat in einer Pressemeldung vom 21. April 2014 trefflich 24 Fragen in Richtung Neuland aufgeworfen. Beispielsweise fragt er: Nur fünf Mastbetriebe in Deutschland liefern Neuland-Hühnchen, insgesamt 200.000 Stück pro Jahr. Wie kann einem da durchgehen, dass der Hauptlieferant deutlich mehr Tiere liefert, als er eigentlich halten darf?

Wo bleiben die Antworten auf die Fragen des AbL-Pressesprechers? Laut einer Onlinemeldung des Greenpeace-Magazins wollte sich Niemann wenige Tage später dazu nicht mehr äußern

Wir haben den Eindruck, dass hier jemand einen Maulkorb verordnet bekommen hat. Deshalb stellt sich uns auch die Frage nach den personellen Verknüpfungen zwischen den Organisationen und Gremien der einzelnen Verbände. Wir fordern eine transparente Beantwortung der Fragen durch Neuland – so wie es übrigens auch Aufgabe eines niedersächsischen Agrarministers ist! Genau diesem stellen wir die Frage, ob er etwa seine Mitstreiter schützen will, fasst Heinrich Dierkes die ISN-Forderungen zusammen.


Das falsche Spiel des Agrarministers Christian Meyer: Agrarwende in Niedersachsen ohne Bauern und ohne Tierschutzplan?


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