"Gentech-Skepsis der Europäer macht Fleisch deutlich teurer" – Gastkommentar von Martin Kugler, Journalist
Die skeptische Haltung der Europäer in Sachen Grüne Gentechnikhat unliebsame Nebenwirkungen. Fleisch könnte in den nächsten Jahren deutlich teurer werden, ohne dass sich am Problem etwas ändert – dass wir nämlich immer mehr Rinder, Schweine und Hühner verspeisen, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission.
Aktueller Anlassfall ist die neue Gen-Soja-Sorte MON 89788, die in den USA kurz vor der Zulassung steht – und dort laut Experten sehr rasch den Markt erobern wird. In den USA sind 87 Prozent der angebauten Sojabohnen gentechnisch verändert. In Europa hingegen sind die Vorbereitungen für eine Zulassung frühestens nächstes Jahr abgeschlossen, erst dann startet die politische Debatte. Und die kann lange dauern: Im Schnitt braucht die EU 36 Monate für das Zulassungsverfahren, die US-Behörden hingegen nur 15 Monate.
Allein schon diese Verzögerung bringt ein riesiges Problem: Es ist nämlich verboten, Pflanzen-Sorten nach Europa einzuführen, die von der EU nicht genehmigt sind. Hier gilt Null-Toleranz. 77 Prozent des Proteinfutters (
Kraftfutter) werden importiert. Europa ist aus klimatischen und geografischen Gründen nicht in der Lage, genug Futter zu produzieren, um den Fleischhunger seiner Bürger zu befriedigen.
Sind neue Gen-Sorten in den USA und anderswo erst einmal zugelassen, darf die EU de facto kein Soja-haltiges Futter aus diesen Ländern mehr importieren. Laut Experten könnten maximal zehn bis 20 Prozent der Importe durch EU-Ware ersetzt werden. Die zwingende Konsequenz: Europas Bauern können weniger Tiere füttern, die Fleisch-Produktion sinkt, die Preise steigen.
Südamerika statt USA
Die EU-Experten haben drei Szenarien untersucht: Wenn nur die USA neue, in der EU nicht zugelassene Sorten anbaut, ist es möglich, zum Teil auf andere Futter-Lieferanten wie Argentinien und Brasilien umzusteigen. Die Auswirkungen wären minimal. Falls auch Argentinien neue Sorten zulässt, sieht die Sache anders aus: Dann fällt ein Zehntel des Futter-Imports der EU aus, Futter verteuert sich um gut ein Fünftel. Die Fleischproduktion würde um einige Prozent sinken, Schweinefleisch etwa um zehn Prozent teurer werden. Am schlimmsten wäre, wenn auch Brasilien auf neue Gen-Saaten umschwenkte. Dann gäbe es für die EU keine nennenswerten Import-Mengen mehr. Die Futterkosten würden sich vervielfachen, die Schweine- und Geflügelproduktion würde um zumindest ein Drittel sinken.
Wie wahrscheinlich ist das? Obwohl Argentinien und Brasilien mehr Rücksicht auf die europäischen Bedürfnisse nehmen als die USA, gibt es laut den Autoren der Studie trotzdem eine
echte Möglichkeit, dass auch die südamerikanischen Staaten neue Sorten – die für die Bauern große Vorteile bieten – zulässt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil diese Länder ohnehin lieber Fleisch nach Europa liefern würden als nur Tierfutter.
Das würde auch geschehen: Denn nur weil der Viehbestand in der EU sinkt, würden die Europäer nicht viel weniger Fleisch essen. Und dann passiert erst recht das, was die Gentechnik-kritischen Europäer eigentlich vermeiden wollten: Gerade Import-Fleisch wurde mit Gen-Pflanzen produziert. Anders ist nur, dass der größte Teil der agrarischen Wertschöpfung in das Ausland verlagert werden würde.
Martin Kugler ist Journalist bei der österreichischen Tageszeitung Die Presse. Sein Kommentar erschien dort am 30. Juli 2007.










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