08.11.2004 RSS Feed

"Veredelung ist gut aufgestellt - Bange machen gilt nicht" Gastkommentar von Dr. Franz-Josef Budde, Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Wochenblattes Westfalen-Lippe

Wenn in der kommenden Woche die EuroTier ihre Pforten öffnet, werden Veranstalter und Aussteller vor allem auf eines hoffen – auf gute Stimmung. Nichts ist tödlicher für eine Messe als Pessimismus und lange Gesichter. Gerade rechtzeitig hat sich die Stimmung in der Landwirtschaft gebessert, glaubt man der neuesten Umfrage des Deutschen Bauernverbandes.
Das hängt vor allem mit der Erholung der Schweinepreise zusammen, obwohl die Pessimisten nicht müde werden, das beliebte Lied vom Untergang der deutschen Schweineproduktion zu singen:

Im internationalen Vergleich können die hiesigen Sauenhalter und Schweinemäster strukturbedingt nicht mithalten. Die 30 größten Sauenhalter in den Vereinigten Staaten halten so viel Tiere wie alle 44.000 Sauenhalter in der Bundesrepublik zusammen. Ein anderer Beweis: In den Niederlanden stammen mehr als zwei Drittel aller Ferkel aus Beständen mit mehr als 200 Sauen, in Deutschland nur 10 Prozent.

Die Einbindung der Sauenhaltung und Schweinemast in eine einzige, fest verbundene Produktionskette klappt in anderen Ländern besser als in Deutschland. Vor allem Brasilien, Spanien und Dänemark lassen als Vorbilder grüßen. Kurzum: Andere Bauern können besser und erfolgreicher Sauen halten und Schweine mästen als westfälische, niedersächsische oder auch bayerische Bauern. Doch so beliebt dieses Bange machen sein mag, mit einer zutreffenden Einschätzung der Entwicklungschancen hiesiger Veredlungsbetriebe hat das herzlich wenig zu tun. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Argumenten:

Schon angesichts der zahlreichen Nebenerwerbsbetriebe in Deutschland sind Vergleiche anhand der durchschnittlichen Bestandsgröße in den Betrieben wenig aussagekräftig. Die Veredlungsdichte beispielsweise in den Hochburgen Niederrhein, Westfalen und Weser-Ems sagt da schon mehr aus.

Vieles spricht für vertragliche Bindungen in der Veredlungsproduktion. Doch die Tatsache, dass äußerst erfolgreiche private Vermarkter anscheinend gut darauf verzichten können, ist Beweis dafür, dass es auch anders geht. Auch die Westfleisch – die jahrelang das hohe Lied vertraglicher Bindungen gesungen hat – sichert seit dem vergangenen Jahr nur noch bis zu 80 Prozent der Schlachtschweinelieferungen vertraglich ab. So ganz binden möchte sich die Schlachtbranche anscheinend nicht.

Wer allzu laut über versäumte Chancen in der Veredlung – insbesondere der Schweineproduktion – jammert, sollte sich die Fakten einmal genauer ansehen: Im Jahr 1995 sind in Deutschland 3,43 Mio. t Schweinefleisch produziert worden – der Selbstversorgungsgrad lag bei 76 Prozent. Seitdem ist die Erzeugung kontinuierlich gewachsen. Im Jahr 2002 sind in Deutschland 4 Mio. t Schweinefleisch produziert worden und der Selbstversorgungsgrad ist auf 91 Prozent gestiegen. Mit anderen Worten: Die ausländische Konkurrenz ist zumindest auf dem eigenen heimischen Markt massiv verdrängt worden. So schlecht kann die Schweineproduktion hier zu Lande also nicht aufgestellt sein!

Andererseits darf man sich den Blick für die erheblichen Probleme in der Fleischerzeugung und Vermarktung nicht trüben lassen. Seit Monaten dümpeln die Ferkelpreise vor sich hin – trotz der besseren Schweinepreise. Rein statistisch sieht das so aus: Bei einem durchschnittlichen Schweinepreis im Jahr 2002 von 1,30 €/kg lagen im gleichen Jahr die durchschnittlichen Ferkelpreise für ein 25-kg-Ferkel in Westfalen-Lippe bei 43 €/Stück. Im Jahr 2003 fiel der Schweinepreis auf durchschnittlich 1,21 €/kg, die Ferkelpreise auf durchschnittlich 38 €. Im Zeitraum April bis September 2004 lag der Schweinepreis durchschnittlich bei 1,42 €/kg, aber die Ferkelpreise blieben bei 40 €/Stück hängen.

Dahinter steht, dass eine Reihe von Schweinemästern nach wie vor zögert, Ferkel zügig aufzustallen. Nach der zu langen Durststrecke in den beiden Vorjahren fehlt schlichtweg das Geld, um die Ferkel und das benötigte Futter zu bezahlen. Unsicherheit über die Zukunft kommt hinzu und nicht wenige, vor allem ältere Betriebsleiter bereiten angesichts der bevorstehenden Agrarreform ihren Ausstieg vor – desillusioniert auch angesichts einer nationalen Agrarpolitik, die nach wie vor geradezu brutal Umwelt-, Natur- und Tierschutzziele verfolgt und die Landwirtschaft finanziell aushungert.

Auch was sich in der Schlachtbranche tut, ist eher skeptisch zu beurteilen. In beängstigendem Tempo geben die kleineren und mittleren Schlachtunternehmen auf, meistens, weil sie schlichtweg illiquide geworden sind. Am Ende werden wohl nur die ganz großen Unternehmen übrig bleiben – und sie werden den Bauern die Konditionen diktieren – Dänemark lässt grüßen. Trotz hoch gelobter Schlacht- und Vermarktungsstrukturen erhalten dänische Mäster seit rund zwei Jahren zwischen 10 und 20 Cent/kg Schlachtgewicht weniger als ihre deutschen Kollegen.

Bauern, die auf die Veredlung gesetzt haben, können zuversichtlich sein, wenn sie auf ihren Stärken aufbauen, Wachstum auf betriebswirtschaftlich solider Basis realisieren und vor allem den Markt und die Vermarktungswege im Blick halten. Die Zukunft der Veredlung wird am Markt entschieden. Das ist besser, als vom Staat abhängig zu sein – ist angesichts zunehmender Preisschwankungen aber keine Garantie für ein angenehmes Leben.



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