„Herausforderung Klimawandel - Landwirtschaft 2050“ - Kommentar von Heinrich Dierkes, ISN-Vorsitzender, zum gleichnamigen SPD–Antrag im Bundestag
Am 05. Mai 2010 hat die SPD-Fraktion im Bundestag einen Antrag zum Thema Herausforderung und Klimawandel - Landwirtschaft 2050
gestellt.
In dem rund 6-seitigen Antrag werden zu zahlreichen Aspekten der deutschen Landwirtschaft Bewertungen über deren mögliche Auswirkungen auf Klima und Umwelt abgegeben. Kaum ein Bereich der Landwirtschaft wird darin ausgenommen, schon gar nicht die Tierhaltung. Auf Seite 2 heißt es:
…die intensive Tierhaltung tragen nachweislich zum Klimawandel bei.
… die fortschreitende Intensivierung sowohl in der Pflanzenproduktion als auch in der Tierhaltung erhöht den Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel zusätzlich.
Diese These ist unter Experten umstritten. Jedes Leben trägt zum Klimawandel bei. Klar ist aber auch, dass mit steigender Produktivität beispielsweise der CO2-Austausch je Kilogramm Fleisch (und das sollte das Maß der Dinge sein, nicht der CO2-Ausstoß je Landwirt) deutlich sinkt! Die Forderung nach einer Umstellung auf extensive Produktion, wie sie im Antrag genannt wird verschlechtert jede Klimabilanz. Später wird gefordert:
Zwingend ist vielmehr auch für die Landwirtschaft eine Festlegung konkreter Reduktionsziele und die Einbeziehung der Landwirtschaft in das Regime zur Minderung von Treibhausgasen.
Zunächst ist es erforderlich, einheitliche Standards zur Berechnung bzw. Bemessung der landwirtschaftlichen Emissionen zu schaffen. Hier stellt sich außerdem die Frage, wann endlich anerkannt wird, dass die Landwirtschaft der einzige Wirtschaftssektor ist, der nicht nur CO2 produziert, sondern auch bindet. Es muss außerdem berücksichtigt werden, dass die Landwirtschaft Ernährungsgüter herstellt, die essentiell für die menschliche Existenz sind. Für diesen Bereich sollten andere Regeln gelten als für die Herstellung von z.B. Schmuck oder anderen Luxusgütern.
Auch zur Gentechnik verlieren die Abgeordneten ein Wort im Zusammenhang mit der Klimadiskussion:
Deutlich wird herausgestellt, wie diese selbstbestimmten Anbau-Praktiken durch die Grüne Gentechnik und das System der Bio-Patente unterwandert werden. Statt zu Anbau-, Wirtschafts- und Handelssouveränität führen sie zu Abhängigkeiten, steigenden Kosten und einem stark eingeschränkten Zugang der Landwirte zu Saat- und Pflanzgut.
Grundsätzlich ist es problematisch, dass aufgrund des ideologischen Umgangs und damit einhergehender umfangreicher Verbote der Gentechnik, nur wenige Unternehmen Oligopole auf diese Form der Biotechnologie haben. Die EU sollte diesbezüglich ihre Blockade-Politik beenden und Liberalisierung zulassen. Das schafft freien Markt und mehr Wettbewerb – und keine Abhängigkeiten!
Ziel der SPD ist es außerdem:
…die Düngeverordnung zu verschärfen und die Stickstoffüberschüsse auf 50 kg N/ha zu begrenzen.
Landwirtschaft ist Produktion unter freiem Himmel. Eine Hagelschauer, eine Trockenheit, kann zum Totalausfall der Ernte führen und jede am Schreibtisch entworfene Bilanz zunichte machen. Schon jetzt wird durch die Düngeverordnung eine ordnungsgemäße Versorgung der Böden mit Nährstoffen gewährleistet. Eine Verschärfung dieser Verordnung ist daher nicht erforderlich.
Außerdem wird gefordert:
Wiedereinführung der Flächenbindung in der Tierhaltung. Gleichzeitig müssen Düngeverluste durch folgende Maßnahmen begrenzt werden: sachgerechte Bedarfsermittlung, effiziente Ausbringungsmethoden (z. B. sofortige Einarbeitung von Gülle), Maßnahmen emissionsarmer Lagerung von Düngemitteln, Kofermentierung von Wirtschaftsdüngern in Biogasanlagen und gasdichte Lagerung der Gärreste;
Mit moderner Landtechnik werden eine sachgerechte Bedarfsermittlung und effiziente Ausbringungsmethoden (z.B.Schleppschlauch oder sofortige Einarbeitung von Gülle) schon jetzt gewährleistet. Kontrollsysteme wie Cross-Compliance sichern die Einhaltung der zahlreichen Bestimmungen. Die Flächenbindung würde das Ende vieler kleinerer Betriebe bedeuten, die aufgrund mangelnder Flächen in die Veredlung investiert haben. Die Frage der ordnungsgemäßen Düngung mit Wirtschaftdünger ist nicht eine Frage der Betriebsgröße, sondern der Verteilung und vernünftiger Kooperation mit anderen Betrieben.
Ziel soll es weiterhin sein:
Transparenz beim Einkauf für Verbraucherinnen und Verbraucher herzustellen, um die Grundlage dafür zu schaffen, klimaschonend, nachhaltig und sozial verantwortungsvoll einkaufen zu können. Dazu müssen:
a) Zertifizierungs- und Kennzeichnungssysteme entwickelt werden, die die Klimabilanz von Produkten deutlich machen;
Nach deutschem und EU-Biosiegel, blauem Engel, grünen Punkt usw. darf es noch ein weiteres neues Label sein? Es ist sehr zweifelhaft, ob noch mehr Kennzeichnungssysteme die Verbraucher erhellen oder doch eher zusätzlich verwirren.
b) Kosten für Schäden, die insbesondere an der Umwelt entstehen, müssen dem Produkt stärker angelastet und Verbraucherinnen und Verbrauchern der eigentliche Produktpreis einschließlich des jeweiligen ökologischen Rucksacks transparent gemacht werden. Hier sind geeignete Instrumente zu entwickeln, die eine Internalisierung dieser, bisher der Gesellschaft angelasteten Kosten in den Produktpreis gewährleisten können;
Wie weit soll das noch gehen? Wir reden von Lebensmitteln: Was ist mit dem Wildschwein, das bei der Jagd im Wald geschossen und anschließend zum Verzehr angeboten wird? Muss der Jäger dafür auch die Kosten übernehmen, weil das Wildschwein im Wald auch Sauerstoff verbraucht und CO2 produziert hat, bevor es irgendwo auf dem Teller landet?
c) die breite Öffentlichkeit über den Einfluss der Ernährung auf das Weltklima und die Handlungsalternativen des Einzelnen aufgeklärt werden;
Wenn das erfolgt, ist es in jedem Falle wünschenswert, die vollständige Faktenlage zu veröffentlichen. Dazu sind eine Versachlichung der Diskussion und die Orientierung an wissenschaftlichen Fakten erforderlich. Diese müssen jedoch teilweise erst noch geschaffen werden. Außerdem müssen in diese Diskussion unbedingt andere Bereiche, wie Autoverkehr oder Flugreisen einbezogen werden. In diesen Sektoren dürfte es vergleichsweise leichter sein, CO2 einzusparen als in der Landwirtschaft.
d) Anreize für einen Konsum geschaffen werden, der stärkere Akzente auf pflanzliche und weniger auf tierische Lebensmittel setzt sowie die Vorzüge von regionalen Erzeugnissen und saisonalem Obst und Gemüse aus Freilandanbau anerkennt.
Das Unternehmen REWE hat den CO2-Fußabdruck von Kartoffeln berechnet und ist zu dem Schluss gekommen, dass der PCF
(Product-Carbon-Footprint) am niedrigsten ist, wenn Kartoffeln nur noch auf den besten Kartoffelböden Norddeutschlands angebaut werden, anstatt z.B. in Bayern. Regionalität um jeden Preis ist aus Klimaaspekten nicht sinnvoll!
Außerdem darf es nicht das Ziel sein, tierische Lebensmittel zu verteufeln. Diese Gefahr besteht jedoch, wenn die Diskussion so weitergeführt wird. Lebensmittel tierischer Herkunft sind essentiell für eine ausgewogene Ernährung.
Fazit
Der SPD Antrag Klimawandel und Landwirtschaft geht für die Landwirtschaft in die falsche Richtung. Mit immer mehr Kontrollen, Vorschriften, Zertifizierungen und Dokumentationen wird die Landwirtschaft immer stärker in ein Bürokratiekorsett gepresst. Das Vertrauen auf das Können und die Verantwortung des einzelnen Bauern ist nicht zu erkennen. Ideologischer Zeitgeist verdrängt Zusehens wissenschaftliche Erkenntnisse.
Trockenlegung von Sümpfen und Rodung von Urwald wird der Klimabilanz der deutschen Landwirtschaft angerechnet. Aber die Trockenlegung von Mooren oder die Umwandlung von Wald sind faktisch seit Jahren in Deutschland nicht mehr möglich. Aber, die Rodung von riesigen Urwäldern zur Palmölgewinnung und die Entstehung von Maismonokulturen in einigen Regionen Deutschlands, haben ihren Ursprung in der falschen und überhöhten Förderung von nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland. Diese wurden in einer Zeit beschlossen, als die SPD regierte oder mitregierte.
Etwas mehr bäuerliche Gelassenheit, etwas mehr Vertrauen in die eigenen Bauern, viel weniger Ideologie und mehr belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse würden sowohl dem Klima, als auch der Landwirtschaft gut tun. Die ISN bietet hier sowohl der SPD als auch den anderen Parteien ihre Mitarbeit an.










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