13.03.2008 RSS Feed

Vor einer rosigen Zukunft? -Gastkommentar von Franz-Josef Budde, Chefredakteur des Ldw. Wochenblattes Westfalen-Lippe

DLG-Wintertagung und Grüne Woche zu Beginn dieses Jahres haben vor allem ein Signal
gesetzt: Die Landwirtschaft steht vor einer blendenden Zukunft. Bäuerinnen und Bauern haben keinen Grund zur Klage. Optimismus und Zuversicht sind Pflicht.
Die positive Grundstimmung hängt zuallererst mit den gestiegenen Preisen für Getreide, Raps und andere pflanzliche Erzeugnisse zusammen. Schon immer galt der Getreidepreis als Eckpreis
mit Signalwirkung für den gesamten Agrarmarkt. Das mag stimmen – andererseits sind die direkten Auswirkungen des Getreidepreises auf die Einkommenssituation der Bauern eher begrenzt. So addierten sich sämtliche Erlöse der deutschen Landwirtschaft im Jahr 2006 auf 32 Mrd. € – davon entfielen auf den Verkauf von Getreide gerade einmal 3,3 Mrd. €. Während nur gut 10 % aller Erlöse der Landwirte aus dem Getreideverkauf resultieren, stammten 60 % aus dem Verkauf tierischer Produkte. Umso mehr schmerzt, dass die positive Entwicklung auf den Getreidemärkten zulasten der Veredlungsbetriebe gegangen ist. Viehhaltungsbetrieben laufen die Kosten davon, während vor allem die Schweinepreise auf Niedrigstniveau dahindümpeln.
Die aktuelle Verbesserung ist kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Doch was wird die Zukunft bringen? Kann die Landwirtschaft auf die Kräfte des Marktes bauen?
Oder laufen die Kosten davon, während sich bei den Preisen weiterhin wenig tut?

Für die Zukunft wird gelten, dass Nahrungsmittel knapp bleiben, weil ein enormer Nachfragesog durch die Bioenergie entstanden ist. Die Knappheiten auf den Agrarmärkten und der Sog durch die Bioenergie sind keine vorübergehende Erscheinungen – vielmehr ist damit zu rechnen, dass die weltweite Energie- und Rohstoffknappheit noch zunehmen
wird. Manche Experten gehen davon aus, dass der Rohölpreis die Nahrungsmittelpreise bestimmen wird. Das mag übertrieben sein. Tatsache ist aber, dass schon heute 5 %, in wenigen Jahren mindestens
10 % der gesamten weltweiten Ackerfläche für Nachwachsende Rohstoffe benötigt werden. Die Ziele der deutschen Politik gehen weiter: Schon für das Jahr 2015 ist eine Biokraftstoffquote von 8 % beschlossen worden. Im Klartext: Schon in wenigen Jahren muss ein Drittel der Ackerfläche in Deutschland mit Nachwachsenden Rohstoffen angebaut werden, nur um diese Anforderung zu erfüllen. Und die SPD hat gerade erst gefordert, den Anteil von 8 auf 12 % bis zum Jahr 2015 anzuheben.

Andererseits hat sich an der Grundkonstellation auf den Agrarmärkten nichts geändert. Millionen Landwirte bieten ihre Produkte an, tausende Abnehmer verarbeiten sie, aber nur eine Handvoll großer Nahrungsmittelkonzerne verkaufen das Endprodukt. Die hohe Konzentration des Lebensmittelhandels verzerrt den Wettbewerb, hat die Macht auf den Märkten einseitig verschoben und verhindert eine faire Marktwirtschaft. Gern machen Bauern ihre Abnehmer für den daraus resultierenden Preisdruck verantwortlich; tatsächlich haben Politiker versagt, die keine Mittel gegen diese Konzentrationsbestrebungen haben – sich im Gegenteil von Konzernen im Zenit ihrer Laufbahnen noch gute Posten zuschieben lassen.

Wachstum und Spezialisierung in der Landwirtschaft haben zudem die Anpassungsfähigkeit der Bauern verringert. In einem vielfältig strukturierten Betrieb war es zu früheren Jahren einfach, bei schlechten Ferkelpreisen ein paar Sauen weniger zu halten, dafür – wenn es sich gelohnt hat – ein paar Bullen oder Kühe mehr aufzustallen. Heute hat man sich spezialisiert und große Ställe mit hohem Kapitaleinsatz gebaut – eine Entwicklung, zu der es angesichts der Wettbewerbssituation keine Alternative gab. Aber es gibt heute nur noch die Devise: "Produzieren oder aufhören – allenfalls kann ein Mäster mal ein paar Wochen mit dem Aufstallen der neuen Ferkel warten. Dann laufen ihm aber die Kosten davon. Eine schnelle, flexible Anpassung der Produktionsmenge an veränderte Marktbedingungen ist auf vielen Betrieben nicht mehr möglich. Nicht zuletzt dadurch kommt es nur zu einer schleppenden Anpassung des Angebots an veränderte Marktbedingungen mit der Folge, dass Preistäler tiefer und länger werden.

Im Ergebnis ist festzustellen, dass die Kosten für den landwirtschaftlichen Betrieb sehr schnell reagieren und steil nach oben gehen, auf Teilmärkten der Landwirtschaft – beispielsweise auf dem Schweinemarkt – die Anpassung aber sehr viel zäher und langwieriger erfolgt. Dadurch eilen die Kosten den Erlösen voraus – auf einigen Märkten, so auf dem Schweinemarkt, dauert es zu lange, bis Angebot und Nachfrage wieder im Lot sind. Dabei
spielt auch der Einzelhandel eine wichtige Rolle: Statt die niedrigen Erzeugerpreise weiterzugeben, erhöht man die eigene Verdienstspanne. Alles in allem: Auch wenn die Zeiten der Überschussproduktion vorbei sind, auch wenn die Bioenergie einen noch stärkeren Sog ausüben sollte – Bauern werden sich auch in Zukunft den ständig veränderten Bedingungen auf den Agrarmärkten anpassen müssen, um im Wettbewerb zu bestehen. Der Strukturwandel geht weiter. Der Kampf um die landwirtschaftliche Fläche wird härter, Wachstumsschritte werden nicht einfacher. Sowohl die Chancen als auch die Risiken nehmen zu.

Dieser Kommentar erschien im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe (10/2008).

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