15.10.2007 RSS Feed

Schweine auf Termin handeln? - Gastkommentar von Dr. Renze-Westendorf Referatsleiter Markt der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Dr. Renzendorf Versetzen Sie sich in die Rolle eines Schweinemästers, der jetzt mit einem Mastdurchgang beginnt. Er kalkuliert Ferkel-, Futter- und sonstige laufende Kosten und müsste zurzeit mindestens 1,26 €/kg Schlachtgewicht erlösen. Auf dem Terminmarkt werden zurzeit 1,36 €/kg für Januar 08 notiert. Damit errechnet er eine direktkostenfreie Leistung von knapp 10 € je Mastschwein. Da er seit jeher mit den Gesetzen des freien Marktes vertraut ist, sieht er keine Notwendigkeit, das ohnehin magere Ergebnis auch noch am Terminmarkt durch den Verkauf eines oder mehrerer Kontrakte (Kosten insg. ca. 3 ct/kg SG) abzusichern. Zudem kommen ihm Zweifel, ob der für Januar 08 notierte Tageskurs (Settlement) auf Basis eines einzigen Kontraktes! überhaupt zuverlässig die künftige Preisentwicklung wiedergeben kann. Er ist zwar davon überzeugt, dass Terminmärkte Markttransparenz erhöhen und Planungssicherheit für alle Beteiligten schaffen, aber dazu bedarf es zunächst einmal einer hohen Beteiligung, sprich Liquidität.

Die Realität ist heute eine andere: Für den laufenden Monat und die folgenden 14 Monate kommen an vielen Tagen nur sporadische Umsätze zustande. Einzelorder umfassen meist ein bis zwei, selten bis acht Kontrakte. Die Wochenumsätze (Ü-bersicht) schwanken zwischen 27 und 475 Kontrakten, entsprechen 2 700 bis 47 500 Schweinen. Gemessen an den wöchentlichen Schlachtzahlen allein in NRW und in Niedersachsen von rund 620 000 Schweinen ist das nur ein kleiner Bruchteil von 0,4 bis 7,7 %.
Seit Start des Schweineterminmarktes (1998) haben sich die Umsätze in den letzten zehn Jahren nicht wie erhofft entwickelt – trotz intensiver Aufklärungs- und Beratungsarbeit. Die hohe Liquidität am Pariser Weizenterminmarkt ist schon bemerkenswert, wo in einer Woche so viel Weizen auf Papier gehandelt wird, wie eine rheinische Großmühle im Jahr verarbeitet! Hier können sich sogar große Händler beteiligen, ohne einseitig die Notierung zu beeinflussen. Zudem folgt der Kassamarkt der Matif-Notierung, nicht umgekehrt.

All das fehlt bislang dem RMX-Schweinekontrakthandel. Diese Beobachtung ist keinesfalls neu und kommt auch nicht überraschend. Doch Banken als Kreditgeber for-dern heute aufgrund hoher Preisschwankungen ein Risikomanagement von Erzeugern und Verarbeitern, entweder die direkte Kreditversicherung oder aber die Preisabsicherung am Terminmarkt – möglicherweise sogar eine Kombination von beidem. Die seit Jahren schwachen Umsätze an Schweinekontrakten führen letztlich doch wieder zu den alt bekannten Marktmachtverhältnissen: Die geballte rote Seite in der EU bestimmt den Preis am Schweinemarkt! An dem Auf und Ab der Preise würde auch ein funktionierender Terminmarkt sicherlich nichts ändern. Nur bei entsprechend hoher Beteiligung auch vieler Schweinemast- und Schlachtbetriebe mit min-destens 500 Kontrakten pro Woche würde der Preisverlauf zuverlässig wiedergegeben und wäre für alle Beteiligten eine echte Hilfe zur Einschätzung der immer unsichereren Zukunft. Notwendig wäre auch, dass dieser Terminmarkt europaweite Bedeutung erlangt, ähnlich wie Chicago für den amerikanischen Markt.

Im Bild: Dr. Josef Renze-Westendorf, Referatsleiter Markt der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

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