Politische Korrektheit als Siegel? – Gastkommentar von Gabi von der Brelie, Redakteurin Agrarolitik, Land & Forst

Gabi von der Brelie
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Mit dieser Weisheit warb dereinst die Hausfrau für ein liebevoll zubereitetes Mittagsmahl am Familientisch. Es müssen paradiesische Zustände gewesen sein, denn damals schaute noch niemand auf Kalorien und Zusatzstoffe. Geschweige denn, dass jemand die politisch und ökologisch korrekte Produktion der Rohstoffe und Zubereitungsart des Menüs hinterfragt hätte.
Heute dagegen muss Essen nicht mehr unbedingt schmecken oder gar Spaß machen, sondern es soll klimagerecht und mit Biosiegel erzeugt werden. Und nur zu leicht begeben sich dabei selbst Fachleute, zu denen man auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) zählen darf, auf glattes Parkett. Leichthin gab sie in der nachrichtenarmen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr die Empfehlung zu einem sparsamen Fleischverzehr aus und bracht einmal wieder das Rindvieh in den Ruf des Klimakillers. Ein Sturm der Entrüstung brach los, das Ministerium bemühte sich eilig um Klarstellung, um die Gemüter zu besänftigen.
Die Schlagzeilen lassen erahnen, dass sich politische Korrektheit nicht immer in schwarz oder weiß unterscheiden lässt. Als Rauhfutterfresser nutzt das Rind schließlich Flächen, die ansonsten kaum für die Nahrungsmittelerzeugung zur Verfügung stehen. Und die Hochleistungskuh ist in der Klimabilanz ihrer extensiv genutzten Kollegin deutlich überlegen. Vielleicht könnte aber die Züchtung modernen Rindern zu einer effektiveren Pansentätigkeit verhelfen. Hier ist die Bundeslandwirtschaftsministerin gefragt, um über entsprechende Forschungsarbeiten Akzente zur Begrenzung des Klimawandels zu setzen. Sie dürften mehr bewirken als populistische Ratschläge.
Landwirte werden ohnehin hellhörig, wenn sie nicht nur gute Lebensmittel produzieren, sondern auch noch hehre Ziele verfolgen sollen. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde eine Agrarwende proklamiert und der Biolandbau zum Maß aller Dinge erklärt. Bio- und andere Siegel zieren seitdem viele Lebensmittel. Mancher Verbraucher „erkauft“ sich damit offensichtlich das ökologisch korrekte Gewissen, um ungestört mit großem Geländewagen zum Supermarkt zu fahren und sich dort zum Kauf von Öko-Kiwis aus Neuseeland verleiten zu lassen.
Landwirtschaft findet nicht im rechtsfreien Raum statt. Landwirte beachten Vorschriften des Gesetzgebers. Aber sie fühlen sich zu Recht in Misskredit gebracht, wenn sie pauschal „gute“ Ratschläge erhalten, die allgemein dem Zeitgeist geschuldet sind. Da bleibt selbst dem coolsten Bauern gelegentlich der Bissen im Halse stecken.
Dieser Kommentar erschien in der "Land und Forst", Nr. 2 vom 14.01.2010










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