26.09.2012rss_feed

20 Millionen Schweine landen jährlich auf dem Müll oder Nonstop-Nonsens - ein Kommentar von Jana Püttker, ISN-Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Jana Püttker

Jana Püttker

Gestern lief im SWR zur vermeintlich besten Sendezeit eine Reportage mit dem Namen Schweine für den Müllcontainer - Warum es zu viel Fleisch gibt. Nach dem altbekannten Baukastenschema: Extreme Beispiele werden auf die gesamte Schweinehaltung in Deutschland übertragen und verallgemeinert.

 

Extrembeispiel 1:

Bilder der ehemaligen DDR-Schweinemastanlage in Hassleben oder die sich gerade im Bau befindliche Straathof-Anlage in Alt Tellin werden gezeigt. Mal ehrlich, welcher Familienbetrieb in Deutschland erreicht denn die Größenordnung eines Straathofs?

 

Extrembeispiel 2:

Ein Bestand, der von einer Tierschutzorganisation nachts gefilmt wurde, und der sich augenscheinlich in einem sehr schlechten Zustand befindet. Jeder normale praktische Schweinehalter, der sich um das Wohl seiner Tiere sorgt, würde sofort den Veterinär verständigen/einschalten oder es erst gar nicht zu diesen Zuständen kommen lassen.

 

Diese Art von Investigativreportage der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender kennen wir zu genüge. Ein Gesamtbild der Branche wird mitnichten gezeigt. Die Bilder aus Durchschnittsbetrieben scheinen nicht skandalträchtig genug. Dem aufmerksamen Zuschauer fällt auf, dass es sich immer wieder um die gleichen Nachtaufnahmen handelt und nur ganz selten um neue Bilder. In privaten Fernsehen hingegen ist es ruhig rund um das Thema Tierhaltung geworden. Woran liegt das? Zu wenig Skandalpotential? Zu wenig Quote?

 

Der Kernaussage des Film, Fleisch ist zu billig, stimmt die ISN sogar zu (s. PDF Faktencheck). Einzelne Fakten in dem Film mögen richtig sein, doch das ist kein Freifahrtschein für die pauschale Verallgemeinerung und Verunglimpfung der Schweinehaltung in Deutschland.

 

Doch mit der Reportage allein ist es nicht getan. Die vermeintlich renommierte Zeitung Welt hat im Vorfeld eine Ankündigung zu dem Film veröffentlicht und setzt damit dem ganzen die Krone auf.

 

Genug ist genug. 20 Millionen Schweine landen jährlich auf dem Müll heißt es schon in der Überschrift. Das ließ mich sofort stutzen und beim Lesen fiel mir die Kinnlade auf den Tisch. Ich fühle mich an die 70iger Jahre Show Nonstop-Nonsens erinnert. Alles fingiert und an den Haaren herbeigezogen, einfach lächerlich denke ich mir.


Ein Paradebeispiel für journalistischen Tiefflug den die Welt da abliefert. Die Investigativjournalistin Annette Dowideit, bekannt aus Artikeln, wie die Foltermethoden in deutschen Schweineställen, lässt die Welt mit ihrem Beitrag auf das Niveau der Boulevardpresse abstürzen.

 

In Dowideits Artikel 20 Millionen Schweine landen jährlich auf dem Müll, finden sich die abenteuerliche Rechenakrobatik, verdrehte Fakten und irreführende Zahlen aus der SWR-Reportage wieder.

Der Beitrag ist halbgar, manipulativ und lückenhaft, einfach unter aller Sau.

 

Die ISN hat den Faktencheck (s. PDF-Datei unten) gemacht und ist erschüttert: Fast jeder Satz erschreckend schlecht recherchiert. Mit so einer Arbeitsweise bei einer vermeintlich renommierten Tageszeitung mit kritisch hinterfragenden Journalisten haben wir nicht gerechnet.

 

Ein Beispiel:

20 Millionen Schweine landen jährlich auf dem Müll

Bevor ich eine solch tendenziöse Überschrift über einen Beitrag setze, verifiziere ich die Angaben. Spätestens bei der hohen Zahl würde ich stutzig werden und nachrechen. Das erwarte ich auch von einem/jedem korrekt arbeitenden Journalisten.

Also rechne ich gerne einmal vor: Die zitierte WWF Studie geht davon aus, dass der Endverbraucher 25%, also ein Viertel der Nahrungsmittel, insgesamt 6,6 Millionen Tonnen, wegschmeißt. Nach Logik in dem Beitrag ergeben 20.000.000 Schweine x 95 kg Schlachtgewicht = 1,9 Mio Tonnen. Allein 29 % der weggeschmissenen Nahrungsmittel soll aus Schwein bestehen? Kann ich nicht glauben, es werden doch auch Obst, Käse, Brot etc. weggeworfen!? Einmal schnell gegoogelt und schon hat man die Studie des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMELV) gefunden auf die sich der WWF bezieht.

 

Das BMELV stellt fest, dass nur 6 % der vermeidbaren und teilweise vermeidbaren Lebensmittelabfälle in Deutschland aus Fisch und Fleisch bestehen. Gut, die Deutschen essen gerne Schweinefleisch. Also die Hälfte des pro Kopf Fleischkonsums ist Schweinefleisch. Der Anteil an weggeworfenem Schweinefleisch liegt also NUR bei 3%. Laut BMELV fallen jährlich 6,68 Mio. Tonnen Lebensmittelabfälle an. 3 % davon entsprechen gerade mal 0,2 Mio. Tonnen.

0,2 Mio. Tonnen geteilt durch 95 kg = 2.105.000 Schweine

Ohne Worte!!! Von der Sache sind das ohne Frage 2 Mio. zuviel. Aber die Art der Darstellung ist schlicht falsch.

 

Ein Anruf bei uns hätte doch genügt. Frau Dowideit hat unsere Nummer und auch schon bei früheren Artikeln mit uns Kontakt aufgenommen.

 

Frau Dowideit gehört zum WELT-Investigativteam, das sich dem investigativen Journalismus verschrieben hat.

Bei meiner Arbeit schließen sich tiefgehende Recherche und das Ziel, in Agenturen und anderen Medien zitiert zu werden, nicht aus, sagt Dowideit der Internetseite jounalist.de. Tiefgehende Recherche? Die ISN gibt gerne Starthilfe, beim Erlernen des 1x1 des investigativen Journalismus.

 

Dowideit schreibt auf journalist.de weiter …eine große Recherche (kann) auch zu einem Flop werden,…. Ja, eindeutig: Nämlich wenn sie schlecht recherchiert ist. Dowideit stellt sogar fest, dass ihre letzte Recherche zum Thema Tierschutz ein Flop war: Da gab es wenig Resonanz. Da musste wohl jetzt noch einer draufgelegt werden.

 

Im Ergebnis stellt sich die Frage ob es der Welt so schlecht geht, dass journalistische Expertise zu Gunsten populistischer Pauschalkritik geopfert wird. Anders lässt sich dieser abenteuerliche und wenig weltoffene Beitrag nicht erklären.


Der ISN-Faktencheck zeigt das ganze Ausmaß...


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