„Vierländertreffen“: Krise am Schweinemarkt überstanden? – Dänen, Niederländer, Belgier und Deutsche sehen „Licht am Ende des Tunnels“
Zu einem zweitägigen Spitzengespräch trafen sich am Dienstag und Mittwoch dieser Woche neunzehn Vertreter der Interessenvertretungen der Schweinehalter aus Dänemark, den Niederlanden, Belgien und Deutschland in Lutten im Landkreis Vechta in Deutschland.
„Die Krise am nordwesteuropäischen Schweinemarkt scheint annähernd überstanden“, begrüßte ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes die Teilnehmer des ersten Vierländertreffens in diesem Jahr. Nach der zurückliegenden, fast zweijährigen Krise am Schweinemarkt könne man jetzt „endlich Licht am Ende des Tunnels“ sehen. Nach den in Ost- und Südeuropa erfolgten, überdurchschnittlichen Bestandsrückgängen stabilisiere die dortige Lebendnachfrage nach Ferkeln und Schlachtschweinen den Markt zurzeit spürbar.
Deswegen wurde der Schlachtschweine- und Ferkelmarkt anhand verschiedenster Erhebungen intensiv analysiert und diskutiert. Aktuelle EU-Prognosen ließen für das zweite Halbjahr durchaus „Gutes“ hoffen. So habe eine Analyse im Rahmen des „Vierländertreffens“ für den November dieses Jahres unter Annahme eines „pessimistischen Szenarios“ immerhin einen deutschen Schlachtschweinepreis von € 1,56 je Kilogramm Schlachtgewicht und einen Ferkelpreis von € 47,64 ergeben. Dies sei ein Ergebnis, das durchaus Hoffnung mache. Denn die Überschreitung eines Schweinepreises von € 1,60 je Kilogramm Schlachtgewicht und € 50 je Ferkel erscheine im „optimistischen Szenario“ durchaus realistisch. Damit wäre dann die langfristige Trendline nach oben durchbrochen und eröffne weiteren Spielraum.
Wyno Zwanenburg, Vorsitzender der niederländischen Schweinehalter, teilt die Auffassung, dass die vier anwesenden Länder durchaus zu den Gewinnern des zurückliegenden Strukturwandels zählen könnten. Denn obwohl die Niederlande seit Anfang dieses Jahres den lang ersehnten AK-10 Status (frei von der Aujeszkyschen Krankheit) erhalten haben, der es jetzt erlaubt, ohne veterinärmedizinische Auflagen Ferkel nach Deutschland zu liefern, ist dadurch der deutsche Ferkelmarkt nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Nachdem Spanien als wichtiges Ferkelimportland in den letzten Jahren immer uninteressanter geworden ist, gehen die niederländischen Ferkel – trotz Finanzkrise - heute vermehrt nach Osteuropa, wie z.B. Polen, Rumänien oder Ungarn.
Torben Poulsen,Vorsitzender der LaDS, informierte die Teilnehmer, dass der dänische Bodenmarkt im Zuge der Finanzkrise nahezu zum Erliegen gekommen sei. Dies bereite den dänischen Schweinehaltern, deren Betriebe größtenteils fremdfinanziert sind, immer noch Probleme. Im Gegensatz zu Deutschland sind auch Stallbauten und der Bodenkauf in Dänemark über kurzfristige, variable Kredite finanziert. Damit einher ginge eine umfangreiche Restrukturierung beim Schlachtkonzern Danish Crown, so dass die Expansionspläne dänischer Schweinehalter zurzeit vertagt würden.
Marianne van den Bergevon der belgischen Schweinehalter-Organisation VEVA stellte das aktuelle Verfahren der Preisbildung am Schweinemarkt in Frage. Der Markt sei manipuliert und der Strukturwandel würde sich gerade auf Kosten der kleineren Betriebe vollziehen. Deshalb schlug VEVA-VorsitzenderGert Wallays vor, die Preisbildung in den anwesenden Ländern kritisch zu hinterfragen und ein neues Modell zu erarbeiten, das ein Gleichgewicht zwischen dem freien Markt und den tatsächlichen Produktionskosten herstellt. Einer Schweinemarktordnung oder einer Quote wurde in der Diskussion jedoch eine Absage erteilt. Dies konserviere letztendlich nur nicht wettbewerbsfähige Verhältnisse, nur der freie Markt schaffe letztendlich optimale Strukturen.
Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) erwartet für den Sommer 2010 eine „intensive Maskendiskussion in Deutschland“. Denn zurzeit würden die Grundlagen für die FOM und AutoFOM-Schätzformeln für die Klassifizierung von Schlachtschweinen vom Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch in Kulmbach überprüft und überarbeitet. Es sei bereits jetzt absehbar, dass dies zu einer grundlegenden Neubewertung der Berechnung der Muskelfleischanteile und Teilstückgewichte führen werde.
August Rietfort, ISN-Vorstand, berichtete über den aktuellen Stand und die Auswirkungen der Wildschweinepest in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Es gelte, die Exportgeschäfte nicht zu gefährden. Er wies auf den „ISN-10-Punkte-Plan“ zur Schwarzwildbekämpfung hin. Ein einzelner, von Wild- auf Hausschweine übertragener Pestfall könne die Exportbemühungen schlagartig zunichte machen. Rietfort sprach von einem „Damoklesschwert für die nordwesteuropäische Schweinehaltung“, dass durchaus auch die Nachbarländer treffen können. Eine Feststellung, der sich auch die dänischen, niederländischen und belgischen Vertreter mit Sorge anschlossen.
ISN-Geschäftsführer Detlef Breuer thematisierte den zurzeit in Arbeit befindlichen Ammoniakleitfaden, der in seiner derzeitigen Ausgestaltung einem Investitionsstopp in der Schweinehaltung gleich komme. Deutschland schieße deutlich übers Ziel hinaus und die Schweinehalter würden einseitig diskriminiert, da die Rinder wieder einmal außen vor gelassen würden. Doch auch die Niederländer kämpfen damit; denn sie stehen vor ähnlichen Problemen wie die deutschen Tierhalter. Die neuen EU-Ammoniakrichtlinien sind in den Niederlanden bereits ab 2010 verpflichtend umzusetzen. Es sei nicht auszuschließen, dass es auch dort kurzfristig zu einem unerwarteten Strukturwandel in der Schweinehaltung kommen könnte. Bis 2013 gilt eine europäische Übergangslösung zur Gruppenhaltung von Sauen. Der immense Investitionsbedarf überfordere jetzt viele kleinere und mittlere Schweinehalter finanziell. Ein Übriges tat die Krise am Schlachtschweinemarkt in den letzten zwei Jahren. Deshalb sollen die Umsetzungsfristen von der EU verschoben werden. Die Dänen sind bereits in diesem Jahr verpflichtet, ihre Ammoniakdeposition um 30 % zu verringern.
Aufgrund des Bundesverfassungsgerichtsurteils zum Absatzfonds, das das „Aus“ für die CMA und ZMP bedeutete, wurde auch dem Bereich Exportförderung Raum eingeräumt. Die Exportorganisationen wie z.B. VLAM, dem „Belgian Meat Office“ in Belgien und „Danish“ in Dänemark wurden vorgestellt. In den Niederlanden zahlen die Schweinehalter 0,29 € je Schlachtschwein für die Exportförderung von z.B. Auslandsmessen. Allgemeiner Tenor war, dass für stark exportorientierte Länder ein entsprechendes Auslandsmarketing unabdingbar sei.
Kritisch bewerten alle Länder zurzeit die Bemühungen von „GLOBALGAP“, die jeweiligen nationalen Qualitätssicherungssysteme wie z.B. „IKB Nederland“ oder „QS“ zu ersetzten: GLOBALGAP ist eine privatwirtschaftliche Organisation, die weltweit Standards zur Zertifizierung von landwirtschaftlichen Produkten setzt. Nach Auffassung der Teilnehmer des „Vierländertreffens“ bleibe dabei die regionale Identität der Produkte auf der Strecke, Schweinefleisch werde beliebig substituierbar – auch aus Brasilien - und der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) sei im Gegensatz zu den nationalen Qualitätssystemen nicht mit einbezogen. Damit springen GOBALGAP eindeutig zu kurz, denn ausgerechnet ein wichtiger „Critical Point“, der Lebensmitteleinzelhandel, bleibe unberücksichtigt. Dies könne nicht im Verbraucherinteresse liegen.
Die ISN vertritt mit 12.000 Mitgliedern rund 70 Prozent der deutschen Schweineproduktion, die LaDS etwa 1.600 Schweinehalter und damit ca. zwei Drittel der dänischen Schweineproduktion. Die NVV zählt ca. 3.000 Mitglieder und nimmt die Interessen von 60 Prozent der niederländischen Schweineproduktion wahr. Die VEVA hat 1.200 Mitglieder und repräsentiert ca. 70 Prozent des belgischen Schweinemarktes. Traditionell treffen sich die Interessenvertretungen zweimal im Jahr, um sich bezüglich der politischen Rahmenbedingungen und Fragen des Schlachtschweinemarktes abzustimmen. Das nächste Treffen ist bereits für Ende November dieses Jahres in Belgien geplant.
Für die NVV nahmen Wyno Zwanenburg, Leo Verheijen und Erwin van der Wielen, für die LaDS Torben Poulsen, Paul B. Christiansen und Hans Aarestrup, für die VEVA Marianne Vandenberghe, Geert Wallays, Kristof Verschelde und Ludo Dobbels, für die VEZG Dr. Albert Hortmann-Scholten sowie für die ISN Heinrich Dierkes, Friedrich Hake, Christian Schulze Bremer, August Rietfort, Franz Schulze Tenkhoff, Anna Kathrin Hertrampf, Kerstin Burbank und Detlef Breuer am Treffen teil.


















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