02.09.2009 RSS Feed

"Nur im fairen Wettbewerb" - Gastkommentar von Franz-Josef Budde, Chefredakteur des Ldw. Wochenblattes Westfalen-Lippe

Budde

Kaum fällt zurzeit das Wort Biogas, so wird es lebhaft. Betreiber von Biogasanlagen, die in den vergangenen Jahren hart um ihre Rentabilität kämpfen mussten, sehen sich am Pranger, weil sie aufgrund der neuen Einspeisevergütung nunmehr vergleichsweise gute Zahlen schreiben. Wer über keine Biogasanlage verfügt, ärgert sich dagegen über die Konkurrenz auf dem Bodenmarkt. Aber auch wenn die Emotionen hochgehen: Zukunft und künftige Entwicklung der Bioenergie und insbesondere des Biogases verdienen eine sachliche und nüchterne Bestandsaufnahme und Beurteilung. Wenn es zwei Seiten einer Medaille gibt, dann bei der Bioenergie: Die eine Seite sieht so aus, dass die Landwirtschaft aufgrund ihrer enormen Produktivität in der Vergangenheit ständig mit Überschussproblemen zu kämpfen hatte. Dies gilt für Getreide, Mais und Ölsaaten genauso wie für Schweinefleisch, Rindfleisch oder Milch. In den vergangenen Jahren ist ein zunehmend größerer Anteil der pflanzlichen Produktion – vor allem Mais – zur Erzeugung von Energie genutzt worden. So wird die gesamte globale Maisernte im abgelaufenen Erntejahr auf 785 Mio. t geschätzt. Größter Maiserzeuger sind die USA mit gut 300 Mio. t. Aktuell dürften davon rund ein Drittel – und zwar 94 Mio. t – zu Bioethanol verarbeitet werden. Muss man lange darüber spekulieren, wohin die Maispreise tendieren, wenn diese Menge auf dem Futtermittelmarkt angeboten würde? Das Beispiel Mais steht nicht allein: So wird inzwischen in Südamerika ein großer Teil des Zuckerrohrs zu Ethanol verarbeitet. Der Zuckermarkt wäre längst zusammengebrochen, wenn der daraus gewonnene Zucker den Weltmarkt überschwemmen würde. Die andere Seite der Medaille sieht so aus, dass nach der neuen Einspeisevergütung ein Rentabilitätsvergleich zwischen Biogaserzeugung einerseits und Futtermittel- bzw. Nahrungsmittelerzeugung andererseits so krass zugunsten der Energieerzeugung ausfällt, dass viele, die für den Teller produzieren, die Fäuste ballen. Wenn selbst seriöse Anbieter von Biogasanlagen damit werben, Bauern könnten ohne Eigenkapitaleinsatz eine 150-MW-Biogasanlage mit 50 000 bis 75 000 € Überschuss pro Jahr betreiben, so treiben solche Angebote den Bauern die Tränen in die Augen.

 

Ein solches Schlaraffenland kennen sie nicht. Andererseits: Außerhalb der Landwirtschaft sind Renditen, wie sie beim Betreiben einer solchen Anlage versprochen werden, durchaus üblich. Im Übrigen sieht die Rentabilität für andere Bioenergien – für Solarstrom oder Windkraft – nicht viel schlechter aus. Wer dann noch berücksichtigt, dass eine Biogasanlage nicht nur Know-how, sondern auch erheblichen Arbeitseinsatz erfordert, sollte sein Urteil über Biogas nicht zu schnell fällen.

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Der eigentliche Knackpunkt bei der Beurteilung der Biogasanlagen ist indessen die Konkurrenz um die knappe Fläche bzw. um Pachtflächen. Tatsache ist, dass die Pachtpreise an der Schmerzgrenze angelangt sind, zumindest in viehdichten Veredlungsgebieten; Ackerbauern angesichts des dramatischen Preisverfalls in ein regelrechtes Loch gefallen sind, Milchbauern zu den derzeitigen Preisen nicht einmal ihre Kosten decken können und Schweinebauern ebenso um ihre Zukunft bangen. Sie alle müssen bei den aktuellen Pachtpreisen passen; die Düngeverordnung eine härtere Gangart bei Stickstoff- und Phosphorüberschüssen erwarten lässt als bislang. Auch vor diesem Hintergrund zählt jeder Hektar. Vor diesem Hintergrund darf nicht überraschen, dass Wut, ja manchmal sogar Hass aufkommt, wenn Biogaserzeuger aufgrund des üppigen staatlichen Beistands beim Pachtpreis mehr bieten können, als das risikofreudige Milch- und Schweinebauern können. Für einen Milch- oder Schweinebauern ist es bitter, unter solchen Vorzeichen von lang gehegten Wachstumsplänen Abschied nehmen zu müssen. Andererseits gilt: Viele Bauern haben zur Einkommenssicherung in Biogasanlagen investiert. Ohne diesen Weg hätten sie Ställe zum weiteren Wachstum bauen müssen. Auch das hätte den Kampf um die Fläche angeheizt … Auch vor diesem Hintergrund verdient die vom WLV und RWE geplante Biogasanlage im Kreis Borken eine besondere Beachtung. Denn mit dem Projekt wird versucht, die problematischen Knackpunkte zu lösen. Man kann nur hoffen, dass dies auch gelingt. An drei Punkten sind Zweifel erlaubt:

1. Durch das Borkener Konzept wird letztlich die Stickstoffproblematik nicht gelöst.

2. Experten bezweifeln, dass eine Biogasanlage mit 90 % Gülle und 10 % Zwischenfrüchten funktionieren kann.

3. Große Zweifel gibt es hinsichtlich der Gülleseparation, die technisch noch nicht ausgereift ist, einen hohen Energiebedarf hat und noch nicht die gewünschte Leistung bringt. Andererseits stimmt die Richtung, wenn man mithilfe von großen Anlagen die Gülleproblematik entschärfen kann und man zugleich kleine Biogasanlagen zur Einkommenssicherung der Landwirtschaft nutzen kann. Als Fazit bleibt, dass die Bioenergie aus der Zukunft der Landwirtschaft nicht mehr wegzudenken ist. Allerdings darf das derzeitige betriebswirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Biogaserzeugung und landwirtschaftlicher Produktion nicht so bleiben. Bauern, die Schweine oder Milch produzieren, haben ein Recht darauf, bei Flächennutzung und Flächenpacht in einen fairen Wettbewerb treten zu können. Dies ist zurzeit nicht der Fall. Das muss geändert werden.


Dieser Kommentar erschien im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe (35/2009).

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