12.02.2008 RSS Feed

"Top 10: Vergesst den Mittelstand nicht" Kommentar von Heinrich Dierkes, stellvertretender ISN-Vorsitzender

Dierkes Ii Die aktuelle Analyse der deutschen Schlachtbranche hat es wieder einmal gezeigt: die deutschen Schlachthöfe sind allesamt sehr leistungsfähig – doch die Konzentration schreitet in beängstigendem Tempo fort.

Der rasante Strukturwandel in der Schlachtindustrie, der insbesondere in den letzten drei bis vier Jahren enorm an Dynamik gewonnen hat, hat dazu geführt, dass der deutsche Schlachtschweinemarkt heute im Wesentlichen nur noch von drei oder zwei Unternehmen dominiert wird.

Allen voran haben im vergangenen Jahr Tönnies und die Westfleisch das Rennen des Branchenprimus gewonnen bzw. ihren Vorsprung ausgebaut. Ein wenig ins Hintertreffen gerät der international aufgestellte Konzern Vion, denn wer weniger wächst als der Durchschnitt, der schrumpft. Die Geschäftsentwicklung der Vion stand im vergangen Jahr anscheinend immer noch im Zeichen der Konsolidierung und Betriebsschließungen, wovon der ein oder andere Wettbewerber durchaus zu profitieren scheint.

Mit dem Unternehmen Tönnies ist jetzt ein neuer Sheriff in der Stadt, der stark bestimmt, wo´s langgeht. Er hat sich zum wiederholten Mal in Folge zum Pacemaker entwickelt. Ob man diese Entwicklung nun begrüßt oder nicht – man muß sie zu Kenntnis nehmen. Und auch die Westfleisch scheint in jüngster Zeit an Profil gewonnen zu haben, sie bewegt sich ungewohnt offensiv am Markt und scheint vom Wachstum der Schweinehaltung in Nordrhein-Westfalen profitieren zu können.

Da verwundert es dann schon, dass viele Schweinehalter bei diesen zwei Großen regelrecht Schlange stehen, um ihre Schweine auch ja treu und brav abliefern zu dürfen. Anders kann man es ja wohl nicht erklären, denn beide Unternehmen haben zum Ende vergangen Jahres Maskenänderungen eingeführt, die unten massiv abstrafen und oben trügerisch locken. Die von beiden Unternehmen gewünschten schweren Schweine können von den Landwirten nur mit hohen Futterkosten, die den Erlös bei weitem nicht decken, teuer erzeugt werden. Anstatt sich den Eintritt zum ersten und dritt platzierten der Schweine-Charts zu erkaufen, empfiehlt es sich, lieber den mittelgroßen, leistungsfähigen Schlachtunternehmen eine Chance zu geben bzw. diese zu stärken. Dort braucht man auch kein Eintrittsgeld zu bezahlen, denn diese haben ihre Masken unverändert gelassen. Und wie uns der ISN-Vermarktungswegevergleich zeigt, sind viele mittlere Unternehmen sehr konkurrenzfähig.

Große haben wir genug; wen wir Schweinehalter bedenken müssen, das ist der leistungsfähige Mittelstand. Denn nur diese gewährleisten uns in Zukunft den Wettbewerb – wir Schweinehalter haben es selbst in der Hand!

Im vergangenen Jahr taten sich im Gegensatz zum vorausgegangenen Jahr die mittleren und kleineren Unternehmen ein wenig schwer. Es ist Ihnen nach den Wachstumsschritten in 2006 im letzten Jahr größtenteils nicht gelungen, ihre Marktanteile signifikant auszubauen. Z.T. scheint dies auch daran zu liegen, dass ihnen die kritische Größe fehlt, um an der Exportentwicklung entsprechend teilhaben zu können.

Es gibt erfreulicherweise auch einige Ausnahmen. Denn im Fahrwasser der NFZ-Übernahme der Vion scheinen sich z.B. die beiden Schlachtunternehmen in Garrel, Böseler Goldschmaus und BMR sehr positiv entwickelt zu haben. Die Böseler Goldschmaus liegt mit einem 7 prozentigen Wachstum und insgesamt 1,1 Mio. geschlachteten Schweine im durchschnittlichen Trend. Weiteres Wachstum ist durch die Exklusiv-Belieferung der Bünting-Gruppe vorprogrammiert. Und auch der Garreler BMR Schlachthof hat eine starke Expansionsphase hinter sich. Denn das Unternehmen kommt von ursprünglich 0,66 Mio. Schlachtungen in 2004 auf nunmehr knapp 1 Mio. Schweine im vergangenen Jahr. Nicht zu vergessen auch der fünftplatzierte Vogler in Steine, der seine Schlachtungen um 5 % auf 1,26 Mio. Schweine ausgebaut hat.

Doch auch unterhalb der Top 10 tut sich so einiges. So ist die Müller-Gruppe mit Sitz in Birkenfeld - derzeit auf dem undankbaren 11. Platz - ein heißer Anwärter auf die Top 10 Charts 2008. Dieses Unternehmen ist ein gutes Beispiel dafür, dass es auch heute noch mittelständischen Betrieben gelingen kann, in die Spitzengruppe aufzuschließen. Die Müller-Gruppe, die erst vor einigen Jahren den Ulmer Schlachthof übernommen hat, hat in den letzten vier Jahren ihre Schweineschlachtungen von 500.000 pro Jahr auf nunmehr über 0,785 Mio. gesteigert und im laufenden Jahr wird dieses Ergebnis sicher noch einmal gesteigert werden. Letzten Endes dürfte die Müller-Gruppe sicherlich auch ein wenig von der Südfleisch- und Moksel-Übernahme durch die Vion profitiert haben.

Wir haben es selber in der Hand, liebe Berufskollegen, ob wir uns von den Großen den Preis diktieren, die Konditionen aufzwingen und zum willfährigen Lieferanten machen lassen – oder ob wir aktiv am Marktgeschehen teilnehmen wollen.

Hier hat auch der Viehhandel eine wichtige Aufgabe. Die Erzeugergemeinschaften, Viehverwertungen und die Viehhändler haben in den letzten Jahren bewiesen, das sie in der Erfassung und im Transport sehr leistungsfähig sind. Die Handelsunternehmen sind aber gefordert den immer größer werdenden Schlachthöfen, auch in der Stückzahl, interessante Partner zu sein. Einige haben schon reagiert, haben sich zusammengeschlossen, oder haben die Vermarktung gemeinsam organisiert. Besonders bei den Unternehmen, die ihre Vermarktung an die Schlachthöfe mit anderen Unternehmen gemeinsam organisieren gibt es interessante Entwicklungen, selbst über die Organisationsformen hinweg. Gute Logistik, Flexibilität und Kundennähe, werden so mit einer großen Marktmacht kombiniert.

Hier gilt aber auch für uns Landwirte: Wer große Bündel mit großer Marktmacht, fordert, muss sich auch bündeln lassen.

Der Schweinemarkt kann aber nur funktionieren wenn er für alle Stufen transparent ist, vor allem, wenn die Marktmacht der Großen dominiert. Die ISN stellt sich diesem neuen Marktungleichgewicht ohne wenn und aber.

Wir kämpfen dafür, auf Augenhöhe zu verhandeln und sind wichtiger Gesprächspartner der roten Seite. Wir Schweinehalter brauchen unsere ISN heute nötiger denn je. Dazu trägt auch unsere mittlerweile in der gesamten Wertschöpfungskette Schwein von allen Seiten geschätzte, aktuelle Marktberichterstattung sowie die sorgfältige Ausarbeitung von Grundlagen, wie z.B. der EU- und der deutsche Schweinepreis-, der Vermarktungswege-, Ferkelpreis- und Schlachtsauenpreisvergleich maßgeblich bei.

Und dies ist für uns eine sehr große Verpflichtung für die Zukunft.

Wer, liebe Schweinehalter und Berufskollegen, würde Sie wohl sonst so über die Entwicklung in der Schlachtbranche auf dem Laufenden halten?

p.s. Wer mit Schweinen hier in Deutschland Geld verdienen will muss auch Schweine haben. Wenn wir nicht sehr schnell die Preise für die Schlachtschweine an die geänderten Kosten anpassen, wird die Schweinehaltung hier in Deutschland massiv zurückgehen. Hier sind auch die Schlachthöfe als unsere Brücken zur Fleischtheke gefordert. Mit leeren Schlachthöfen werden auch unsere Top 10 zu Verlierern!

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