Dirscherl: Vermenschlichung der Tiere gefährdet Kultur der Mitmenschlichkeit

Aus kirchlicher Perspektive ist das Thema Tierschutz von zwei Extrempolen geprägt: einerseits dem rationalen protestantischen Wirtschaftsdenken, welches das Tier ausschließlich zum Nutzen des Menschen einsetze, andererseits aber auch der extremen Tierschutzvariante, die Tiere als Mitgeschöpf auf die Entwicklungsstufe der Menschen setzt.
Das hat der Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Hohebuch, Dr. Clemens Dirscherl, eingangs dessen Wintertagung deutlich gemacht, die sich mit dem Thema Tierschutz in der Landwirtschaft und damit mit der breiten Palette der Reizbegriffe für die landwirtschaftliche Nutztierhaltung wie Tierhaltungsverordnungen, Stall-TÜV, Arzneimittelaufzeichnungen, betäubungslose Ferkelkastration und Käfighaltung befasste. In einem Grundkurs der ethologischen Tierschutzdebatte zeigte Prof. Werner Bessei, Direktor des Instituts für Nutztierethologie an der Universität Hohenheim, laut Bauernwerk auf, wie das natürliche Verhalten von Tieren aus wissenschaftlicher Sicht erforscht wird, um eine möglichst tiergerechte Haltung zu erreichen.
Tierschutz werde je nach Kulturkreis unterschiedlich gesellschaftlich wahrgenommen: So würden Stierkämpfe, Hahnenkämpfe oder die Fuchsjagd nach tradierten Werten als Kulturgut oder als Tierquälerei erfahren. Bestes Beispiel sei das Halten von Kühen in Anbindehaltung, wie es während der Wintermonate in der Berglandwirtschaft jahrhundertelange Tradition war, heute jedoch im modernen Tierschutz als nicht tiergerecht eingestuft werde. Um dazu Anhaltspunkte zu bekommen, müssten das natürliche Verhalten und Empfinden von Tieren gemessen und auf objektiver Datenlage eingeordnet werden. Dabei trete jedoch immer wieder das individuelle Empfinden des menschlichen Betrachters je nach eigenem Kulturkreis hervor, was als „tiergerecht“ wahrgenommen werde.
Aus Sicht der Verhaltenskunde gehe es darum, das Tier im Spannungsfeld zwischen Wohlbefinden und Leid zu erfassen. Wie bei den Menschen gebe es nicht nur gute Erfahrungen, sondern auch Schmerzzustände. Die moderne Nutztierhaltung in der Landwirtschaft müsse eine Nettobilanz zwischen positiven und negativen Eindrücken aus Sicht des Tieres berücksichtigen. Durch die moderne Intensivtierhaltung habe sich der Tierschutzgedanke breit in der Landwirtschaft und der gesellschaftlichen Meinung verankert, so dass immer stärker positive Reizanreicherungen als Ziel gesetzt würden. Deutlich werde dies am Beispiel der Legehennenhaltung:
Das Huhn im Käfig erlebe definitiv weniger Frustration als der Mensch, der dies aus seiner Warte sehe. Umgekehrt müsse man sich fragen, wie Menschen in riesigen Siedlungen oder in Gebieten des Massentourismus freiwillig gegen Geld subjektiv Wohlbefinden erleben würden, wenn der distanzierte Betrachter auch dies als „schrecklich“ wahrnehme. Prof. Bessei warnte ausdrücklich davor, das Verhältnis zum Tier zu emotionalisieren: Es sei ein empfindsames Mitgeschöpf, das aber nicht neben, sondern unter dem Menschen stehe. Ansonsten bestünde die Gefahr, das Tier zu vermenschlichen, womit die Kultur der Mitmenschlichkeit gefährdet werde.










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