27.01.2012 RSS Feed

Faktencheck Antibiotika: Was ist dran, was ist drin?

Blick in den Medikamenteschrank

Blick in den Medikamenteschrank

Die Diskussion um den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung bleibt rund um die Grüne Woche das bestimmende Thema. In der oft hitzig geführten Debatte geht es teilweise drunter und drüber. Aus landwirtschaftlicher Sicht ist das Ziel klar: So wenig Medikamenteneinsatz wie möglich, aber so viel wie nötig. Bekanntlich führen aber viele Wege nach Rom, so werden aktuell verschiedene Minimierungskonzepte und Reduktionsquoten diskutiert. Damit nicht Äpfel und Birnen miteinander verglichen bzw. nicht alles durcheinander geworfen wird, hat die ISN die wichtigsten Fakten zusammengestellt:

Worum geht es eigentlich genau?

Um Antibiotikarückstände im Fleisch? Eindeutig, nein!

Es wurden keinerlei Rückstände von Antibiotika in Fleischproben gefunden. Es geht in erster Linie um die Problematik der Resistenzbildung durch den generellen Einsatz von Antibiotika, also auch in der Humanmedizin.

Nicht erst seit dem medial aufbereiteten Fund von antibiotikaresistenten Keimen im Auftauwasser von Geflügelfleisch, werden beim Verbraucher Ängste geschürt. Zusammenhänge werden konstruiert, die zum größten Teil wissenschaftlich in keinster Weise belegt sind. So werden bevorzugt das Auftreten und die Auswirkungen von Krankenhauskeimen in Verbindung mit der Tierhaltung gebracht.

Es geht also darum, ob der Medikamenteinsatz in der Nutztierhaltung eine mögliche Resistenzbildung gegenüber Antibiotika, die in der Humanmedizin eingesetzt werden, beeinflusst. Unter dem Strich stellt sich die Frage ob durch den Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung die Wirksamkeit der Wirkstoffe in der Humanmedizin eingeschränkt wird.

Hier die Fakten:

Antibiotikaeinsatz: Wissen der Bevölkerung

Antibiotikaeinsatz: Wissen der Bevölkerung

1. MRSA und Krankenhauskeime


MRSA steht für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, also für Staphylokokkenbakterien, die gegen das Antibiotikum Methicillin resistent sind. Es gibt etwa 6.000 verschiedene MRSA-Erregerstämme. Die mit der Tierhaltung in Verbindung gebrachten Stämme sind nur ein kleiner Anteil dieser Gruppe und werden als la-MRSA (livestock associated MRSA) bezeichnet. Der weitaus größte Teil der MRSA-Erregerstämme hat seinen Ursprung in der Humanmedizin.


Sind es wirklich die landwirtschaftlichen Keime, die in Krankenhäusern zu Problemen führen?

In Studien konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass in erster Linie die Erreger aus der Humanmedizin für die besonders schweren Krankheitsverläufe bis hin zu Todesfällen verantwortlich sind und  nicht die Erreger aus der Tierhaltung.

Eine weitere Studie aus dem Sozialministerium Niedersachsen aus dem Mai 2011, bei der 4.900 neu aufgenommene Patienten in Krankenhäusern auf MRSA getestet wurden, ergibt folgendes:
Bei 131 Patienten (also 2,67 %) wurde MRSA nachgewiesen. Von diesen stammten nur 22 % aus dem Veterinärbereich. Bezogen auf die Gesamtzahl der 4.900 untersuchten Patienten sind das gerade einmal 0,5 %!

Die ISN meint:

MRSA-Infektionen sind ein ernstzunehmendes und nicht zu unterschätzendes Thema. Die Landwirtschaft als Haupteintragsquelle zu beschuldigen, ist allerdings, wie die Studien zeigen, in keinster Weise gerechtfertigt. Eine äußerst fragliche Sichtweise, wenn man in der Diskussion die Humanmedizin außen vor lässt.


Vergleich der Antibiotikaverbrauchsmengen in der EU (in mg Wirkstoff/kg Fleisch)

Vergleich der Antibiotikaverbrauchsmengen in der EU (in mg Wirkstoff/kg Fleisch)

2. Gibt es verlässliche Zahlen zum Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung?

Bislang nicht wirklich!  Es ist schwierig, verlässliche und vor allem vergleichbare Zahlen zu den Entwicklungen der Antibiotika-Verbrauchsmengen in der Tierhaltung zu finden. Der tatsächliche Einsatz der einzelnen Substanzen ist bislang schwer messbar. Die fehlende Datengrundlage bewirkt, dass aktuell Äpfel mit Birnen verglichen werden.
Die gesamten deutschen Verbrauchsmengen, die aktuell in den Medien gerne zitiert werden, stammen aus Stichprobenuntersuchungen der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) und sind mit Unsicherheiten behaftet.

Die europäische Agentur für Medizin veröffentlichte 2010 einen Vergleich der Antibiotikaverbrauchsmengen in Europa. (siehe Grafik). Grundlage der Auswertung des deutschen Verbrauchs waren die besagten Zahlen der GfK-Studie aus 2005. Der Verbrauch im Einzelland wird mit der produzierten Fleischmenge des Landes  ins Verhältnis gesetzt (mg Wirkstoff/kg Fleisch). Nach diesen Ergebnissen liegen die Niederlande und Frankreich bei den Verbrauchsmengen weit vorne, Deutschland im Mittelfeld und die skandinavischen Länder ganz am Ende der Rangliste.


Die ISN meint:

Das Problem ist jedoch wie so oft, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Ein Beispiel: In Deutschland wird der Wirkstoff Tetracyclin eingesetzt, in Dänemark hingegen Doxycyclin. Dieses gehört zwar zu der Gruppe der Tetracycline, wird jedoch mit einer halben Wirkstoffdosis eingesetzt. Daher sind die Gesamtverbräuche je kg Fleisch wesentlich geringer. Aussagen über die Anzahl bzw. die Häufigkeiten von Tierbehandlungen können anhand dieser Studie nicht getroffen werden. Auch eine Unterscheidung zwischen Tierarten ist nicht möglich.


Aufgrund der nicht vorhandenen vergleichbaren Datengrundlage spekuliert jeder, der sich in der Diskussion über einen gestiegenen oder gesunkenen Antibiotikaeinsatz äußert, vollkommen ins Blaue. Daher ist es zwingend erforderlich, den Einsatz messbar zu machen sowie die geforderte Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen.


3. Wie kann gemessen werden, wie viel Arzneimittel die Tierhalter einsetzen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Einsatz von Antibiotika zu bewerten. Für den Vergleich gibt es bislang keine standardisierte Berechnungsgrundlage. Immer wieder werden jedoch Parameter wie Behandlungstage oder Therapiehäufigkeit ins Feld geführt. Wie sind diese Parameter zu bewerten?


Der Parameter Behandlungstage bezieht sich auf die Tage, an denen ein Tier während seines Lebens bzw. während der Mastperiode antibiotisch behandelt worden ist.

Die ISN meint:

Auf der Grundlage dieses Parameters Reduktionsziele zu formulieren, wäre jedoch völlig kontraproduktiv. Denn gerade eine zu kurze Behandlungsdauer kann die Bildung von Resistenzen bekanntlich fördern.

Der Parameter Therapiehäufigkeit beschreibt, wie oft Tiere während eines Durchganges bzw. während eines Jahres antibiotisch behandelt wurden.

Die ISN meint:

Schon besser, aber auch hier spielt der Faktor Behandlungstage eine Rolle. Für einen Vergleich zwischen Betrieben ist dieser Index nur bedingt geeignet, da dieser bei der Wahl eines Wirkstoffes mit einer geringen Anzahl an Behandlungstagen wesentlich geringer ausfällt als bei einem Wirkstoff mit höherer Anzahl an Behandlungstagen. Zumal fraglich ist, wie bei diesem Parameter mit Kombiwirkstoffen verfahren wird.


Wichtig ist also nicht, die Behandlungsdauer einer einzelnen Therapie zu minimieren, sondern die Anzahl der nötigen Therapien zu senken. Hierfür muss ein vernünftiger Therapieindex gefunden werden, der den skizzierten Besonderheiten (verschiedene Wirkstoffe, Behandlungsdauer, etc.) gerecht wird.


Spitzen kappen, Durchschnitt senken!

Spitzen kappen, Durchschnitt senken!

4. Sinn und Unsinn von Reduktionsquoten?

30%, 50% oder 70% Reduktion von Antibiotikaeinsatz…wer bietet mehr? Pauschale Reduktionsforderungen sind wissenschaftlich - und vor allem aus Tierschutzgründen - nicht haltbar und daher nicht zielführend, sondern rein populistischer Natur.
Ein kleines Beispiel: Die Niederländer haben sich das Ziel gesetzt, bis 2013 insgesamt 50 % weniger Antibiotika einzusetzen als in 2009. Dieses Ziel wird gerne auch als Ansporn bei der Debatte in Deutschland angeführt. So weit, so gut: Ein kurzer Blick auf den europäischen Vergleich macht allerdings deutlich, dass die Niederländer aktuell wesentlich mehr einsetzen und mit diesem Reduktionsziel gerade mal auf deutsches Niveau kommen würden!


Fazit:

  • Es geht nicht um etwaige Antibiotikarückstände im Fleisch.
  • Es geht um eine mögliche Resistenzbildung gegenüber Antibiotika, die in der Humanmedizin eingesetzt werden und deren Wirksamkeit dadurch stark eingeschränkt werden kann.
  • In erster Linie sind die Erreger aus der Humanmedizin für die besonders schweren Krankheitsverläufe verantwortlich und nicht - wie in den Medien oft behauptet - die Erreger aus der Tierhaltung.
  • Eine pauschale Reduktionsquote, ohne zu wissen wo man aktuell wirklich steht, ist nicht zielführend (s. NL).
  • Der tatsächliche Einsatz von Antibiotika (nach Substanzklassen) in der Tierhaltung muss zunächst einheitlich erfasst werden. Nur dann kann er logischerweise messbar reduziert werden.
  • Landwirte müssen eine Vergleichsmöglichkeit haben, damit sie ihren betrieblichen Verbrauch im Vergleich zu Berufskollegen einschätzen können. Antibiotika-Vielverbraucher in der Tierhaltung können so identifiziert und beraten werden.
  • Eine einheitliche, vergleichbare Datengrundlage zum Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung ist zwingend erforderlich und von Wirtschaftsseite (QS) bereits in Arbeit.
  • Praxisnahe Minimierungskonzepte werden aktuell ebenfalls auf Länderebene diskutiert. Das niedersächsische Ministerium hat hier kürzlich einen praktikablen und durchdachten Ansatz vorgelegt.
  • Ohne Lösungsansätze in der Humanmedizin wird man das Problem jedoch nicht lösen können!

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