06.05.2004 RSS Feed

EU-Schweinemarkt – Quo vadis? – Ein Kommentar von ISN-Marktreferent Andreas Beckhove

Beckhoveskl Das Kapital für Investitionen muss aus der Wertschöpfungskette kommen
Deutschland ist kein Hochpreisland in Sachen Schweinefleisch. Die Schweinepreise auf den wichtigen europäischen Märkten bewegen sich auf nahezu einem Niveau. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die der europäische Schweinepreisvergleich der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Nord-Westdeutschland e.V. (ISN) gebracht hat.

Was hat der Schweinehalter oder auch der Schlachtbetrieb, sofern er es nicht schon wusste, von der Erkenntnis, dass die Schweinepreise auf den wichtigen europäischen Märkten sich auf nahezu einem Niveau bewegen? Sie zeigt dem Interessierten, dass durch die Euro-Einführung und auch durch die grenzübergreifende Konzentration der Schlachtbranche offensichtlich ein europäischer Binnenmarkt, ohne wesentliche Handelshemmnisse und Verzerrungen, entstanden ist.

Sicherlich gibt es nationale Besonderheiten, die in einigen Ländern vereinzelt zu höheren Schweinepreisen führen können. Dazu zählt beispielsweise Italien, das durch den Parmaschinken, der weltweit bekannt ist und exportiert wird, höhere Preise erzielt. Aktuell trifft dies ausnahmsweise nicht zu.
In Spanien und Portugal gibt es saisonale Preisschwankungen, die auf den Sommertourismus zurückzuführen sind. Jedes Jahr im Sommer tummeln sich Millionen von Urlaubern in Spanien, die natürlich auch ihr Schnitzel dort verzehren und so den Preis im Sommer hochtreiben.

Abgesehen von solchen Ausnahmen bewegt sich der Schweinepreis jedoch auf nahezu einem Niveau in Europa. Dies sollte auch von der Roten Seite so akzeptiert werden, um nicht unnötig Zeit damit zu verschwenden, über den Preis in Deutschland im Vergleich zu Holland oder Belgien zu diskutieren. Wenn hier größere Unterschiede vorlägen, dann würden innerhalb kürzester Zeit Unmengen von Schweinen lebend in das Land exportiert, in dem die höchsten Preise gezahlt werden. Die Rote Seite sollte sich darauf konzentrieren, im Verkauf an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) höhere Preise zu erzielen. Es kann nicht Aufgabe der Schweinehalter sein, die Defizite der Schlachtunternehmen im Verkauf an den LEH durch niedrige Erzeugerpreise auszubügeln.

Diese Erkenntnis hat sich kürzlich auch in der Schlachtbranche durchgesetzt und spiegelte sich in den Aussagen der Vertreter der großen Schlachtunternehmen auf den ISN-Strategie-Tagung Mitte März in Münster wider. So sagte der Vorstandsvorsitzende der Bestmeat Company, Dr. Uwe Tillmann, dass die Schlachtunternehmen zukünftig eine wertorientierte Absatzpolitik betreiben müssten. Letztendlich könne man nur das an die Mitglieder der Wertschöpfungskette Schweinefleisch verteilen, was der Verbraucher an der Kasse zahlt. Fleisch dürfe nicht mehr an der Ladentheke verramscht werden.

Dabei, da waren sich die Schlachtunternehmen und Erzeuger auf dem Podium einig, sind nicht die Discounter das Problem, sondern die großen Supermarktketten, die Schweinefleisch teilweise unter Einstandspreisen verkaufen. Das dann nicht mehr viel für die vorgelagerten Bereiche übrig bleibt, versteht sich von selbst. Auch muss das notwendige Kapital, das die Rote Seite ohne Zweifel für die unumgänglichen Investitionen braucht, aus dieser Wertschöpfungskette kommen und nicht aus dem Portemonnaie des Schweinehalters, wie es bei Westfleisch und Danish Crown der Fall ist.

Bei der Erkenntnis europaweit ähnlicher Auszahlungspreise ist aber ein weiterer Aspekt von Bedeutung. Wenn die Erlösmöglichkeiten EU-weit ähnlich sind, dann kann man sich leicht vorstellen, welche Länder letztendlich Marktanteile verlieren. Das sind die Länder, die die höchsten Produktionskosten haben. Die Produktionskosten hängen wiederum unmittelbar von den politischen Rahmenbedingungen ab, die durch nationale Alleingänge, wie sie die rot-grüne Regierung anstrebt, beeinflusst werden. Jede Auflage, die über die EU-Vorgaben hinausgeht, führt zwangsläufig zu einer Erhöhung der Produktionskosten und damit auch zu einer Wettbewerbsverzerrung.

So geschehen in Großbritannien und Schweden. In beiden Ländern haben sich im vergangenen Jahrzehnt durch höhere Tierschutzauflagen (höheres Platzangebot, keine Vollspalten, Strohhaltung etc.) die Produktionskosten deutlich erhöht. Die Folge war, dass in Großbritannien die Schweinebestände um fast 40% und in Schweden um fast 20% seit 1994 zurückgegangen sind. In Großbritannien ist der Selbstversorgungsgrad mittlerweile auf 51% gesunken. In Schweden hat diese Politik dazu geführt, dass das größte Schlachtunternehmen Schwedens, Swedish Meats, zu einem Übernahmekandidaten für Danish Crown geworden ist.

Wenn auch weiterhin der größte Teil des Schweinefleisches, das in Deutschland verzehrt wird, in Deutschland erzeugt werden soll, dann können wir der Bundesregierung nur empfehlen, ihre nationalen Alleingänge zu unterlassen. Von den 500.000 Arbeitsplätzen, die durch diese Politik gefährdet sind, muss dabei gar nicht gesprochen werden. Aber die Bundesregierung kann auch so weitermachen wie bisher und die spezialisierte Wertschöpfungskette Schwein, wie sie es schon bei der Legehennenhaltung vorgemacht hat, aus dem Land jagen. Aber vielleicht verfolgt unsere Regierung auch eine ganz andere Strategie. Ihr erklärtes Ziel, bis 2010 einen Ökoanteil von 20% bei der inländischen Landwirtschaft zu schaffen, könnte sie beim Schwein auch durch eine massive Verlagerung der konventionellen Schweinehaltung ins Ausland erreichen.



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