"Mut zu Wahrheit und Sachlichkeit"- Gastkommentar von Franz-Josef Budde, Chefredakteur des Ldw. Wochenblattes Westfalen-Lippe
Hart, aber fair – so heißt es in einem aktuellen Politmagazin des Fernsehens. Anscheinend sehnen sich nicht wenige Bürger danach, mit der Wahrheit offen konfrontiert zu werden, ohne Winkelzüge und falsche Erklärungen. In Politik und Öffentlichkeit ist davon allerdings wenig zu spüren. Windelweich sind die Erklärungen, wenn es um harte politische Fakten geht. Auch die Bevölkerung geht alles andere als ehrlich, sachlich und fair mit Themen um, für die sie besondere Vorlieben entwickelt hat: Die Empörung in Medien und Öffentlichkeit über die angeblich tierquälerische Art der Kastration bei Ferkeln war in den vergangenen Wochen riesengroß. Wenn es um Tierschutz geht, werden sachliche Argumente gern beiseite geschoben. So gibt es noch keine praxistaugliche Alternative zur Vollkastration von Ferkeln. Vergessen wir nicht: Der Verbraucher wünscht Schweinefleisch ohne Ebergeruch, wünscht vor allem aber niedrige Fleischpreise. Er macht sich aber keine Gedanken darüber, dass niedrige Erzeugerpreise und hohe Aufzuchtkosten nicht in Einklang zu bringen sind. Eine Kastration mit Narkose, vom Tierarzt vorgenommen, würde pro behandeltes Ferkel rund 5 € kosten – und das bei schon seit Monaten nicht mehr kostendeckenden Preisen. Warum bilden sich eigentlich Katzen- und Hundehalter ein, die Kastration ihrer Tiere sei etwas
Gutes, die Kastration von Ferkeln dagegen ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz? Gelten bei Haustieren andere Gesetze? Zur Klarstellung: Landwirte müsse ihre Eignung für die Bewirtschaftung ihrer Felder und für die Haltung von Tieren mehrfach unter Beweis stellen. Sie müssen sich gegenüber Hunde- und Katzenhaltern rechtfertigen, die selbst ihre Tiere nicht immer artgerecht halten und füttern. Oder ist die Beobachtung falsch, dass sich manche Hunde und Katzen nur noch durch die Gegend schleppen, weil sie hoffnungslos überfressen sind?
Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, sollte der Berufsstand ohnehin selbstbewusster werden. Das Duckmäusertum muss ein Ende haben. Wenn die Bevölkerung preiswert, sicher und mit allem, was die Landwirtschaft zu bieten hat, versorgt werden will, dann muss man ihr die Konsequenzen dieser anspruchsvollen Forderung auch vor Augen führen dürfen. Die Öffentlichkeit muss wissen, dass Bauern von der Landwirtschaft leben müssen. Und sie muss akzeptieren, dass man Landwirten nicht kostengünstige und moderne Produktionsmethoden verbieten darf, wenn man Wert auf preiswerte und sichere Versorgung legt.
Beim Einsatz der Gentechnik rangiert Emotionalität nach wie vor vor Sachlichkeit. Der augenblickliche
Eierkursder Politik ist kaum noch erträglich: Weder die Europäische Union noch die Bundesregierung kümmern sich um Verträge und Gesetze, die sie selbst beschlossen haben. Weil Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Gentechnik ablehnt, weil die Medien ein regelrechtes Trommelfeuer gegen die Gentechnik inszeniert haben, wagt man es nicht mehr, eigene Beschlüsse zur Gentechnik umzusetzen. So werden immer wieder Zweifel gestreut, ob gentechnisch veränderte Sorten nicht doch ein Risiko in sich bergen – obwohl die Fakten und die Risikobewertung keinen Zweifel zulassen und man weltweit inzwischen in die Isolation gerät. Denken wir nur daran, dass inzwischen über 100 Mio. ha – das Zehnfache der Ackerfläche Deutschlands – mit gentechnisch veränderten veränderten Pflanzen bestellt werden, ohne dass jemand zu Schaden gekommen ist.
Statt notfalls auch eine unpopuläre Entscheidung zu treffen, wird taktiert, verzögert und verschleiert. Die Betroffenen – Saatgutfirmen, Futtermittelhersteller und Landwirte selbst – müssen die Konsequenzen ausbaden und laufen Gefahr, im Wettbewerb abgehängt zu werden. Denken wir nur an die drohende Eiweißlücke durch die schleppende Zulassung gentechnisch veränderter Sojasorten. Und was macht man in der Milchpolitik? Milchbauern verspricht man eine
sanfte Landungund flankierende Maßnahmen beim Ausstieg aus der Milchquote. Doch Konkretes kommt nicht. Man schiebt den
Schwarzen Peterhin und her – Düsseldorf verweist auf die Bundesregierung, diese auf die Europäische Union, diese wiederum auf knappe Kassen.
Was eigentlich selbstverständlich und fair wäre, nämlich mit dem Ausstiegsbeschluss aus der Quote gleichzeitig die flankierenden Maßnahmen konkret zu benennen, unterbleibt. Ohnehin wird das Thema
Milchzurzeit sehr von Emotionen beherrscht. Das ist angesichts der schwierigen Zeiten, die Milchbauern durchgemacht haben, verständlich. Doch Gesetzmäßigkeiten des Marktes kann man nicht durch Wunschvorstellungen oder Beschwörung aushebeln, das muss auch der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter wissen. Es hilft nicht, Verband, Wissenschaftler, Molkereien oder Berater zu Feinden zu erklären, weil diese auf unbequeme Wahrheit hinweisen und fordern, sich Markt und Marktgesetzen zu stellen. Zur Ehrlichkeit und Wahrheit gehört die Feststellung, dass auch für den Milchmarkt die Gesetze des Marktes gelten. Milchbauern fordern zu Recht, dass man gemeinsam für höhere Milchpreise einsteht – sie dürfen aber nicht andere dafür verantwortlich machen, dass das Angebot auf dem Milchmarkt in den vergangenen Monaten deutlich größer geworden ist.
Dieser Kommentar erschien im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe (21/2008).










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