11.05.2010 RSS Feed

"Veredlung nicht ausbremsen" - Gastkommentar von Dr. Karl-Heinz Tölle, Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Wochenblattes Westfalen Lippe

Dr. Karl-Heinz Tölle

Trotz starker Konkurrenz kann sich die Schweineproduktion in Deutschland behaupten.

Mittlerweile werden jährlich 56 Mio. Schweine in Deutschland geschlachtet. Der Selbstversorgungsgrad liegt um 110 %. Trotz Halbierung der Zahl der Schweinehalter in den vergangenen 10 Jahren, wurde die Anzahl der gehaltenen Schweine um 3,3%gesteigert. Und das, obwohl den deutschen Schweinehaltern schon viele Jahre attestiert wird, dass sie zu teuer produzieren und deshalb mit den Kollegen aus anderen Ländern nicht mithalten können. Die Realität beweist, so schlecht läuft es in den deutschen Ställen wohl doch nicht.

 

In der Veredlungsbranche wird der Produktionszuwachs als Erfolgsgeschichte gefeiert –und auf das Erreichte kann man auch zu Recht stolz sein. Noch größer ist der Erfolg einzuschätzen, wenn man bedenkt, dass die Nachbarländer ihre Produktion reduzieren mussten. Voraussetzung für diese Entwicklung sind gute Rahmenbedingungen hinsichtlich der Infrastruktur (Beratung, Betriebsmittel und Absatzmöglichkeiten). Ebenso entscheidend sind rechtliche Rahmenbedingungen im Vergleich zu den anderen EU-Staaten. Die 1 : 1-Umsetzung von EU-Regelungen ist maßgeblich für die Konkurrenzfähigkeit.

 

Hoffen wir, dass zusätzliche Auflagen ausbleiben, denn sie sind kontraproduktiv. Allerdings darf bei der Diskussion nicht verschwiegen werden, dass die Schweinehalterextreme Preistäler durchschreiten mussten –viele Betriebe waren gezwungen auszusteigen, weil sich finanziell nichts mehr drehte. Andere haben investiert, große Ställe gebaut und sind Risiken eingegangen. Letztendlich hat sich die Branche jedoch immer wieder am eigenen Schopf aus der Misere gezogen, auch ohne Subventionierung.

 

Mittlerweile fordern einige Gruppierungen die Abkehr von der intensiven Landwirtschaft und Massentierhaltung. Aber was ist die Alternative? Kann man die strukturellen Entwicklungen aufhalten? Ist eine grundsätzliche flächendeckende Reform der Veredlung hin zu einer ökologischen Tierhaltung sinnvoll? Wohl kaum, aber auch technisch wäre sie nicht realisierbar. Nicht einmal die bestehenden Biobetriebe wären froh darüber, wenn größere Mengen an Bioprodukten den Markt überschwemmten, ohne dass der Markt dafür da wäre. Die Veredlung in diese Richtung zu drängen, würde bedeuten, am Markt vorbei zu produzieren. Ein erbitterter Preiskampf in der Biobranche wäre die Folge. Anders sähe es aus, wenn der Markt diese Produkte verstärkt forderte. Dann aber wären keine gesetzlichen Regeln notwendig, denn wenn der Verbraucher eine Produktionsausrichtung will – und dieses auch an der Ladentheke honoriert – werden sich die Betriebe darauf einstellen. Höhere Auflagen zum gleichen Preis sind nicht akzeptabel. Lassen wir Verbraucher und Landwirt entscheiden, wo die Reise hingeht, eine Bevormundung darf nicht hingenommen werden. Auch wenn vielleicht zusätzliche rechtliche Auflagen im Bereich des Tier- und des Umweltschutzes mit dem Ziel gefordert werden, bestimmte Strukturen zu erhalten, erreichen sie oft das Gegenteil.

 

Zusätzliche Vorschriften treffen besonders die kleineren Betriebe, die vor kaum lösbare finanzielle Aufgaben gestellt werden und oftmals deshalb aus der Produktion aussteigen. Die bestehenden gesetzlichen Vorgaben zur Tierhaltung reichen völlig aus. Wer sich einmal die Historie der Tierhaltung ansieht, wird feststellen, dass die Einheiten zwar größer geworden sind, die Haltungsbedingungen und die Umweltmaßnahmen aber stetig verbessert wurden. Kritiker sprechen von Massentierhaltung – doch was ist denn das? Ein Betrieb mit 3000, 2000, 1000 oder gar nur 100 Mastplätzen? Der Begriff allein ist völliger Unsinn. Nicht zu bestreiten ist, dass die Veredlungshochburgen immer voller werden. Dabei geht es nicht nur um das Schwein, sondern auch um andere Tierhaltungen, aber auch um Biogas. Da scheint es normal, dass unterschiedliche Ansichten zwischen den Berufskollegen und auch zur übrigen Landbevölkerung auftreten, wenn es um neue Stallbauten geht. Wenn die Konzentration in einzelnen Orten über das Ziel hinausschießt, muss regulierend eingegriffen werden, es darf aber nicht die gesamte Veredlung dafür herhalten. In der Regel lassen sich Differenzen jedoch vernünftig ausräumen. Schwierig wird es, wenn Ideologie ins Spiel kommt. Dabei ist zu beachten, dass sich nicht nur betroffene Personen in Bürgerinitiativen engagieren – was erklärbar wäre, sondern immer mehr auch Personen und Organisationen, welche Stallanlagen grundsätzlich verhindern wollen. Besonders deutlich wird es daran, dass gerade in Gebieten in denen noch Platz für Tierhaltung wäre, der Widerstand am größten ist. Vorstellungen, den Schweinemarkt zu retten, indem der Selbstversorgungsgrad wieder auf unter 100 % heruntergefahren wird, sind nicht realistisch. Wir befinden uns in einem globalen Markt, in dem auch bei nicht vollständiger Selbstversorgung exportiert und gleichzeitig importiert werden muss. Wer will einem Autobauer wie VW sagen, er solle seine Produktion reduzieren, nur weil seine Autos nicht alle in Deutschland gefahren werden können?

 

Was festzuhalten bleibt:

Veredlung in Deutschland ist erfolgreich.

Zusatzauflagen bremsen die Entwicklung.

Nur Bioproduktion funktioniert nicht.

Der Markt und die Bauern entscheiden.

Fehlentwicklungen sind zu regulieren.

Nachbarn sollten mitgenommen werden.

Bauern brauchen eine zuverlässige Politik.

 

Dieser Kommentar erschien im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe (16/2010).



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