24.09.2009 RSS Feed

„Fokus Schwein Weser-Ems“: Fleisch- und Lebendexport stabilisieren Schweinemarkt

Isnlogo Moderate Wachstumsstrategie empfohlen – zu früh für Ebermast – AFP: Ferkelerzeugung privilegiert gefördert – Damoklesschwert Wildschweinepest – Nulltoleranz für GVO-Spurenvermischungen problematisch

 

Löningen/ISN - Über 400 Gäste konnte Dr. Walter Helms, Geschäftsführer der Dinklager Bröring Unternehmensgruppe, am vergangenen Mittwoch (23.09.09) beim Fokus Schwein Weser-Ems in Löningen begrüßen. Im eigens errichteten Festzelt forderte Dr. Helms in seiner Ansprache die Politik auf, endlich das Problem der Nulltoleranz von Spurenvermischungen von noch nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Sojabohnen und Mais zu lösen. Es sei mittlerweile schon das sechste Schiff nach Übersee zurückgeschickt worden. Damit würde der landwirtschaftlichen Tierhaltung und der Futtermittelbranche ein untragbares wirtschaftliches Risiko aufgeladen.

 

ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes, der in das Tagungsthema: Die deutsche Schweinehaltung – einsame Spitze in stürmischen Zeiten! Von Hoffnungen und Erwartungen – eine Standortbestimmung! einführte, pflichtete dem Mischfutterexperten bei. Es sei inakzeptabel und wettbewerbsverzerrend, dass ausländische, mit GVO-Futtermitteln erzeugte Lebensmittel in deutschen Läden verkauft würden, gering mit Maisstaub kontaminiertes Soja aber als Sondermüll behandelt werde.

 

Gerade erst aus China zurückgegehrt und schon wieder auf dem Weg in die Ukraine machte Steffen Reiter, Geschäftsführer der German Meat, im Löninger Festzelt Station, um aus erster Hand über die Chancen für deutsches Schweinefleisch in der Welt zu berichten. Auch wenn bereits weltweit jedes zweite Schwein in China stehe, so übersteige der dortige Bedarf die eigene Produktion bei weitem. Sechs Pfoten müssten die Schweine haben, sagten die Chinesen. Der Experte zeigte den Teilnehmern nicht nur die Chancen, sondern auch die Risiken einer zunehmenden Internationalisierung der Märkte auf. So ist Japan, der weltweit größte Importmarkt für Schweinefleisch, wegen der Wildschweinepest in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz nach kurzer Öffnung wieder gesperrt. Der ISN-Vorsitzende Dierkes bezeichnete die Wildschweinepest als Damoklesschwert für die deutsche Schweinehaltung. Wenn nicht entschieden dagegen vorgegangen werde, werde sich dies in Kürze zur existentiellen Frage für die Schweinehaltung herausstellen.

 

Reiter berichtete auch darüber, wie die Exportförderung für deutsches Fleisch in der Nach-CMA-Zeit aussieht. Er stellte die German Meat und die German Export Association for Food and Agri Products (GEFA) vor.

 

Und dass der Export tatsächlich ein wichtiges, nicht mehr wegzudenkendes Standbein der Wertschöpfungskette Schweinefleisch ist, bestätigte Herbert Dreckmann, geschäftsführender Gesellschafter von D&S Fleisch aus Essen/Oldb., in der Podiumsdiskussion. Sein Unternehmen exportiert bereits 35 % des Schweinefleisches ins Ausland: von Russland bis nach Asien. Pfötchen und Öhrchen genössen in Asien eine gänzlich andere Wertschätzung als in Deutschland und dies sei fester Bestandteil der Zerlegkalkulation, wodurch letztendlich auch die deutschen Schweinehalter profitierten. Die Schweine aus dem bodenständigen Oldenburger Münsterland gehen zerlegt mittlerweile in alle Welt.

 

ISN-Geschäftsführer Detlef Breuer beleuchtete den aktuellen und zukünftigen Schweinemarkt. Er meint Im Osten geht die Sonne auf, denn der Markt macht´s – ob als Hälfte oder lebendig!. Gegenwärtig spüren die Schweinehalter eine Entlastung bei den Futtermittelkosten, die den Rückgang bei den Schlachtschweinepreisen in den letzten drei Wochen allerdings nicht kompensieren können. Angesichts von ca. 950.000 Wochenschlachtungen und ca. 100.000 lebend exportierten Schweinen habe Deutschland die 1 Mio. Schweine-Schallmauer je Woche durchbrochen. Dies stelle die Branche angesichts eines deutlich zugenommenen Angebotes und eines Rückgangs der inländischen Verbrauchernachfrage insgesamt vor neue Herausforderungen. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 110 % sei der Export von essentieller Bedeutung. Immerhin erfreuten sich die deutschen Schweinehalter noch der Preisführerschaft in Europa. Und dass sei auch dem zunehmendem Lebendexport von Schlachtschweinen in die benachbarten EU-Länder wie Österreich, Italien, Polen, Rumänien und die Slowakei zu verdanken. Im laufenden Jahr würden voraussichtlich über 3 Mio. Schweine lebend exportiert. Dies sind immerhin 6,5 % der Eigenerzeugung bzw. jedes 15. Schwein wird schon lebend exportiert.

 

Nach Einschätzung Breuers habe gerade dieses Ventil dafür gesorgt, dass sich der Schweinepreis in den letzten Wochen recht stabil präsentiert habe. Aufgrund des erneuten Preisrückgangs sei es zu einem größeren Marktungleichgewicht gekommen, was sich in zurzeit einer nochmals verstärkten Nachfrage, insbesondere aus Osteuropa niederschlage.

 

Herbert Dreckmann sieht dies kritisch und sieht darin eine vorübergehende Entwicklung. Der zunehmende Lebendexport sei für die deutsche Schlachtbranche eine neue Situation, mit der man bisher noch nicht konfrontiert worden sei. Einigen osteuropäischen Schlachtunternehmen fehlten angesichts des massiven Bestandsabbaus schlichtweg die Schlachtschweine und diese würden nun ihrerseits aktiv. Man müsse noch geeignete Strategien entwickeln, da man auch auf deren Märkten aktiv sei.

 

Die Wachstumschancen für die nordwestdeutsche Veredlungsregion stufte Breuer als gut ein. Die Schlachtbranche setzte auf weiteres Wachstum, was sich in geplanten weiteren 4 Mio. Jahresschlachtungen mit dem Ziel 60 Mio. (2009: voraussichtlich 56 Mio.) niederschlage.

 

Wie sich das wirtschaftliche Umfeld darstellt, erläuterte Dr. Albert-Hortmann-Scholten, Fachbereichsleiter bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Geschäftsführer der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch. Wachstum ohne Grenzen? Wunsch oder Wirklichkeit? Entwicklungsstrategien aus betriebswirtschaftlicher Sicht! Der Marktexperte empfahl anstatt nur mit dem Nachbarn mithalten zu wollen eine moderate Wachstumsstrategie, die eine Eigenkapitalausstattung von 50 % vorsehe, um die zunehmenden Tiefpreisphasen unbeschadet zu überstehen. Man dürfe die Augen vor dem Strukturwandel nicht verschließen. Die optimale Betriebsgröße leite sich u.a. auch von der Logistikkette ab. So müsse man in der Lage sein, ganze LKW zu beladen. Für die Ferkelerzeugung bedeute dies ca. 700 – 800 Sauen und in der Mast Bestände von 3.400 – 3.500 Mastschweinen pro Betrieb.

 

Dr. Hortmann-Scholten wies darauf hin, dass im neuen niedersächsischen Agrarinvestionsförderungsprogramm (AFP) die Ferkelerzeugung privilegiert gefördert werde. Für Sauenställe werde ein Zuschuss von 25 % gewährt. Immerhin 20 Mio. Euro von insgesamt 67 Mio. Euro Fördermittel seien für die Schweinehaltung vorgesehen. Ende Oktober/Anfang November sollen erste Anträge gestellt werden können. Anstatt des bisher angewendeten Windhundverfahrens werde es ein zweiwöchiges Antragsverfahren geben.

 

Zum Thema Ferkelkastration stellte Dr. Wolfgang Markert, Provimi B.V. Rotterdam/Niederlande erste Versuchsergebnisse zur Ebermast vor: Fütterungsversuche in der Ebermast! pecunia non olet - Geld stinkt nicht! Das Proteinwachstum der Eber erfolgt im Wesentlichen in der Endmast, in den letzten 81 Tagen. Damit einher geht auch eine bessere Futterverwertung: Eber 2,5 kg Futter je kg Zuwachs zu 3,2 kg Futter je kg Zuwachs bei Börgen, so dass sich eine Futterkostendifferenz von ca. 10 Euro je Tier ergebe. Dennoch hält es Dr. Markert für verfrüht, breit in die Ebermast einzusteigen. Dies rechne sich für den Landwirt nur, wenn es keine Preisabschläge für Eber gebe und auch Stinker nicht sanktioniert würden. Er stellte außerdem in Frage, ob sich die Ebermast für die gesamte Wertschöpfungskette rechne, denn Verbraucherreklamationen seien nicht auszuschließen. Es gelte, dass gute Verbraucherimage des Schweinefleisches aufrechtzuerhalten. Dem pflichtete Herbert Dreckmann bei. Die Risiken seien weit größer als die Chancen. Aus Sicht seines Unternehmens sei die Ferkelkastration mit Schmerzmitteleinsatz, wie sie auch QS vorschreibe, zurzeit der einzig praktikable Weg. Dennoch sollten weitere Anstrengungen unternommen werden, um die Problematik umfassend zu erforschen.

 

Das Thema Schweinegesundheit spielt eine immer größere Rolle. So berichtete Dr. Christian Seliger, Boehringer zur Ferkelqualität – Alles nur eine Frage der Genetik? Der Tierarzt empfahl, bei der Einstallung sich nicht ausschließlich aufs Gewicht zu konzentrieren, sondern auch auf das Alter sowie den Gesundheitsstatus zu verlagern. Nur so sei letztendlich eine wirksame Unterbrechung der Infektionskette möglich. Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang zur Vermeidung von Atemwegserkrankungen auch, ein abgestimmtes Produktions- und Hygienemanagement zu installieren: Versicherung oder Feuerlöscher seien die Handlungsalternativen. Damit einher gehen müsse auch eine individuelle an die Genetik angepasste Fütterung von Sauen und Ferkeln.

 

Veranstalter des Fokus Schwein sind die Bröring Unternehmensgruppe, Boehringer Ingelheim Vetmedica und die ISN.



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