"Bioenergiepolitik auf ihre gesamtwirtschaftliche Nachhaltigkeit prüfen" – Gastkommentar von Ulrich Niemann, DVT (Bonn)
Der Bioenergiesektor boomt. Geradezu euphorisch weisen Politik und landwirtschaftliche Organisationen immer wieder auf das Potenzial der nachwachsenden Rohstoffe hin und das Bild des Landwirts als Energiewirtist längst zum geflügelten Wort geworden. Sicherlich sind die Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren und Monaten als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen.
Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Entwicklungen nicht aus dem Markt heraus entstanden sind, sondern durch entsprechende Maßnahmen seitens des Gesetzgebers massiv gefördert wurden. Generell ist gegen die energetische Verwertung von pflanzlichen Rohstoffen nichts einzuwenden – insbesondere wenn es sich um Rohstoffe handelt, die weder für die menschliche noch für die tierische Ernährung geeignet sind.
Wenn jedoch durch eine einseitige Förderpolitik Investitionen innerhalb der Landwirtschaft umgeschichtet werden mit der Folge, dass dem Futtermittel- und Nahrungsmittelsektor Rohstoffe entzogen werden, der Tierhaltung dadurch höhere Kosten entstehen und der Veredlungssektor damit insgesamt geschwächt wird, ist dies mehr als problematisch!
Gerade in viehstarken Regionen sehen wir mit Sorge, dass mehr und mehr Mais für Biogasanlagen angebaut wird. So hat sich die Anbaufläche für Mais zur Biogasnutzung zur Ernte 2006 in Deutschland gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt: knapp 140.000 ha Mais - mehr als acht Prozent der Maisanbaufläche - wurden für die Energiepflanzenprämie oder als Stilllegungsfläche gemeldet. Da Energiemais auch auf Flächen angebaut wird, auf denen keine Prämie in Anspruch genommen wird, dürfte das tatsächliche Anbauausmaß sogar noch größer sein.
Neben dem obligatorisch kalkulierten Flächenbedarf zur Betreibung von Biogasanlagen kommt in diesem Jahr verschärfend hinzu, dass der tatsächliche Ernteertrag auf den jeweiligen Flächen weit unter dem üblichen Ertragsniveau liegt und derzeit verstärkt Mais und auch andere Futterpflanzen bis hin zum Getreide massiv von Biogasanlagenbetreibern zugekauft werden. Eine zusätzliche Verknappung der Futtermengen sowie empfindlich gestiegene Kosten für Futterbau- und Veredelungsbetriebe sind die Folge. Auch die Mischfutterwirtschaft muss im Extremfall mit einer Verknappung der heimischen Rohstoffe rechnen.
Bei aller verständlicher Euphorie in der Landwirtschaft und in der Politik für die Förderung der nachwachsenden Rohstoffe, ist es Zeit, die derzeitige Bioenergiepolitik auf ihre Konse-quenzen für andere Betriebszweige und im Hinblick auf ihre gesamtwirtschaftliche Nachhal-tigkeit neu zu bewerten. Im Extremfall werden wir sonst in Zukunft unsere Futtermittel und Lebensmittel tierischen Ursprungs importieren, während unsere heimische Landwirtschaft den Energiesektor bedient. Dies kann kaum im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaftspolitik sein.
Im Bild: Ulrich Niemann, ehemaliger Präsident des Deutschen Verbands Tiernahrung mit Sitz in Bonn, während der DVT-Jahrestagung am 14. September 2006 in Hannover










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