"14. Novelle des Arzneimittelgesetzes und die Prioritäten der Politik" – Gastkommentar von Peter Hahne
Peter Hahne ist u. a. seit 1999 Moderator des Politmagazins Berlin direktund Stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, seit 1996 Kolumnist der
Bild am Sonntag(mit 12 Millionen Lesern - größte Sonntagszeitung Europas) und seit 1992 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem höchsten Leitungsgremium der EKD.
Wer wissen will, was unseren Politikern wirklich wichtig ist, was sie umtreibt und weder ruhen noch rasten lässt, der sollte in den nächsten Wochen besonders aufpassen. Dem Ergebnis dieser regierungsamtlichen Sorge wird sich wohl niemand entziehen können, trägt es doch dazu bei, künftig aus jedem TV-Werbeblock eine Loriot-Lachnummer zu machen.
Anlass ist die
14. Novelle des Arzneimittelgesetzes, wie es im Berliner Bürokraten-Deutsch heißt. Die soll uns einen neuen Warnhinweis bescheren. Endlich hält dann die Gleichstellung von Mann und Frau auch auf dem Pillenröhrchen Einzug. Politisch korrekt und geschlechtergerecht wird es dann heißen:
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage, holen Sie ärztlichen Rat ein und fragen Sie Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker.
Garantiert werden hochbezahlte Ministerial/innen, Gutachter/innen und Sprachschöpfer/innen an dieser Formel gebastelt und lange darüber gegrübelt haben, ob nun Ärzte oder Apotheker in die weibliche Form gebracht werden.
Dabei hatten wir uns an den alten Satz so herr-lich gewöhnt – und die Werbesprecherinnen und Werbesprecher bewundert, mit welcher Schallgeschwindigkeit sie diese Formel herunterrattern können. Ab jetzt wird also geschlechterspezifisch gerattert. Toll!
Dieses
Gedöns, wie Gerhard Schröder frauenpolitische Themen früher abzukanzeln pflegte, kostet uns Millionen. So hat das Bundesverwaltungsamt eine Checkliste ersonnen, nach der die Wortwahl per Statistik festgelegt wird. Amtlich natürlich.
Demnach ist
Sprayerkorrekt, weil Graffiti
nach Datenlagevorwiegend Männerwerk sind. Zu den Fixern müssen allerdings die Fixerinnen kommen, weil die Datenlage zeigt:
Mädchen und Jungen fixen gleichermaßen.
Ich warte nur darauf, dass die heilige Bürokratia uns unter Androhung von Gesinnungshaft verbietet, in Mannheim nach Genuß eines Holfällersteaks einen Jägermeister zu bestellen.
Vorfahrt hat, was Arbeit schafft, mahnte Bundespräsident Horst Köhler. Damit meinte er bestimmt keine Planstellen für Sprachpolizisten. Ganz abgesehen davon, dass ich die verordnete Verhunzung unserer gewachsenen Sprache für Blödsinn halte: Bei 5,2 Millionen Arbeitslosen und Heerscharen von Frauen am Existenzminimum gibt es für die Politik wahrhaft wichtigere Probleme, als gutdotierte Akademikerinnen gegen die angebliche Vor-herr-schaft der männlich geprägten Sprache kämpfen zu lassen.
Übrigens frage ich mich nach dem Kieler Simonis-Sturz, warum es trotz der zwölf Frauen in der SPD-Fraktion so selbstgewiss aus Politikerinnenmund heißt: der Heckenschütze, der Abweichler, der Verräter.
Quelle:
Bild am Sonntag (BamS)
Buchtipp:
"Schluss mit lustig! Das Ende der Spaßgesellschaft
Autor: Peter Hahne
128 Seiten, gebunden
ISBN-Nr.:3-501-05180-8
Art.-Nr.: 05 180
Preis: 9.95 EUR
weitere Infos unter:
peter-hahne.de










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