09.04.2009 RSS Feed

"Massen-Haft" - Gastkommentar von Dr. Andreas Frangenberg, freiberuflicher Agrar- und Wissenschaftsjournalist


Vorurteile - Haustiere spielen für viele Menschen eine wichtige Rolle, zum Teil sogar als Ersatz für soziale Kontakte. Wer jede Nacht Pfiffi ins Bett holt, sieht eher rot bei dem Wort "Massentierhaltung“. Unser Kolumnist schaut diesmal in die Ställe und darauf, wie Verbraucher Tierhaltung sehen. Fotos gelten in der Kommunikation als „Schuss ins Gehirn“, d. h. als Botschaft, die bei dem Empfänger richtig „einschlägt“. So hat sich auch bei mir ein Foto in den grauen Zellen festgesetzt, auf dem eine Kuh – an einem Bein hängend  – von Bord eines Schiffs gehoben wird. Man stelle sich vor, dass dieses Bild auf einen Verbraucher trifft, der das Futter seiner Katze liebevoll mit Petersilie verziert, ganz so, als sei man in einem 5-Sterne-Restaurant. Oder auf den Hundehalter, der Pfiffi in ein Mäntelchen hüllt, sobald die Temperatur gegen Null geht, und der zum Tierpsychologen läuft, weil der Kleine doch so traurig guckt. Ich möchte nicht darauf herumreiten, dass die Haltung großer Hunde in Stadtwohnungen mit zweimal täglich 15 Minuten Auslauf Tierquälerei ist. Ich will auch nicht fragen, wie arm eine Gesellschaft ist, in der Haustiere so in die – für sie völlig unnatürliche – Rolle eines „Lebensabschnittsgefährten“ gesteckt werden. Mitunter stelle ich nämlich selbst im Freundeskreis mit Grausen fest, wie sehr menschliche Eigenschaften und Bedürfnisse auf Tiere übertragen werden.


Tierquälerische Massentierhaltung


Bild und Rolle des Tiers in unserer  Gesellschaft sind oft nicht mehr die des Nutztiers, und jede Aussage, jedes Foto von der „leidenden Kreatur“ fällt auf fruchtbaren Boden. Aber nicht nur deshalb müssen sich Tierhalter, egal ob beruflich oder privat, mit Wohl und Ansprüchen ihrer Tiere auseinandersetzen. Dabei ist allerdings ein Schlagwort wie Massentierhaltung wenig hilfreich. Was bitte ist eine „Masse“? Sind das 50 Kühe, 200 Kühe, oder 1000? Sind das vielleicht auch die 175 Guppys im heimischen 30-l-Aquarium? Spielt nicht auch die jeweilige Haltungsform eine Rolle? Ist es entscheidend, ob die Tiere in Anbindehaltung in einem dunklen Stall stehen oder in einem modernen Außenklimastall mit Lauf-, Fress-, Liege- und Melkbereich sowie Ausweichmöglichkeiten? Jeder Tierhalter, der verantwortungsvoll mit seinen Tieren umgehen will, kommt um eine ethische Betrachtung nicht herum, die er dann aber auch offen kommunizieren sollte. Hat das Tier die fünf Freiheiten – von Durst, Hunger und Unterernährung, von mangelndem Komfort, von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, die Freiheit, ein normales Verhalten zu zeigen und die Freiheit von Angst und Stress? Wie intensiv und langwierig sind Beeinträchtigungen? Sind diese vermeidbar und gibt es wirtschaftlich tragfähige Alternativen? Es ist ja nicht so, als gäbe es solche Bewertungsmodelle in der Landwirtschaft nicht. Manchmal sollte nur sehr viel offensiver darauf und auf ihre Anwendung hingewiesen werden.

Eier aus dem Hühner-KZ


Käfighaltung von Legehennen ist ein weiteres Reizwort: Manchmal lockt es mich, im Freundeskreis zu provozieren. Dann frage ich, wie denn die Einstellung zu Küchenhygiene und Hygiene allgemein ist, und warum Sagrotan auf jede denkbare Fläche gesprüht wird. Im nächsten Schritt erzähle ich dann, wie das mit den Hühnern so ist, die im Freiland (gerne in der Nähe des Stalleingangs konzentriert) oder in Bodenhaltung herumlaufen, und so mit ihren und den Exkrementen ihrer Artgenossen in Kontakt kommen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich will weder für die Hühner-WG noch für Boden- oder Freilandhaltung Partei ergreifen. Ich möchte nur verdeutlichen, dass
man denen, die nach den „glücklichen Hühnern“ von früher rufen, auch die hygienischen und gesundheitlichen Konsequenzen für Mensch und Tier klarmachen muss und aufzeigen, dass Tierhaltung immer auch die Suche nach dem für Mensch, Tier und Umwelt besten Kompromiss darstellt.


Intensivierung – Spezialisierung


Alle Dinge haben (mindestens) zwei Seiten: Auf den ersten Blick klingen Begriffe wie Spezialisierung oder Intensivtierhaltung nicht so schön. Aber ein Landwirt, der sich etwa auf Schweinemast oder Milcherzeugung konzentriert, hat sich nicht nur mit dem Produktionszweig, sondern auch mit seinem Wissen spezialisiert. Er ist Spezialist, er weiß Bescheid, er kennt die Ansprüche seiner Tiere genau. Was machen denn wir Verbraucher, wenn wir medizinische Hilfe brauchen? Wir holen uns beim Hausarzt die Überweisung zum Spezialisten, weil „da werden wir geholfen“...
Es ist für mich mehr Kompliment als Vorwurf an die Landwirte, wenn jemand von Intensivierung und Spezialisierung der Tierhaltung spricht. Der Spezialist hat viel eher das notwendige Wissen und die finanziellen Möglichkeiten, moderne und tiergerechte Haltungssysteme für seine Tierart umzusetzen. Insofern juckt es mich immer wieder, gegen die damalige „hohe Politik“ zu lästern und festzustellen, dass unsere Landwirtschaft „Masse mit Klasse“ produziert – und darauf zu Recht stolz sein kann.

Dieser Kommentar erschien im dlz agrarmagazin 4/2009.


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