
China verlässt die Krise als Erster – Aussagen wie diese meldeten deutsche Zeitungen schon im Frühjahr dieses Jahres als anderswo noch Trauerstimmung angesichts der darbenden Wirtschaft herrschte. Zwar hatte die fehlende Auslandsnachfrage, vor allem in den USA, die Exportnation China hart getroffen, wie nur noch halbbesetzte Fließbänder und ganze Scharen zurückkehrender Wanderarbeiter zeigten. Mit einer von der OECD prognostizierten Wachstumsrate von 9,3% für 2010 aber bleibt China wichtiger Handelspartner für den Westen, wenn nicht gar Hoffnungsträger. Manche vermuten gar, der Westen werde seine Vormachtstellung über kurz oder lang endgültig an Fernost abgeben müssen.
Mit 1,3 Milliarden Menschen, deren Pro-Kopf-Einkommen stetig steigt, ist Chinas Bevölkerung eine vielversprechende Zielgruppe. Entsprechend wurden potenzielle chinesische Handelspartner auf der 5..IMS-Weltschweinefleisch-Konferenz und der anschließenden Fachmesse CIMIE in Qingdao nach aller Kunst umgarnt. Auch der Deutsche Fachverlag sichert sich mit der anlässlich der IMS-Konferenz erstmals erschienenen FLEISCHWIRTSCHAFT International China einen Platz in der chinesischen Fleischbranche. Die deutsche Fleischwirtschaft darf mit einer Öffnung für deutsches Schweinefleisch rechnen – das heizt den Reigen um Handelspartner in Fernost zusätzlich an. Den ganz großen Auftritt wagten deshalb einige deutsche Unternehmen im Convention Center von Qingdao. Die Zeit sei gekommen, hieß es.
Die Konferenz in Qingdao erweckte allerdings auch den Eindruck, dass Chinesen und Europäer ihre Schlacht auf unterschiedlichen Schauplätzen schlagen. Steht der Ausbau der Produktion für die Unternehmen im Reich der Mitte derzeit noch an erster Stelle, zeigt sich, dass Lebensmittelsicherheit und Rückverfolgbarkeit zwar ernst genommen werden, aber noch nicht gänzlich in den Produktionsprozess integriert sind. Referenten aus Europa oder Kanada etwa machten hingegen unvermissverständlich klar, dass das Lebensmittel Fleisch untrennbar verbunden ist mit Lebensmittelsicherheit und Qualitätssicherung – über alle Stufen der Wertschöpfung. Und eben auch mit Tier- und Umweltschutz. Während hierzulande Kampagnen für regionale Produkte und die positiven Eigenschaften von Fleisch laufen, scheinen sich die chinesischen Unternehmen noch keine Gedanken darüber machen zu müssen, wie viel Liter Wasser bei der Herstellung von einem Kilogramm Schweinefleisch verbraucht werden oder wie viele Foodmiles ein Stück Fleisch zurücklegt, bevor es auf das erste Paar Essstäbchen trifft.
Konsumentenbewusstsein ist etwas, das sich nach und nach entwickelt. Beispielhaft dafür ist der Markt für Bio-Lebensmittel. Die Aufwertung von Lebensmitteln durch das Etikett „Bio“ ist relativ jung, noch in den 80er und 90er Jahren galt der Naturfreund in Latzhose als der typische Bio-Käufer, heute gehört ein bisschen bio-kaufen fast schon zum guten Ton.
Der Salzgehalt von Fleisch oder eine Verbindung zwischen Rotfleisch-Konsum und Krebs spielt beim Fleischkonsum in China noch keine Rolle. Mit zunehmendem Qualitäts- und Gesundheitsbewusstsein und einer politischen Öffnung, die mehr unabhängige Forschung und Berichterstattung zulässt, wird sich auch der chinesischen Verbraucher ändern und mehr fordern – von Unternehmen und Behörden. Bisher hat Qualitätsbewusstsein in China eine andere Dimension als hierzulande. Die Bevölkerung möchte konsumieren, schließlich gilt es, die Jahre des Mangels und der Armut hinter sich zu lassen.
Auch bei der Lebensmittelsicherheit hat das Land Aufbauarbeit zu leisten: Ein Lebensmittelgesetz wurde verabschiedet und Rückverfolgbarkeit steht ganz oben auf der To-do-Liste der Unternehmen, wie die chinesischen Referenten immer wieder versicherten. Zu Tier- und Umweltschutz äußerte man sich nur am Rande der Konferenz. China bietet als weltweit zweitgrößter Fleischimporteur interessante Absatzmöglichkeiten für die deutsche Fleischwirtschaft. Ja – aber wer angesichts des chinesischen Wirtschaftswachstums allzu sehr ins Schwärmen gerät, sollte an Protektionismus und mangelnde Markttransparenz erinnert werden. Hierbei steht China keineswegs unter alleinigem Generalverdacht. Exportsubventionen oder Importquoten finden sich fast überall. Letztlich ist sich jeder selbst der Nächste, sodass auch China versuchen wird, seinen Inlandsmarkt gegen allzu großes Begehren aus dem Ausland zu schützen.
Im Bild: Annika Müller, Redakteurin Fleischwirtschaft/ Fleischwirtschaft International