Wahlkampf auf Kosten der Tierhalter
Dass die Partei Bündnis90/Die Grünen die Nutztierhaltung zum zentralen Thema im Wahlkampf machen werden, haben sie bereits angekündigt. Dabei werden die seit vergangenem Monat bekannten Zahlen zum Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin gern verzerrt dargestellt und zu Ungunsten der konventionellen Tierhalter genutzt.
Remmel: Deutschland ist Spitzenreiter
Anlässlich der Agrarministerkonferenz in der vergangenen Woche in Schöntal hat der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Johannes Remmel betont: Deutschland ist mit Abstand Spitzenreiter in Europa, kein anderes Land setzt nicht annähernd so viel Antibiotika in der Tiermast ein, wie die Bundesrepublik.
Der agrarpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Wilhelm Priesmeier warf nach Bekanntwerden der Zahlen der der schwarz-gelben Regierung vor, die Novelle des Arzneimittelgesetzes zu verzögern.
Er forderte ein ambitioniertes Antibiotika-Reduktionsprogramm, das wissenschaftlich begleitet werden müsse. Mit 1734 Tonnen ist die Menge der Antibiotika höher als dies von Experten erwartet wurde. Allerdings ist auch die Menge der Humanantibiotika mit 816 Tonnen höher als erwartet
, kommentierte die agrar- und ernährungspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion Christel Happach-Kasan die aktuelle Studie des Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).
Agrarminister uneins
Johannes Remmel will in der geplanten Novelle des Arzneimittelgesetzes festschreiben, den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung um mindestens 50 % bis Ende 2014 zu senken. Scharfe Kritik erntete er dafür am vergangenen Freitag nach der Agrarministerkonferenz von Seiten seines niedersächsischen Ministerkollegen Gert Lindemann. Dieser bezeichnet Remmels Forderung als reinen Populismus, der in der Sache nicht weiter bringe. Einfache Mengenreduktionen ohne Berücksichtigung der Tiergesundheit und der Therapiehäufigkeit verstoßen nach Darstellung Lindemanns sogar gegen die Vorgaben des Tierschutzes.
Lindemann erinnerte daran, dass sich die Länder erst Mitte September im Rahmen der Verbraucherschutzministerkonferenz auf einen gemeinsamen Weg verständigt hätten. Umso unverständlicher sei es, so Lindemann, dass NRW einen gleichlautenden Beschluss der Agrarministerkonferenz verhindert habe. Die Länderminister waren in Schöntal nach schwierigen Diskussionen übereingekommen, zu diesem Thema angesichts der laufenden Beratungen der Novelle des Arzneimittelgesetzes im Bundesrat keinen Beschluss zu fassen.

Die ISN meint: Ein unredlicher Vergleich von Äpfel mit Birnen
Die verzerrte Darstellung der vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erhobenen Daten zum Antibiotikaverbrauch ist nicht akzeptabel.
Richtig ist, dass der ermittelte absolute Verbrauch an Antibiotika in der Veterinärmedizin in Deutschland mit 1734 t an der Spitze in den Ländern Europas liegt. Aber ist das so verwunderlich in Anbetracht dessen, dass auch die Tierbestände in Deutschland am größten sind? Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein Vergleich ist nur dann überhaupt redlich, wenn die Wirkstoffmengen je Tier und Tierart betrachtet werden. Direkte Rückschlüsse auf die Nutztierhaltung oder gar auf die einzelne Tierarten oder Haltungsformen lässt die Studie jedoch nicht zu. Diese Daten wurden schlicht und einfach nicht erhoben.
Zu vergessen scheinen einige Politiker auch, dass in der Veterinärmedizin auch die Heim- und Hobbytiere mit Antibiotika behandelt werden. Wie viel die Pferde, Hunde, Katzen und anderen Tiere in den Privathaushalten von der Gesamtmenge beansprucht haben, ist jedoch völlig unklar. Aus dieser Informationslage ziehen die genannten Politiker Rückschlüsse auf die Nutztierhaltung und sogar auf die Haltungsform – Dieser Wahlkampf auf den Rücken der konventionellen Tierhalter ist nicht akzeptabel
, kritisiert ISN-Projektmanager Dr. Karl-Heinz Tölle.
Dass Antibiotika in der Nutztierhaltung zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt werden müssen, ist unbestritten. Wichtig ist dabei besonders die Sorgfalt, um Resistenzen zu vermeiden. Und diese stellen die Landwirte eindrucksvoll unter Beweis. So zeigte zum Beispiel eine Erhebung aus 2010, dass 99,95 % der kontrollierten 600.000 Fleischproben frei von Antibiotikarückständen waren.
Den Antibiotikaverbrauch auf ein sinnvolles Mindestmaß zu reduzieren ist auch Ziel der Landwirte und Tierärzte. Während die Politiker noch über den richtigen Weg diskutieren, hat die Wirtschaft bereits unter dem Dach von QS – Qualität und Sicherheit eine Datenbank eingerichtet, in der seit dem 1. September die Antibiotikabehandlungen von Mastschweinen dokumentiert werden. Die Wirtschaft hat längst erkannt, dass verlässliche und belastbare Daten benötigt werden. Mit deren Hilfe können die Bedingungen für die Tiere auf Basis detaillierter wissenschaftlicher Ergebnisse gemeinsam weiter optimiert werden.
Pauschale Reduktionsziele sowie falsche und nicht zu belegende Schuldzuweisungen helfen dagegen nicht weiter.
Faktencheck Antibiotika: Was ist dran? Was ist drin?
Antibiotikaeinsatz: 99,95 % des kontrollierten Schweinefleisches rückstandsfrei












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