08.03.2007 RSS Feed

"Bioethanolproduktion – die Kehrseite der Medaille" – Kommentar von Fritz-Jürgen Gerke, ISN-Beiratsmitglied

6473 Vorab möchte ich betonen, dass ich die Erzeugung von Bioenergie grundsätzlich als einen Beitrag der Landwirtschaft zum Klimaschutz sehe. Mit Bioenergie kann unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringert werden. Vor allem die Verwertung biogener Rest- und Abfallstoffe über Biogasanlagen erscheint mir langfristig sehr sinnvoll zu sein.

In Regionen mit einer hohen Veredlungsdichte wie z.B. Westfalen-Lippe und Oldenburger Münsterland steht die Bioenergieerzeugung allerdings in Konkurrenz zur dortigen Schweinehaltung. Bundes- und sogar europaweit liegt Niedersachsen bei der Biogaserzeugung mittlerweile an der Spitze. Auf rund acht Prozent der Ackerflächen werden hier derzeit Energiepflanzen angebaut – Tendenz steigend.

Neben Biogasanlagen wird jedoch auch in Deutschland die Erzeugung von Bioethanol in Großanlagen immer populärer. So will z.B. die Agravis, eine der größten Genossenschaften Deutschlands, in den nächsten Jahren in Bülstringen in Sachsen-Anhalt direkt am Mittellandkanal eine Bioethanolanlage mit einer Kapazität von rund 200.000 Kubikmetern pro Jahr erstellen. Die für die Anlage benötigten Rohstoffe soll dem Vernehmen nach das dortige genossenschaftseigene Getreidelager liefern, das eine Kapazität von rund 550.000 Tonnen hat. Hierfür ist eine Getreideanbaufläche von mehr als 50.000 Hektar nötig.

Investitionen dieser Art werden den auf dem Getreidemarkt bestehenden Druck erheblich verstärken und dafür sorgen, dass die Futtermittelpreise weiter ansteigen. Dies wird auch auf die Pachtmärkte durchschlagen, was vorrangig sicherlich die Landwirte in den klassischen Veredlungsgebieten betreffen wird. Denn hier sind die Pachtpreise ohnehin bereits völlig überzogen und müssen theoretisch von der Veredlung mitfinanziert werden - obwohl diese den dafür nötigen Ertrag schon lange nicht mehr abwirft.

Diejenigen Landwirte, die eine große Chance darin sehen, ihr Getreide langfristig an Anlagen dieser Art zu vermarkten, sollten hingegen auf der Hut sein. Denn bei langjährigen vertraglichen Bindungen mit Preisabsprachen könnten sie unversehens diejenigen sein, die das Preisrisiko tragen – zur Freude der Betreiber.

Mit Sorge sehe ich aber vor allem, dass Vorhaben dieser Größenordnung staatlich hoch subventioniert in erheblichem Maße in bestehende Märkte eingreifen. Speziell der Schweinemarkt, der sich über Jahrzehnte ohne staatliche Subventionierung entwickelt hat, wird mächtig durcheinander gewirbelt werden und kaum mithalten können. Mir scheint, dass die Politiker, die nicht nur bundes-, sondern weltweit mit Feuereifer die Subventionierung von Bioenergie betreiben, die Auswirkungen auf bestehende Märkte völlig unterschätzten. Den Unternehmen, die derartige Anlagen erstellen, können wir hingegen kaum vorwerfen, dass sie ihre Investitionen entsprechend der politischen Rahmenbedingungen ausrichten. Das ist unternehmerisches Handeln, und dass müssen wir Schweinehalter auch anderen Marktbeteiligten zubilligen.

Daher appelliere ich an die Politiker, bei der Subventionierung der Bioenergie künftig mit mehr Augenmaß vorzugehen. Gefordert sehe ich die Politik aber auch, wenn es darum geht, mit Nachdruck Energieeinsparmöglichkeiten einzufordern. So ist es längst überfällig, dass die Automobilbranche klare Vorgaben bekommt, sparsamere Motoren zu entwickeln und so ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Die Erzeugung von Bioethanol ist übrigens auch für Prof. Dr. Wilhelm Windhorst von der Hochschule Vechta am Standort Mitteleuropa nur mit hohen staatlichen Subventionen rentabel möglich - auch bei deutlich höheren Erdölpreisen. Die Standorte USA und Brasilien, wo Bioethanol bisher schwerpunktmäßig erzeugt wird, sind geeignete Gebiete für diese Technologie, denn dort sind im Gegensatz zu Mitteleuropa genügend Rohstoffe verfügbar.

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