08.12.2006 RSS Feed

"Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration in weiter Ferne" – Kommentar von ISN-Beiratsmitglied Heinrich Dierkes

6493 Das betäubungslose chirurgische Kastrieren von Ferkeln ist bei uns bis zum 7. Lebenstag der Tiere erlaubt. Diese Vorgabe geht den Niederländern allerdings nicht weit genug. Sie fordern EU-weit ein völliges Verbot des betäubungslosen Kastrierens ab 2009. Die EU-Kommission will nun Ende Januar mögliche Alternativen erörtern. Hierzu zählen die so genannte Immunokastration, eine genetische Selektion geruchsfreier Eber (Spermasexing oder Unterdrückung des männlichen Y-Chromosoms) oder ein Androstenontest am Schlachtband. Das Kastrieren mit Betäubung soll dem Vernehmen nach kein Hauptthema sein.

Die Immunokastration ist derzeit in Deutschland nicht zugelassen, jedoch in Australien und Neuseeland. Bei dieser Methode wird männlichen Schweinen zweimal ein so genanntes Hormonanalogon injiziert. Dadurch bildet das Schwein Antikörper gegen das eigene Gonadotropin Releasing Hormon (GnRH), das bei männlichen Tieren den Ebergeruch des Fleisches hervorruft.

Diese Impfung sehe ich sehr kritisch, weil sie für die Anwender nicht ungefährlich ist. So steht auf dem Beipackzettel des in Australien zugelassenen Mittels, dass es Frauen im gebärfähigen Alter überhaupt nicht anwenden dürfen. Sofern sich männliche Anwender einmal versehentlich selbst damit spritzen, dürfen sie das Mittel nicht wieder anwenden. Denn es hat im menschlichen Körper ja die gleiche Wirkung wie bei Ferkeln. Obwohl die Wirkung bei Menschen nach drei Monaten vorbei sein soll, müssen wir angesichts dieser Nebenwirkungen sehr vorsichtig sein.

Auch wenn es sich bei dem Impfstoff nicht um ein Hormon, sondern um ein Hormonanalogon handelt, dass keine hormonelle Wirkung haben soll, müsste genau geklärt werden, wie der Markt und die Verbraucher reagieren würden, sollte diese Methode in Deutschland zum Einsatz kommen. So hat in Deutschland z.B. vor Jahren der geplante Einsatz des Hormons BST (Somatotropin), das bei Kühen zur Steigerung der Milchleistung führt, heftige Diskussionen ausgelöst. Im Ergebnis ist der Einsatz von BST EU-weit verboten.

Ob die Selektion geruchsfreier Eber oder ein Androstenontest am Schlachtband eine echte Alternative ist, steht derzeit noch völlig in den Sternen. Die EU will von 2007 bis 2009 ein Projekt über die Alternativen der betäubungslosen Kastration durchführen. Ob danach überhaupt brauchbare Ergebnisse vorliegen, die eine sachgerechte politische Entscheidung erlauben, müssen wir erst einmal abwarten, denn der Forschungsbedarf ist insgesamt noch enorm. Wir stehen erst am Anfang.

Die Kastration mit vorheriger Betäubung wird in der Schweiz und in Norwegen praktiziert. Diese Methode ist für uns dennoch keine Alternative, weil sie die Schmerzen der Ferkel unterm Strich nicht lindert. Das hat eine Studie der Universität München eindeutig ergeben. Veterinärmediziner haben hier u.a. untersucht, ob sich das Kastrieren mit vorheriger Betäubung im Vergleich zum betäubungslosen Kastrieren bei den Tieren unterschiedlich auf den Blutgehalt des Stresshormons Kortisol auswirkt.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass die Schmerzen, die durch das Betäuben selbst entstehen, mit denen beim Kastrieren vergleichbar sind. Eine Folge des Betäubens wären außerdem höhere Erdrückungsverluste bei den Ferkeln, weil die Reaktionsfähigkeit der Tiere durch die Betäubung längere Zeit stark eingeschränkt wird.

Die Niederländer haben Anfang des Monats in Brüssel signalisiert, dass sie im nationalen Alleingang keine Entscheidungen zum betäubungslosen Kastrieren treffen wollen. Da im neuen niederländischen Parlament inzwischen allerdings auch eine Tierschützerpartei vertreten ist, bleibt abzuwarten, welche Vorstöße von dieser Seiten noch kommen werden.

Das Schlimmste, was uns passieren kann, sind emotional geprägte politische Schnellschüsse. Diese erweisen sich im Nachhinein oft als falsch und können kaum noch revidiert werden.

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