28.03.2008 RSS Feed

Dänische, belgische, niederländische und deutsche Schweinehalter verzweifelt: „steigende Futtermittelpreise, restriktive GVO-Zulassungspolitik der EU und Schlachtoligopol vernichten bäuerliche Existenzen“ - 70 Euro Ferkelpreis und 2 Euro/kg Schlachtschwei

Vtk Nederlandse Vakbond Varkenshouders (NVV), Danske Svineproducenter (DSP), Vereniging Varkenshouders (VEVA) und ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) diskutieren Maßnahmenkatalog zur Krisenbewältigung am europäischen Schweinemarkt – Mittelfristig keine signifikanten Schweinebestandsveränderungen zu erwarten – Fragen zur Tiergesundheit und EU-Gesetzgebung zur Schweinehaltung auf der Agenda

(ISN Hardenberg/NL) Zu einem zweitägigen Spitzengespräch trafen sich am Dienstag und Mittwoch dieser Woche sechzehn Vertreter der Interessenvertretungen der Schweinehalter aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und Belgien in Hardenberg in den Niederlanden. Ein deutliches Zeichen, wie ernst es zurzeit um den Schweinemarkt bestellt sei, so Wyno Zwanenburg, Vorsitzender der gastgebenden Schweinehalterorganisation.

Die vier Verbände stimmen in ihrer Sorge über die desolate Situation am Schlachtschweinemarkt überein. Angesichts des Anstiegs der Getreidepreise binnen Jahresfrist um bis zu 90 % und dem Machtmissbrauch der großen europäischen Schlachtunternehmen ständen die Schweinehalter im nordwesteuropäischen Raum mittlerweile mit dem Rücken zur Wand, so der übereinstimmende Tenor der Interessenvertretungen. Obwohl die Erzeugerpreise in Belgien, Dänemark, Holland und Deutschland im vergangenen Jahr ca. 10 % unter Vorjahresniveau gelegen hätten, habe der Verbraucher davon nicht profitiert, stellte Zwanenburg fest. Dies sei ein Skandal und zeige, wie schamlos die großen Schlachtunternehmen, Verarbeiter und der Lebensmitteleinzelhandel ihre Marktmacht auf Kosten der Verbraucher und Landwirte missbrauchen. Die NVV habe deshalb über die niederländische PVE (Productschap Vee, Vlees en Eieren) Anfang März bei der Eu-Kommission eine europaweite Überwachung der Margenverteilung in der Wertschöpfungskette Schweinefleisch eingefordert.

Um den immens gestiegenen Futtermittelkosten Rechnung zu tragen bzw. auch nur annähernd kostendeckend zu produzieren, müsste ein deutsches Ferkel (28 kg Lebendgewicht) ca. 70 Euro erlösen, so Detlef Breuer. Davon sei man jedoch zurzeit meilenweit entfernt, denn pro Ferkel mache ein Sauenhalter derzeit einen Verlust von 25 Euro. Für einen Haupterwerbsbetrieb mit 200 Sauen ergebe sich so ein monatlicher Gesamtverlust von rund 10.000 Euro.

Und damit die Schweinemäster den Ferkelerzeugern diesen Preis auch bezahlen können, wäre für die deutschen Schweinehalter ein Preis von 2,00 Euro je kg Schlachtgewicht erforderlich, stellte ISN-Vorstand August Rietfort fest. Doch davon sei man noch über einen halben Euro entfernt und es sei kein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

In den großen Schweinehaltenden Ländern sei mittelfristig wider Erwarten nicht mit einem spürbaren Bestandsrückgang zu rechnen, der den Markt entsprechend entlasten könnte. Vielmehr würde die Reduzierung der Sauenbestände um maximal bis zu 5 % durch den enormen Zuchtfortschritt, d.h. mehr geborene Ferkel pro Sau und Jahr, weitestgehend kompensiert, meinte Torben Poulsen, Vorsitzender der Danske Svineproducenter. Die EU rechnete sogar für das erste Halbjahr 2008 gegenüber dem Vorjahr mit einen um 0,3 % höheren Schweinebestand.

EU-weit rechnen Branchenkenner auf Grund der zu niedrigen Preise langfristig jedoch mit einem weiteren Rückgang der Schweinefleischerzeugung, wie er sich aktuell bereits massiv in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten abzeichne. Für eine schnelle Preiserholung wäre neben dem bisher kaum spürbaren Angebotsrückgang auch ein Anstieg der Exporte aus der EU erforderlich, stellte Kristof Verschelde von der VEVA fest. Hier bereitet allerdings das weitere Erstarken des Euro, der die Exportmöglichkeiten spürbar behindere, Kopfzerbrechen.

Deshalb ruhten die Hoffnungen der führenden europäischen Schweinefleisch-exportnationen zur Trendwende am Schweinemarkt hauptsächlich im Export. Der Weltmarkt sei schon in der Vergangenheit für so manche Überraschung gut gewesen, sagte Hans Aarestrup. Die Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz in diesem Sommer, die Beilegung des polnisch-russischen Fleischkonfliktes und die Olympiade in China sprächen eher für eine steigende Binnen- und Exportnachfrage.

Zunehmend besorgt zeigten sich die Erzeuger auch über die Entwicklungen am Getreide- und Sojamarkt. Neben der globalen Verteuerung dieser Produkte sorge die EU-Kommission durch höhere Importzölle und ihre restriktive Haltung im Zusammenhang mit der Gentechnik dafür, dass sich das Problem der hohen Futterkosten weiter verschärfe und den europäischen Schweinehaltern Wettbewerbsnachteile entstünden, stellte Franz Schulze Tenkhoff für die ISN fest. Hier gelte es, durch die EU-Kommission schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen, um bei den Futtermittelkosten die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Die unglücksselige Null-Toleranz-Diskussion müsse endlich ein Ende haben, zumal das Fleisch mit GVO-Futtermitteln (Gentechnisch veränderte Organismen) gefütterter Tiere ohne weiters aus den USA, Brasilien oder Argentinien in die EU importiert werden.

Außerdem wurden diverse Fragen zum Thema Schweinegesundheit, wie z.B. die betäubungslose Ferkelkastration, der niederländische AK-Status (Aujeszkysche Krankheit), die jeweilige nationale Salmonellensituation und die Nahrungsmittelketteninformation, diskutiert. Mit Blick auf den angestrebten AK-10-Status (frei von der Aujeszkyschen Krankheit) der Niederlande berichtete Zwanenburg weiter, dass dieser trotz intensiver Bemühungen frühestens Anfang 2009 realisiert werden könne. Die Niederländer gehen dann davon aus, dass ca. weitere 650.000 – 700.000 Ferkel jährlich nach Deutschland exportiert werden könnten, was einem Anstieg der niederländischen Ferkelimporte nach Deutschland im nächsten Jahr um 25 % auf dann insgesamt 3,1 Mio. entspräche. Diese Tiere stammten im Wesentlichen aus Betrieben um die 200 gehaltenen Sauen, für die die durch den niederländischen AK-Status bedingten Exportrestriktionen bisher eine zu hohe bürokratische und finanzielle Restriktion darstellten. Mark Logtenberg bezifferte die Untersuchungs- und Verwaltungskosten mit ca. 1,50 – 2,00 €/Ferkel.

Selbstverständlich durfte auch eine intensive Diskussion der politischen Rahmenbedingungen nicht fehlen. Hier standen die Tiertransportverordnung, die von der EU vorgeschriebene Gruppenhaltung von Sauen und der Health Check im Fokus.

Die ISN vertritt mit 12.000 Mitgliedern rund 70 Prozent der deutschen Schweineproduktion, die DSP etwa 1.600 Schweinehalter und damit ca. zwei Drittel der dänischen Schweineproduktion. Die NVV zählt ca. 3.000 Mitglieder und nimmt die Interessen von 60 Prozent der niederländischen Schweineproduktion wahr. Die VEVA hat 1.200 Mitglieder und repräsentiert ca. 20 Prozent des belgischen Schweinemarktes. Traditionell treffen sich die Interessenvertretungen zweimal im Jahr, um sich bezüglich der politischen Rahmenbedingungen und Fragen des Schlachtschweinemarktes abzustimmen. Das nächste Treffen ist bereits für den November dieses Jahres im Vorfeld der Agrarfachmesse Agromek in Herning in Dänemark geplant.

Für die NVV nahmen Wyno Zwanenburg, Leo Verheijen, Mark Logtenberg, Erwin van de Wielen, Harry Bloemenkamp sowie von der niederländischen Rabo-Bank Jeroem Verver, für die DSP Torben Poulsen und Hans Aarestrup, für die VEVA Kristof Verschelde, Bart Mouton, Ludo van Dobbels sowie Luc van Puymbroek und für die ISN Anna-Kathrin Hertrampf, August Rietfort, Franz Schulze Tenkhoff und Detlef Breuer an dem zweitägigen Workshop teil.

Die Tagung fand im Büro der De Groene Belangenbehartinger, der wirtschaftlichen Tochtergesellschaft der NVV Zentrum von Hardenberg statt. Das Büro hat De Groene Belangenbehartinger erst im November letzten Jahres bezogen. Dort arbeiten 18 Mitarbeiter im Bereich Gülleverwertung, Energie, Flüssiggas, Qualitätssicherung (IKB Nederland), Rechtsauskunft, Marktberichterstattung und Datenauswertung für die verschiedensten Bedürfnisse der Schweinhalter, wie z.B. Preisvergleiche oder demnächst eine Salmonellendatenbank, die für detaillierte, individuelle Einzeltierschlachtkörperauswertungen erweitert werden soll.

Kontakt:
Katja Ahnfeldt
ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V.
Kirchplatz 2
D - 49401 Damme
Tel. 0 54 91 / 96 65 – 11
Fax: 0 54 91 / 96 65 - 19
E-Mail: ahnfeldt@schweine.net


Foto: v.l. Harry Bloemenkamp (NVV), Detlef Breuer (ISN), Anna-Kathrin Hertrampf (ISN), Jeroen Verver (Rabo Bank), August Rietfort (ISN), Erwin v/d Wielen (NVV), Kristof Verschelde (Veva), Leo Verheijen (NVV), Franz Schulze Tenkhoff (ISN), Torben Poulsen (DSP), Wyno Zwanenburg (NVV), Hans Aerestrup (DSP), Mark Logtenberg (NVV), Bart Mouton (Veva)

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