"Wachsen um jeden Preis?" – Gastkommentar von Gerburgis Brosthaus, Ldw. Wochenblatt Westf.-Lippe
Die Bedingungen für einen neuen Stall sind günstig wie lange nicht mehr, sagen sich viele Schweinehalter – und handeln auch danach. Allein im Kreis Coesfeld sind mehrere zehntausend Mastplätze geplant, wenn man dem Buschfunktrauen darf.
Mindestens sechs gute Gründe sprechen dafür, jetzt zu investieren:
- Niedrige Zinsen senken die Festkosten spürbar. Ein um ein Prozentpunkt geringerer Zinssatz bringt eine Ersparnis von 1,50 € pro Schwein, wenn man von 400 € Investitionskosten pro Mastplatz ausgeht.
- Nach den drei sehr schlechten Schweinejahren 2000 bis 2002 konnten die Betriebe endlich die notwendigen Reserven für einen Wachstumsschritt bilden.
- Die Erleichterungen beim Baurecht kommen investitionswilligen Schweinehaltern entgegen, nachdem Bärbel Höhns Kuschelerlass für einen Investitionsstau gesorgt hatte.
- Landwirtschaftsminister Eckard Uhlenberg hat den Anstoß zu praxisverträglichen Lösungen beim Bundesimmissionsschutz-Gesetz und der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) gegeben. Die 2-GVE-Grenze in Verbindung mit 50 Vieheinheiten soll fallen und die Grenzen für UVP-Verfahren auf 3000 Mastplätze bzw. 900 Sauenplätze angehoben werden.
- Auch aus dem Lebensmittelhandel kommen ermutigende Signale. Große Discounter wie Lidl und Aldi setzen in der Werbung auf Schweinefleisch aus deutscher Erzeugung. Damit sind unsere Schlachthöfe als Lieferanten nicht einfach austauschbar.
- Zudem bietet unsere Veredlungsregion beste Chancen für investitionswillige Landwirte. Hier gibt es geballtes Know-how rund um die Schweinehaltung: Beratung auf hohem Niveau, Austausch mit versierten Berufskollegen und Tierärzten, expandierende Schlachthöfe.
Also schon einmal den Bauunternehmer bestellen? Schön, wenn’s so einfach wäre. Denn es gibt auch gute Gründe, die Investitionspläne auf Eis zu legen:
- Die Eigentumsflächen sind bei den meisten Betrieben ausgereizt. Damit wird die Gülle zum entscheidenden Kostenblock. Nicht nur Sauenhalter und Mäster wetteifern um die knappen Gülleflächen, sondern auch Biogasanlagen, die Pachtpreise jenseits aller Vernunft bieten. Deshalb nutzen bauwillige Schweinehalter verstärkt die Güllebörse. Doch auch dort fallen die Flächen nicht vom Himmel. So kostet der Transport im Schnitt 3,50 €/m3 bei knapp 20 km Feldentfernung. Für einen 1000er-Maststall muss ein Landwirt mit rund 600 € Vermittlungsprovision und 6000 € Transportkosten rechnen. Das belastet jedes Mastschwein mit knapp 3 €.
- Für den Bauantrag muss der Betrieb 50 % der Futterflächen für seine Schweine selbst bewirtschaften. Andernfalls wird die Baugenehmigung nur mit Rückbauverpflichtung erteilt. Auf gut Deutsch: Wenn in dem Stall keine Schweine mehr gehalten werden, muss er abgerissen werden.
- Flächenknappe Betriebe packt die Gewerblichkeitsgrenze. Wer für jeden Stall eine eigene Gesellschaft gründet, muss penibel festhalten, welche Rechnung an welchen Betriebsteil geht. Andernfalls muss er bei einer Betriebsprüfung damit rechnen, dass sein gesamter Betrieb gewerblich wird. Dann drohen saftige Steuernachzahlungen.
- Viele Landwirte arbeiten schon jetzt an den Grenzen der Belastbarkeit. Einen neuen Stall schaffen sie nicht nebenbei. Im günstigsten Fall steigen Sohn oder Tochter in den Betrieb ein. Wo diese Möglichkeit nicht besteht, muss der Landwirt einen Mitarbeiter ins Auge fassen. Das kostet Geld, wenn auch der Betriebsleiter mehr Freiheiten hat und das
Betriebsrisiko
bei Ausfall des Betriebsleiters sinkt.
Ein Tipp nebenbei: Nichts ist wichtiger, als bei der Auswahl eines Mitarbeiters ein gutes Händchen zu haben. Nicht immer kommt es nur auf das Zeugnis oder die Ausbildung an – manchmal haben passionierte Kleintierzüchter oder Frauen, die in den Beruf wieder einsteigen wollen, das bessere Händchen. - Die Zeiten, zu denen Schweineställe unter Schleppdächern von Scheunen ausgebaut wurden, sind vorbei. Ein Kammerberater brachte die Dimensionen in seiner Region auf den Punkt:
Nebenerwerbsbetriebe planen 500 Mastplätze, Vollerwerbsbetriebe 1000.
Die Zahlen werden größer und damit auch der Kreditbedarf. Bei 200.000 € Kreditvolumen macht der jährliche Kapitaldienst für die kommenden 20 Jahre mindestens 15.000 € pro Jahr aus – das muss gut überlegt sein. - Der Schweinezyklus lebt. Zurzeit werden wir mit guten Preisen verwöhnt – der EU-Ost-Erweiterung und aufnahmefähigen Exportmärkten sei Dank. Doch wird der Boom nicht ewig anhalten. Gut möglich, dass der nächste Preiseinbruch tiefer geht als von vielen befürchtet. Banken verzichten indessen bei schlechten Schweinepreisen nicht auf den Kapitaldienst. Wenn dann teure Pachten und Löhne gezahlt werden müssen, kann es eng werden.
Trotzdem: Veredlungsbetriebe, die im Geschäft bleiben wollen, können nicht
rückwärtsdenken. Die Rahmenbedingungen für weiteres Wachstum sind gut – niemand weiß, ob es nach dem nächsten Regierungswechsel wieder in eine andere Richtung geht. Wenn die Leistung im Stall stimmt, sind die Voraussetzungen für einen Wachstumsschritt gut. Die Achillesferse investitionswilliger Landwirte bleiben die hohen Pachten. Da gilt in Zukunft mehr denn je: Pachten ja, aber nicht um jeden Preis!
Dieser Kommentar erschien in der Ausgabe 13/2006 des Landwirtschaftlichen Wochenblattes Westfalen-Lippe.










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