23.07.2004 RSS Feed

„Viehzählungsergebnisse: Das Pendel schlägt zurück – der Schweinepreis ist heiß“ Kommentar von ISN-Geschäftsführer Detlef Breuer

Jetzt ist es amtlich: ungefähr 1 Mio. Schlachtschweine fehlen in diesem Sommer und versetzen die so genannten Marktkenner und Insider in offenbar schieres, baffes Erstaunen.

Der Schweinemarkt der letzten Wochen ist durch ein zähes Ringen, ja sogar heftige Auseinandersetzungen um marktgerechte Preise gekennzeichnet. Einige größere Unternehmen der roten Seite versuchen mit ihren Hauspreisen verzweifelt, ihren Einkauf auf Teufel komm raus runterzuprügeln, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. In den letzten Jahren hatte man doch im Sommer immer, wenn die Ferienzeit begann, so schön ordentlich billig einkaufen können. Das sollte doch wohl auch dieses Jahr wieder gelingen, oder etwa nicht?

Weit gefehlt! Es gibt ihn noch, den Schweinezyklus. Mäster und Ferkelerzeuger haben in den letzten zwei Jahren schwere Verluste verkraften müssen und ihre Liquidität überbeansprucht. Da ist es nur eine logische Konsequenz, auszusteigen, wenn man nichts mehr verdient. Bemerkenswert ist, dass die Bestandsabstockung in den marktferneren Regionen mit mangelnden Alternativen in der Schlachtschweinevermarktung deutlich höher ausfällt als in Nordwest-Deutschland. Die rote Seite sitzt einem Trugschluß auf, wenn sie glaubt, Schweine in marktferneren Gebieten langfristig billiger kaufen zu können. Vielmehr wachsen die Märkte heute länderübergreifend zusammen, wie der europäische Schweinepreisvergleich der ISN zeigt. Die Mäster reagieren heute nun einmal viel schneller, als es so manchem Schlachter lieb sein dürfte. Sie geben die Schweinehaltung notgedrungen auf.

Der Psychologe nennt das von der roten Seite an den Tag gelegte Einkaufsverhalten einen ruinösen Triumph. In der Baisse wurde überzogen und ein viel zu niedriger Preis ermöglichte keine kostendeckende Schweinemast mehr. Es mag zwar dem Schlachterego gut tun, einmal richtig zu zeigen, was eine Harke ist. Im echten Leben aber schlägt das Pendel irgendwann zurück, und das ist heuer der Fall, wie man in Bayern sagt. Die Schlachter sägen sich den Ast ab, auf dem sie sitzen und müssen nun im Endeffekt die Schweine teurer kaufen.

Was aber ist die eigentliche Ursachse aller dieser Verzweiflungstaten? Ganz einfach:

Die Schlachtunternehmen haben sich verspekuliert!
Vor den weithin bekannten Auswirkungen der Hitzewelle des letzten Sommers auf die Ferkelerzeugung wurden die Augen vorsorglich komplett verschlossen. Die Schlachtunternehmen haben eben auf deutlich niedrigere Einstandspreise in diesem Sommer spekuliert und dem Lebensmitteleinzelhandel frühzeitig Ware verkauft, die sie noch nicht hatten, geschweige denn den Einstand irgendwie im Entferntesten auch nur abgesichert hatten. Es klafft ein riesiges, rotes (Sommer-)Loch zwischen Ein- und Verkaufspreis und jetzt müssen die Spekulanten ihre Rechungen begleichen.

Erschreckend ist allerdings, dass ein großer Holländer, der in Deutschland alles zum Besten wenden wollte, damit angefangen hat, einen weit unter dem Marktgleichgewicht liegenden Hauspreis zu nennen. Hier treten jetzt für alle erkennbar offenkundige, altbekannte Management-Fehler zu Tage.

Hat man vergessen, was in vielen deutschen Unternehmen Standard ist, wenn man einen Verkauf tätigt, nämlich sich gegenüber Preisschwankungen im Einkauf abzusichern? Wird vielleicht sogar so weitergewurschtelt wie bisher?

Um es mit Friedrich Schiller, dem großen deutschen Dichter und Dramatiker, zu sagen, Blicke nicht zurück. Es kann dir nichts helfen. Blicke vorwärts!

Nur eins dürfte klar sein: die deutschen Schweinehalter wollen und werden die Zeche nicht bezahlen.


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