„Europas Schweinehaltung am Boden – Wer startet 2008 durch?“ - Kommentar von Ulrich Pohlschneider, ISN
Keine Frage, deutschen Schweinehaltern steht das Wasser bis zum Hals. Eine Situation, die viele Betriebe zwar aus vergangenen Jahren kennen, in der aktuellen Härte aber für alle ein Novum ist. Neben schlechten Erlösen sind es die hohen Futterkosten, die viele Betriebe innerhalb kürzester Zeit in den Ruin treiben. Dass dies kein spezifisch deutsches Problem ist, sehen wir an den vielen Meldungen, die uns aus dem Ausland fast täglich erreichen. Hier eine kleine Auswahl der
Wasserstandsmeldungenquer durch Europa.
Spanien:
Viele spanische Betriebe sehen sich derzeit gezwungen ihre Ferkel als sogenannte Milchferkel zu
verramschen. Viele Mäster können sich auf Grund der gestiegenen Futterkosten die Mast nicht mehr leisten. Die geschlachteten Milchferkel gelten insbesondere zu Weihnachten als Spezialität und werden bis dahin auf Eis gelegt.
Polen:
Polen war noch vor einigen Jahren eine rosige Zukunft in Sachen
Schweinvorausgesagt worden. Großinvestoren aus dem Westen planten riesige Anlagen, um von billigen Arbeitskräften und niedrigen Futterkosten zu profitieren.
Die Exportschwierigkeiten mit Russland und Strukturprobleme haben der polnischen Schweinebranche aber schwer zugesetzt, so dass zuletzt die Anzahl der belegten Sauen um 6,6 % zurückging und Polen seit Juni dieses Jahres wieder Nettoimporteur ist. 2008 wird ein weiterer deutlicher Rückgang der Produktion erwartet.
Als Reaktion auf die missliche Lage fordert die polnische Regierung nun die Bewilligung von Exporterstattungen durch die EU-Kommission.
Frankreich:
Der französischen Branchenvertretung FNSEA (Fédération Nationale des Syndicats d'Exploitants Agricoles) zufolge verlieren französischen Landwirte derzeit rund 30€ pro Schwein. Die Futterkosten betragen inzwischen Zweidrittel der gesamten Produktionskosten eines Schweins. Als Reaktion auf die prekäre Lage auf den Betrieben hat die französische Regierung ein eher symbolisches Hilfsprogramm in Höhe von 2,5 Mio. € erlassen. Es gewährt den betroffenen Betrieben Steuererleichterungen, damit die Betriebe die Durststrecke besser überstehen.
Dänemark:
Selbst die als besonders leidensfähig geltenden dänischen Betriebe beklagen die aktuelle Schieflage. Die dänische Branchenorganisation DPP beschreibt die aktuelle Situation als die Schlimmste seit 30 Jahren. Seit Mitte 1970 war das Verhältnis zwischen Futterkosten und Schweinepreis nicht mehr so ungünstig.
Niederlande:
Auch die niederländischen Betriebe leiden offensichtlich massiv unter den hohen Futterkosten. Die spezialisierte Branchenvertretung Nederlandse Vakbond Varkenshouders (NVV) hat jüngst in einer Pressemeldung Konsumenten und Einzelhandel dazu aufgerufen, höhere Preise zu zahlen. Andernfalls würde die Produktion weltweit massiv zurückgehen und die Schweinefleischpreise würden mittelfristig explodieren. Ähnlich wie in Deutschland lag in den Niederlanden zuletzt die Zahl der Schlachtsauen deutlich um 10 % über dem Vorjahresniveau.
Rumämien:
Entgegen den Erwartungen kann sich die Schweinehaltung in Rumänien derzeit überhaupt nicht weiterentwickeln. Nach den zahlreichen Schweinepestausbrüchen u.a. auch in Smithfield-Betrieben ist die Zahl der Sauen laut Aprilzählung um fast 20 % eingebrochen. Zusätzlich haben die Missernten im Land die Futterkosten explodieren lassen. Darüber hinaus wird damit gerechnet, dass bis 2010 etwa 30 % der Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe schließen müssen, da sie die EU-Standards bis dahin nicht werden erfüllen können.
Belgien:
Die belgische Vereniging Varkenshouders (VEVA) hat bereits im August den starken Anstieg der Futterkosten von damals 30 % im Vergleich zum Vorjahr beklagt. Seitdem sind die Preise weiter gestiegen. Dabei brachte die jüngste Viehzählung vom Mai dieses Jahres bereits einen Rückgang der Bestände von 1,1 % ans Tageslicht. In Belgien ist vor einigen Jahren ein System der Produktionsrechte eingeführt worden, dass dem in den Niederlanden sehr ähnlich ist. Ein Anstieg der Schweineproduktion ist hier somit nicht mehr zu erwarten.
UK:
Auf Grund der hohen Auflagen in der britischen Schweinehaltung sind die Produktionskosten ohnehin höher als bei uns. Durch die teuren Futtermittel steigen die Kosten nun auf sage und schreibe 2,16 €/ kg SG. Ein Verlust pro Schwein von 20 Pfund bzw. 30 € sind die Folge. Die britische National Pig Association (NPA) befürchtet ein Wegbrechen der nationalen Sauenherde um bis zu 90 % innerhalb eines Jahres, sofern sich das Preisniveau nicht bald bessert.
Ungarn:
Ungarische Schweinehalter planen Großdemonstrationen für Anfang November, in denen sie gegen hohe Futterpreise und
Billigimporteprotestieren. Seit Ende der 80er Jahre ist der ungarische Schweinebestand um 60 % auf rund vier Millionen zurückgegangen. Einige Experten befürchten durch die aktuelle Misslage sogar einen weiteren Rückgang auf nur noch 1,5 Mio. Schweine.
Österreich:
In Österreich erwartet man zwar auch für das vierte Quartal noch einen höheren Anfall an Schweinefleisch, doch bereits im ersten Halbjahr 2008 wird bereits ein deutlicher Rückgang der Bruttoeigenerzeugung um rund 3,2 % erwartet. Gemäß der Aussage eines österreichischen Agrarreferenten bekamen Ferkelerzeuger im Schnitt der letzten fünf Jahre 62 Euro pro Ferkel. Aktuell sind es noch 39 Euro für ein gut 30-kg schweres Ferkel.
Die österreichische Landwirtschaftliche Kammer fordert deshalb eine Verlängerung der angelaufenen PLH und auf Grund des starken Euros die Einführung von Exporterstattungen. Hoffnungsvoll stimmt die Branche in Österreich die Aussicht auf einen Rückgang der Produktion in 2008 sowie der anstehende Nachfrageschub durch die Fussball-EM mit geschätzten 2 Mio. Übernachtungen allein in Österreich.
Tschechien:
Die tschechische Absatzgenossenschaft der Fleischproduzenten, Centroodbyt, hat Demonstrationen vor dem Landwirtschaftsministerium in Prag angekündigt, wenn nicht rasch Beihilfen für die Schweinehalter beschlossen werden. Die Kosten für die Mast schätzt die Organisation derzeit auf 1,28 bis 1,36 € pro kg Lebendgewicht. Erlöst werden lediglich 1,03 €. Bereits für 2007 erwartet das tschechische Statistikamt einen Rückgang des Selbstversorgungsgrads auf nur noch 75 %. Schon im Frühjahr hatten tschechische Landwirte geplant, den Grenzübergang zu Österreich zu blockieren. Ausgelöst wurde dies durch den deutlichen Verkaufsrückgang tschechischen Fleischs bei den Lebensmittelketten im eigenen Land, bedingt durch zunehmende Importe aus Österreich.
Irland:
Ein durchschnittlicher irischer Schweinehalter verliert derzeit 15 € pro Schwein bzw. 3000 € pro Woche, beklagt die Irish Farmers Association (IFA). Die Futterkosten seien im Vergleich zum Vorjahr um 100 € pro Tonne angestiegen und werden viele Betriebe zur Aufgabe zwingen. Ein leitender Vertreter der irischen AIB Bank schätzt, dass ca. 30 % der Betriebe im Laufe des kommenden Jahres auf der Strecke bleiben.
Für die gebeutelten deutschen Schweinehalter ist die Erkenntnis, dass es EU-weit vielen Betrieben mindestens genauso schlecht geht, nur ein schwacher Trost. Trotzdem liegt in jeder Krise auch eine Chance. Deutsche Betriebe haben auch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie vergleichsweise krisenfest sind und Preistäler überstehen können.
Derzeit mehren sich die Zeichen, dass insbesondere die Osteuropäer die Verlierer dieser Krise sein werden. Denn dort gibt es noch sehr viele Klein- und Kleinstbetriebe, die in den nächsten Jahren aussteigen werden. So erwartet die niederländische NVV beispielsweise bis Mitte 2008 in Polen einen Rückgang der Sauenherde von mehr als 15 % auf dann 1,5 Mio. Zuchtsauen. Die oft angeführten Vorteile wie Arbeitskosten, Baukosten, Futterkosten werden durch Nachteile wie Leistungsdefizite in der Schweinehaltung aber auch im vor- und nachgelagerten Bereich schnell aufgezehrt. Darüber hinaus sind die Schweinehalter dort oftmals nicht in der Lage, ihre Preisvorstellungen entsprechend durchzusetzen.










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