10.04.2007 RSS Feed

"Klimawandel als Glücksfall für bankrotte Politik" - Gastkommentar von Dr. Johann Böhm, Politologe

Boehm Johann Dr Der Begriff Klimawandel kommt für viele Volksvertreter wie gerufen
Die Mediengesellschaft braucht Stichworte. Auch sie muss den Anschein von Übersichtlichkeit und Hierarchie erwecken. Gültigkeit vermitteln. Das erfolgreichste Stichwort des Jahrzehnts ist immer noch Globalisierung. Das Material dieses Wortes ist aber abgenutzt. Sogar die Schlagersänger kennen es.

Nun geht ein Neues ins Rennen: Klimawandel! Es hat das Zeug, den Platzhalter Globalisierung abzulösen. Weist es doch genau die gleichen Eigenschaften auf. Es spricht eine Gesamtbedrohung an, etwas, von dem alle betroffen sind. Und es ist noch um vieles besser. Denn ihm können sich auch die Reichen nicht entziehen. Es kennt scheinbar keine Profiteure.

In der Hülse des Begriffs lässt sich nicht nur der Klassenkampf unterbringen, sondern auch die ausgleichende Gerechtigkeit. Und vor allem: Bei diesem Wort kann wirklich jeder auf Anhieb mitreden, sogar die Unterschicht. Denn wer beobachtet nicht das Wetter? Das Schönste jedoch: Mit dem Klimawandel ist der traditionelle Verdacht, dass ein Gespräch über das Wetter harmlos sein könnte, endgültig ausgeräumt. Und das hört man gerne. Man lebt schließlich im Zeichen der Apokalypse. Und spätestens seit man sich von Gott verabschiedet hat, möchte man auch für den Weltuntergang verantwortlich sein.

Damit aber ist die Stunde der Utopisten wieder aktuell. Sie, die alten, die gewendeten Jünger von Marx und Mao und den sonstigen Befürwortern des Asketischen, frohlocken. Sie winken mit dem neuen, dem alten Allheilmittel, dem Verzicht. Der Konsumismus müsse eingeschränkt werden. Die Utopisten treten jetzt als Superökologen auf, als Verwalter der von ihnen bis gestern noch lautstark geschmähten Schöpfung. Sie werden nicht müde, von der Verwüstung der Welt zu sprechen, für die die Industrienationen verantwortlich seien. Wer kann dem nicht zustimmen? Industrienation ist schließlich auch eines dieser Wörter, die alles und nichts beinhaltet.

Während die Utopisten von der Öko-Diktatur träumen, mit der man dem Kapitalismus nun doch noch den Garaus machen könnte, hat eine ganz andere Klientel das Wort vom Klimawandel entdeckt. Es ist die politische Klasse, deren Unfähigkeit in diesen Jahren ungeahnte Ausmaße genommen hat. Auch für sie kommt der Klimawandel wie gerufen. Lässt sich doch mit ihm noch jede Inkompetenz erklären. Schließlich ist der Klimawandel ein Phänomen, das sich ihrer Macht entzieht. Mit seiner Hilfe lässt sich die Problematik, für die man sonst politische Lösungen erarbeiten müsste, mühelos auf die moralische Ebene hieven. Damit aber sind die Herrschaften aus ihrer politischen Verantwortung entlassen. Man kann an die Bevölkerung appellieren, man kann sogar die Steuern erhöhen. Ein Glücksfall für eine bankrotte Politik. Nur darf es keiner sagen.

Dieser Kommentar erschien am 24. März 2007 in der Oldenburgischen Volkszeitung. Dr. Johann Böhm aus Dinklage im Oldenburger Münsterland ist Historiker und Politologe.

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