Liebe Mitglieder, sehr verehrte Gäste 2006 können wir als das Jahr des Aufschwungs bezeichnen. Der Schweinemarkt zeigte sich von seiner guten Seite. Wir Schweinehalter haben wieder Geld verdient - zum Löcher stopfen und auch zum Investieren. Im Frühjahr haben wir zunächst einmal Rechtssicherheit hinsichtlich der Tierschutzvorschriften bekommen. Auch wenn hier gegenüber Europa mal wieder kräftig draufgesattelt wurde - warum eigentlich? - so wissen wir jetzt zumindest, woran wir sind.
Andere Regulierungsvorhaben stehen uns noch bevor. So ist in der vergangenen Woche die Salmonellenverordnung verabschiedet worden. Auch wenn das QS-Monitoring gezeigt hat, dass die Salmonelle ein wunderliches Lebewesen ist. Denn sie ruft unberechenbar Antikörpertiter hervor und lässt sich offensichtlich nicht allein mit gutem Hygienemanagement händeln.
Wir müssen dieses Thema nicht nur aus Wettbewerbsgründen – Stichwort Dänemark - bewältigen. Vor allem muss geklärt werden, was mit den Kategorie 3 –Schlachttieren geschehen soll. Wenn diese zu Billigmachern degradieren, werden wir ein großes Durcheinander im Markt bekommen. Auch die Schlachtindustrie muss sich zu ihrer Verantwortung bekennen!
Um im Schweinemarkt Klarheit zu behalten, muss auch das im Gesetzgebungsverfahren stehende Fleischgesetz ein Mindestmaß an Transparenz vorschreiben. Denn die auch von uns allen geforderte Entbürokratisierung darf nicht ausgerechnet dort beginnen, wo die nebulösen Machenschaften am weitesten verbreitet sind. Die Spielregeln in der Fleischbranche müssen Verbrauchern wie Erzeugern Sicherheit und Fairness zugestehen. Für uns bleibt die zwingende Ausweisung des Muskelfleischanteils von zentraler Bedeutung. Die Fleischskandale der beiden letzten Jahre waren nicht von uns Bauern gemacht!
Im Hinblick auf eine bessere Zusammenarbeit innerhalb der Schweinebranche sind wir im vergangenen Jahr mit der Rahmenvereinbarung zur Klassifizierung und Verwiegung in Niedersachsen einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Schritt vorangekommen.
Im Schlachtsektor erleben wir schon jetzt einen gewaltigen Konzentrationsprozess. Das, was Metro und Aldi vorgemacht haben, wiederholt sich jetzt bei Tönnies, VION und Westfleisch. Diese Konzentrationsprozesse sind eine Folge des von uns befürworteten Wettbewerbs. Er hat in der deutschen Schlachtbranche eine wesentlich bessere Kostenstruktur hervorgebracht als in unseren monopolisierten Nachbarländern Dänemark und Holland. Diese Länder preisen uns Branchenfremde erstaunlicherweise immer noch als Vorbild an. Für uns zeigt sich jedoch ganz klar, dass die Landwirte dort als schwächstes Glied der Kette am unteren Ende der europäischen Erlösskala arbeiten müssen.
In den letzten Monaten hat sich allerdings auch bei uns die Schwäche der Erzeuger gegenüber den übermächtigen Abnehmern gezeigt, als diese die Schweinepreise nach Weihnachten trotz reger Nachfrage massiv heruntergeknüppelt haben. Sicher hat sich auch die Erzeugerseite verändert, die Betriebe sind erheblich gewachsen, auch die Erzeugergemeinschaften und der Viehhandel entdecken Kooperationsmöglichkeiten. Dennoch gibt es für uns auch in Zukunft viel zu tun, damit wir Erzeuger nicht untergebuttert werden.
Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass Seuchenzüge noch lange nicht der Vergangenheit angehören. Zwar haben wir gegenüber unseren Kollegen aus der Geflügelbranche derzeit noch mit berechenbaren Seuchen zu kämpfen, doch hat uns der Schweinepestzug des vergangenen Jahres ganz schön in Atem gehalten. Unsere Geschäftsstelle war in dieser Zeit zu 200 Prozent engagiert, um Sie auch an den Wochenenden über das aktuelle Pestgeschehen auf dem Laufenden zu halten. Als hätten die Verantwortlichen aus den Pestjahren 1994 bis 1996 nichts gelernt, wurde die ganze Debatte um Transportverbote und Aufkaufaktionen erneut komplett aufgerollt. Auch Brüssel ist seit zwölf Jahren mit der damals angekündigten Schutzimpfstrategie offensichtlich keinen Millimeter weitergekommen.
Der letzte Sommer hat uns wieder einmal gezeigt, dass Landwirtschaft eine Open-air-Veranstaltung ist. Nach einer massiven Trockenperiode wurde eine kleine Getreideernte prognostiziert, und schon sprangen die Spekulanten vom Ölgeschäft auf unsere Futtermittel über. Wir haben in folge dessen heute mit Produktionskostensteigerungen von bis zu zehn Euro pro Mastschwein zu kämpfen.
Parallel dazu entwickelt sich ein staatlich hoch subventionierter Bioenergiemarkt, der uns marktorientierten Schweinehaltern in den Veredlungsregionen massiv Konkurrenz um die Fläche beschert. Wir dürfen nicht dem Trugschluss unterliegen, dass Biogasanlagen bei der Lösung der Nährstoffüberschussprobleme helfen könnten.
Da wir durch pflanzenzüchterischen Fortschritt die Flächenerträge und damit den Nährstoffentzug deutlich steigern konnten, muss die Düngeverordnung jetzt endlich den wirklichen Gegebenheiten angepasst werden. Sie darf nicht - wie jüngst geschehen - auf theoretischen Berechnungen Brüsseler Bürokraten fußen. Es muss uns möglich sein, den höheren Nährstoffbedarf der Pflanzen mit unserem Wirtschaftdünger zu decken. Denn auch das ist ein Stück globaler Umweltschutz! Unsinnigerweise verschärfen die Flächenverknappung durch die obligatorische Stilllegung und die nach dem Naturschutzgesetz geforderten Ausgleichflächen die ganze Misere.
Als ob wir immer noch riesige Nahrungsmittelüberschüsse hätten! Langfristig müssen wir uns also auf höhere Futterkosten einstellen. Und der Verbraucher wird erkennen müssen, dass Fleisch nicht länger der Billigmacher der Nation ist.
Mit Blick auf die derzeit wieder diskutierte Abschaffung der betäubungslosen Ferkelkastration, verwundern uns die obskuren Forderungen der Tierschutzindustrie. Auch die Pläne des Pharmasektors über eine so genannte Immunokastration, also eine zweimalige Impfung im Maststall, sehen wir sehr kritisch. Denn ob der Eberfleischgeruch so sicher aus der Pfanne ferngehalten werden kann, erscheint uns fraglich. Was passiert eigentlich, wenn der Landwirt oder der Tierarzt sich beim Spritzen versehentlich verletzt und dann mit dem Impfstoff in Berührung kommt?
In der Diskussion ist auch, unkastrierte männliche Schweine vor der Geschlechtsreife, also mit 70 kg Hakengewicht, zu schlachten. Dann würden am Markt jedoch schnell mehr als zehn Prozent Fleisch fehlen. Es ist ja nicht so, dass wir Ferkelerzeuger aus Arbeitswut an der Kastration festhalten wollen. Eine echte Alternative ist allerdings noch nicht in Sicht.
Gerade in Brüssel haben Tierschutzfunktionäre in Verbindung mit einzelnen Mitgliedsstaaten, allen voran den Niederlanden, die Diskussion um die Kastration offensichtlich erfolgreich angeheizt. Das bedeutet, dass wir uns als Interessenvertreter zunehmend auf europäischer Ebene engagieren müssen. Über den ZDS und die ADT sind wir in Brüssel mittlerweile gut aufgestellt. An dieser Stelle ein Dank an diese beiden Organisationen für die hervorragende Zusammenarbeit.
Bei der ganzen Debatte um Tierschutz spielen Vorurteile und Ideologie offensichtlich eine große Rolle. So haben überwiegend aus der Tierschutzszene stammende Experten im Nachgang der künast´schen Agrarwende bei der FAL einen so genannten
Nationalen Bewertungsrahmenfür die Tierhaltung erarbeitet. Im Ergebnis sollen 95 Prozent der bei uns praktizierten Haltungsformen nicht tierschutzgerecht sein. Ein Irrsinn! Dies zeigt, dass es auf diesem Gebiet dringend sachlich orientierter Forschung bedarf. Daher werden wir gemeinsam mit dem ZDS, der Stallbaubranche und anderen ein Gemeinschaftsprojekt
Tierschutzforschunganstoßen, um hier verlässliche und objektive Daten zu gewinnen.
Unsere Produktion und unser Einkommen hängen zunehmend vom Welthandel ab. Nicht nur in Europa, sondern auch in Deutschland überschreiten wir bei der Selbstversorgung mit Schweinefleisch bald die 100-Prozentmarke. Es schert uns als Nettoexporteur mittlerweile also schon sehr, wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Abschließend bin ich sicher, dass wir Schweinehalter in Deutschland gute Chancen haben, zur hochwertigen Ernährung einer stark wachsenden Weltbevölkerung beizutragen. Mit der Globalisierung steigen allerdings auch die Risiken. Das muss jeder von uns bei seinen betriebsindividuellen Entscheidungen berücksichtigen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine erfolgreiche Mitgliederversammlung und möchte mich an dieser Stelle bei allen ehren- und hauptamtlichen Mitstreitern der ISN und ihrer Tochtergesellschaften für das Engagement und die geleistete Arbeit im Sinne unserer Schweinehalter bedanken.










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