29.07.2005 RSS Feed

„Schweinemarkt 2005: der Schweinezyklus lebt!“ – Kommentar von Bernhard Bonekamp, Stellv. ISN-Vorsitzender

Bernhard Ii In diesen Tagen veröffentlichen die Landesämter der Bundesländer die vorläufigen Ergebnisse der jüngsten Viehzählung vom 3. Mai dieses Jahres. Während die Zahlen im vergangenen Jahr auf einen flächendeckenden Bestandsabbau hindeuteten, zeigt sich jetzt ein anderer Trend.

Beschränken wir uns bei der Analyse auf die großen Vier! Die Länder Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen (NRW), Bayern und Baden-Württemberg beheimaten zusammen etwa Dreiviertel der Schweine bundesweit. Im Vergleich zum Vorjahr wurden in diesen vier Bundesländern Bestandserweiterungen festgestellt; und das in einem beträchtlichen Umfang. Am deutlichsten ist der Anstieg mit 9,2 Prozent in NRW, gefolgt von Bayern mit 3,5 Prozent, Niedersachsen mit 3,1 Prozent und Baden-Württemberg mit 2,2 Prozent.

Maßgeblich verantwortlich für diese deutliche Bestandsaufstockung sind offensichtlich die Schweinemäster. In allen Bundesländern, die ihre Zahlen bereits vorgelegt haben, sind die Mastbestände deutlich stärker ausgeweitet worden als die Zuchtsauenbestände. So sind die Mastschweinebestände in NRW zweistellig um 11,3 Prozent angestiegen, während die Zuchtsauenbestände nur um 8,3 Prozent zugenommen haben.

Noch deutlicher fallen die Unterschiede in den anderen Bundesländern aus: So weiteten sich die Mastbestände in Niedersachsen um 7,7 Prozent aus, während die Sauenhaltung sogar um 3,4 Prozent zurückging. Ein ähnliches Bild zeigte sich in Baden-Württemberg. Hier wurden die Mastbestände ebenfalls um 7,7 Prozent ausgeweitet, während die Zahl der Zuchtsauen abnahm.

Wo liegen die Gründe für die deutliche Bestandsaufstockung insbesondere bei den Mastschweinen?
Ein entscheidender Grund für die Ausweitung der Mastkapazitäten waren sicherlich die auskömmlichen Schlachtschweineerlöse im vergangenen Jahr. Als Folge sind Bestände erweitert worden bzw. vorhandene Ställe wurden wieder besser ausgelastet.
Die rasante Preiserholung ging im vergangenen Jahr allerdings an den Ferkelerzeugern weitestgehend vorbei. Womit wir bei einem aktuellen Problem deutscher Ferkelerzeuger sind, nämlich die gestiegenen Ferkelimporte. Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Mäster-Nation, weil Länder wie Dänemark und Niederlande aufgrund des begrenzten Flächenangebots und der politischen Rahmenbedingungen verstärkt in die Ferkelerzeugung investieren. Die Ferkel selbst werden dann ins Ausland exportiert, insbesondere nach Deutschland.

Die gestiegene Konkurrenz auf dem deutschen Ferkelmarkt hat wiederum Auswirkungen auf die heimischen Sauenhalter. Es findet ein verstärkter Strukturwandel statt, bei dem logischerweise die Betriebe mit dem schlechteren Management und den schwächeren Leistungen auf der Strecke bleiben. Dieser wird durch Betriebserweiterungen der erfolgreichen Sauenhalter allerdings weitgehend ausgeglichen. Hierdurch steigt bei gleicher Sauenzahl die Anzahl der Ferkel. Bestärkt wird dies durch die Neuausrichtung der Zuchtziele der Zuchtorganisationen in Richtung Anzahl abgesetzte Ferkel pro Sau und Jahr. Zu guter Letzt sorgt auch die erfolgreiche Behandlung von Sauenkrankheiten, wie z.B. des Circovirus, für steigende Ferkelzahlen. So entsteht insgesamt unter Berücksichtung der Importe bundesweit ein Ferkelüberschuss.

Da die Mäster keinen entsprechenden Zuchtfortschritt aufweisen können, haben sie neue Mastkapazitäten geschaffen. Dies erklärt, warum die Zahl der Mastschweine zunimmt, die der Sauen aber gleichzeitig sinkt bzw. stagniert. Ein Phänomen, das bei Prognosen aus Brüssel immer wieder unterschätzt wird.

Ein weiterer Punkt, dessen Ursachen in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zu suchen sind, ist die Umstellung des Prämiensystems in Deutschland. Während bisher Schlacht- und Sonderprämien an die Produktion gekoppelt waren, ist ein Landwirt inzwischen nicht mehr gezwungen, tatsächlich Bullen bzw. Rinder zu halten, um in den Genuss der entsprechenden Prämie zu kommen. Die Folge ist, dass viele Betriebe aus der Rinderhaltung aussteigen und ihre vorhandenen Ställe alternativ zu Mastställen umbauen. Dies spiegelt sich auch in den Viehzählungen der Bundesländer wieder, die abgesehen von einigen Ausnahmen einen Bestandsabbau von rund ein bis zwei Prozent bei den Rindern offenbaren. Insbesondere Schlachtrinderbestände sind davon betroffen und reduzieren sich zum Teil im zweistelligen Bereich.

Festzuhalten bleibt:
Deutsche Schweinehalter sind wettbewerbsfähig und investieren - motiviert durch ein relativ gutes Jahr - in die Schweinehaltung. Zeitgleich werden durch die zweifelhafte Agrarprämienpolitik der EU an anderer Stelle Mastkapazitäten geschaffen.

Die durchschnittliche Produktivität der Zuchtsauen steigt durch den Zuchtfortschritt, den Strukturwandel und die erfolgreiche Behandlung von Sauenkrankheiten. Auf europäischer Ebene findet eine weitere Spezialisierung der Schweinehaltung statt. Deutschland bietet insbesondere für Mäster ein interessantes Pflaster, da hier relativ gute Rahmenbedingungen, wie Marktnähe, ausreichend Gülleflächen und eine wettbewerbsfähige Schlachtindustrie, zu finden sind.

Wie sich diese Entwicklungen auf den Schweinepreis auswirken werden, hängt aber wesentlich auch von der Entwicklung der Schweinebestände EU-weit ab. Hier gehen Experten davon aus, dass für 2005 die Schweineproduktion sogar leicht abnimmt. Darüber hinaus zeigt sich der Weltmarkt derzeit sehr aufnahmefähig.



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